BILBAO

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Spanien 1978
Regie, Drehbuch: Bigas Luna
Produzent: Pep Cuxart
Kamera: Pedro Aznar
Musik: Iceberg, Kurt Weill (Bilbao-Song)
Darsteller: Angel Jove, Maria Martin, Isabel Pisano
94 min

Misanthrope Einsamkeitsstudie

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Bigas Lunas Debütfilm BILBAO entstand kurz nach dem Ende des Franco-Regimes, als einige spanische Regisseure die neu gewonnene Freiheit mit kreativen, provokativen und kompromisslosen Filmen nutzten, z.B. Ivan Zuluetas ARREBATO (1979) oder Pedro Almodovars PEPI, LUCI, BOM (1980).
BILBAO könnte zu Unrecht bescheinigt werden, dass es sich um einen gestreckten Kurzfilm handelt. Denn die Handlung ist nicht sonderlich von Plot Twists geprägt. Der etwa 40-jährige Leo kann seine Frau Maria nicht mehr ertragen. Ab und an lässt er sich angewidert zu sexuellen Gefälligkeiten hinreißen, ansonsten sucht er nach dem Objekt Frau, das er ganz für sich haben will. Dieses Objekt findet er in der Hure Bilbao, die er anhimmelt, der er nachstellt und die er schließlich entführt. Er macht sich semi-nekrophil über die mit Chloroform betäubte Frau her, bricht ihr aber versehentlich das Genick. Maria, die ihn immer noch liebt, hilft ihm, die Leiche zu entsorgen. Der Film endet, wie er begonnen hat: Leo beim Zähneputzen, auf der Suche nach dem Objekt Frau.
Erzählt wird das alles, zwar unter Nutzung nicht weniger Schnitte, sehr langsam, linear und unaufgeregt, eben eine bittere Studie der Sinnsuche nach Franco. Vielen wird so ein Film zu langweilig sein, aber genau diese Akribie der Banalitäts-Sezierung macht BILBAO ähnlich wie Fassbinders WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? so intensiv. Bei der Chloroform-Idee musste ich unweigerlich an Koji Wakamtsus vier Jahre später entstandenen POOL WITHOUT WATER denken, der zwar einiges radikaler als das spanische Pendant ist, aber ähnlich wertfrei, fast dokumentarisch inszeniert ist.

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BILBAO ist eine fast klinische Studie über Einsamkeit. Die sehr unangenehme Grundstimmung wird noch potenziert durch einen deprimierenden Soundtrack und durch die Nachtklub- und Neon-Außenszenen einer spanischen Zwischenwelt. Das i-Tüpfelchen ist aber Lunas exzessive Nutzung von Leos Voice-Over, einer Art Vorläufer von Gaspar Noes MENSCHENFEIND. Leo ist ein Scheißtyp. Nicht sonderlich auffällig, nicht sonderlich hübsch, aber voller Abscheu seiner Umwelt und erst recht seiner Frau gegenüber, mit der er nur noch verbandelt ist, weil er von ihrem Geld schmarotzt. Wenn er sich nicht onanierend in seinem Kabuff einsperrt, serviert er seiner Frau die Milch schon mal mit einem Schuss Spucke.
Obwohl Lunas schmutziges, fast misanthropes Debüt noch viel roher und deshalb arg anders ist als seine späteren Filme, sind hier schon die Grundzüge dieses arg sexuell fokussierten Autorenfilmers erkennbar, und zwar in einer kurzen fetischisierten Sexszene: Leos Frau liebt es, Milch über den Arsch gegossen zu bekommen, bevor sie von hinten genommen wird. Die Schnittfolge, die Kameraeinstellungen, die kalte, aber dennoch erotische Inszenierung der kompletten Szene weist die Richtung, die später Lunas Fokus sein wird.
BILBAO ist ein beeindruckendes Debüt, sehr schmutzig, sehr traurig und sehr wahr. Der Stoff, aus dem Psychopathen sind, sitzt in der Wohnung nebenan und grüßt dich morgens auf dem Weg zur Arbeit.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
MENSCHENFEIND (Gaspar Noe)
WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? (R.W.Fassbinder)
POOL WITHOUT WATER (Koji Wakamatsu)
mochten

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Ein Gedanke zu „BILBAO

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