EMBRYO HUNTS IN SECRET (Taiji ga mitsuryo suru toki)

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Japan 1966
Regie, Produzent: Koji Wakamatsu
Drehbuch: Masao Adachi
Kamera: Hideo Ito
Musik: Yoshiaki Otani (Pseudonym von ?), J.S.Bach, Hector Berlioz
Darsteller: Miharu Shima, Hatsuo Yamaya
73 min

Japanischer Arthouse/Exploitation-Klassiker

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Über EMBRYO HUNTS IN SECRET noch etwas zu schreiben, ist heutzutage fast so, als würde man Eulen nach Athen tragen. Deshalb hier nur meine abgewandelte Besprechung, die 2007 in der ofdb veröffentlicht wurde:
Was sind zeitlos transgressive Filme? Eigentlich nur Filme, die in der Vergangenheit angesiedelt sind und/oder Filme in (fast) geschlossenen Räumen, ganz einfach weil die Veränderung der Außen-Umwelt nicht an ihnen nagen kann. Zu Ersteren würde ich 120 TAGE VON SODOM, IM GLASKÄFIG und SINGAPORE SLING zählen, zum zweiten EMBRYO HUNTS IN SECRET, NACHT DER LEBENDEN TOTEN und ERASERHEAD. EMBRYO wurde vier Jahre nach DAS SCHWEIGEN bzw. zwei Jahre vor NACHT DER LEBENDEN TOTEN gedreht und ist bis heute noch nie mit englischen oder gar deutschen Untertiteln auf DVD veröffentlicht worden.
Die Geschichte von EMBRYO ist simpel: Ein Manager mit einem ausgeprägten Mutterkomplex hält seine Angestellte über Tage (oder Wochen) als Sexsklavin, fesselt und peitscht sie, misshandelt sie mit Rasierklingen und lässt sie wie einen Hund an der Leine nackt durchs Zimmer kriechen, bis sie sich schließlich befreien kann und ihn absticht.
Was sich bei einer nüchternen Inhaltsangabe anhört wie gefundenes Fressen für Emma-LeserInnen, ist jedoch eher eine erschütternd nihilistische Studie männlicher Einsamkeit und Verlorenheit, sozusagen DER LETZTE TANGO IN PARIS, reduziert bis aufs Mark.
Ein Mann, der niemals geboren werden wollte, sich sogar sterilisieren ließ, um selbst keine Kinder zu zeugen; dessen Frau sich deshalb künstlich von jemand anderen befruchten ließ und ihn schwanger verließ. Ein Mann, der am liebsten ein Embryo geblieben wäre, aus Feigheit vor der Welt, und der jetzt seine ganze soziale und sexuelle Unfähigkeit an seiner Untergebenen auslässt. Während der Misshandler im Laufe seiner Demütigungen sogar so schwach wird, dass ihn die Misshandelte in ihrem Schoß mit Kinderliedern in den Schlaf singt, wächst in ihr immer mehr die Überlegenheit ihm gegenüber und der Schlussmord ist weniger Rache als Erlösung, für beide.

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Dass die vorhandenen Exploitation-Zutaten nicht ins Bodenlose abgleiten, verhindert Wakamatsu mit einer soliden, schauspielerisch glaubwürdigen Inszenierung sowie perfekter Kameraarbeit. Denn formal überrascht der 73-minütige Film, gedreht in Schwarz-Weiß und Cinemascope mit ruhigen, klaren Bildern: Oftmals wird in statischen Einstellungen nur ein Viertel des Formats genutzt, der Rest ist weiße Wand. Des Weiteren Godard´sche Nouvelle-Vague-Reminiszenzen und der stimmige Einsatz klassischer Musik (z.B. im Vorspann die Kantate „Was mein Gott will“ von Bach), die sich abwechseln mit sogar für heutige Verhältnisse extrem sadistischen, das Exploitation-Kino der 70er vorwegnehmenden, Misshandlungsszenen.
Natürlich wollte Wakamatsu damals die Zensoren schocken, um Publicity zu kriegen, was ihm in Japan nicht ganz gelungen ist, doch in Frankreich ist der Film 2007 bei Zootrope erschienen und hatte dort anfangs gehörigen Ärger mit der Freigabe-Frage: Pornografie oder Kunst? Nicht schlecht für einen Film, der aus den 60ern ist. Oder andersrum: War der Film seiner Zeit so weit voraus, dass seine Zeit noch gar nicht gekommen ist?
Wakamatsus Kammerspiel ist ein extrem intensives, transgressives Zwei-Personen-Stück, das man ähnlich wie 120 TAGE VON SODOM nur einmal alle zehn Jahre ertragen kann und das, wie oben erwähnt, zeitlos bleiben und hoffentlich endlich auch vom Westen als Kunst anerkannt wird.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 40:60

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
VIOLATED ANGELS (Koji Wakamatsu)
VIOLENT VIRGIN (Koji Wakamatsu)
GESCHICHTEN HINTER WÄNDEN (Koji Wakamatsu)
mochten

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