Chernukha Чернуха

Was heißt Chernukha (Чернуха)?
Die Tristesse von russischen Trabantenstädten, gepaart mit der Ostmode der winzigen Menschlein, übt auf mich eine gewisse Faszination aus. Es freut dann natürlich mein kleines Herz umso mehr, wenn dank Glasnost auch noch bisweilen Filme der unschönen Art in dieser Umgebung gedreht wurden. „Chernyi“ heißt „schwarz“ auf Russisch, die Endung „-ukha“ ist die Verlaufsform. Chernukha heißt am ehesten Schwärzen, Schwarzmalerei, Schwarzes Loch oder Tiefschwarz.
Die Chernukha waren während und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Filme, die sehr kritisch bis offen feindselig ausschließlich die negativen Seiten des alten Regimes aufzeigten und/oder nicht gerade frohlockend in die Zukunft blickten. Ein neuer sozialer Realismus russischer Prägung, in dem die Grenzen zwischen Arthouse und Exploitation verschwimmen. Da gibt es manche eher intellektuell angehauchte Beispiele, aber ganz oft welche, die sich liebend gerne in Alkohol, Drogen, Sex und Gewalt suhlen und niedrigere Instinkte ansprechen oder in deren Fokus zerrüttete Familien, soziale Randgruppen, Kleinkriminelle oder generell gescheiterte Existenzen stehen. In vielen Fällen verschwimmt beides.
Manche Chernukha haben es immerhin auf internationale Festivals geschafft, doch viele haben nie die westliche Welt erblickt, zu spezifisch russisch sind die Themen. Nach dem Riesenerfolg des Mafia-Exploitation-Heulers KINGS OF CRIME (1988) überfluteten zum Beispiel unendlich viele extrem miserable Actionfilme die sowjetischen Kinos, welche aber für Nichtrussen ungefähr so interessant sind wie die zig Bollywoodfilme, die es nicht auf den internationalen Markt geschafft haben. Hier werden eher die Chernukha besprochen, die eine wirkliche Gratwanderung zwischen Anspruch und Schund versuchten. Allein da gibt es neben bekannteren Beispielen wie ASSA (1987), KLEINE VERA (1988) und TAXI BLUES (1990) noch einiges an unbekanntem Terrain, das es wert ist, entdeckt zu werden.

Filmografie (Auswahl):
(Produktionsland jeweils bis 21.12.1991: Sowjetunion, dann Russland o.a.)

1984 DIE REUE (Pokajanie/Monanieba) Покаяние/მონანიება von Tengiz Abuladze
1985/87 DIE NICHTPROFESSIONELLEN (Neprofessionaly) Непрофессионалы von Sergei Bodrow
1987 BURGLAR (Vzlomshchik) Взломщик von Valeri Ogorodnikow
1987 ALLEINSTEHENDE FRAU SUCHT BEKANNTSCHAFT… (Odinokaya zhenshchina zhelayet poznakomitsya) Одино́кая же́нщина жела́ет познако́миться von Wjatscheslaw Krischtofowitsch
1987 DER BOTE (Kuryer) Курье́р von Karen Shakhnazarow
1987 ASSA (Acca) А́сса von Sergei Solowjow
1987 BLACKMAILER (Shantazhist) Шантажист von Valeri Kurykin
1987 FRIEND (Drug) Друг von Leonid Kuinikhidze
1987 PLUMBUM ODER GEFÄHRLICHES SPIEL (Pliumbum, ili opasnaya igra) Плюмбум, или Опасная игра von Vadim Abrashitov

1988 DIE NADEL (Igla) Игла von Rashid Nugmanov
1988 DER EHEMANN UND DIE TOCHTER VON TAMARA ALEKSANDROVNA (Muzh i doch‘ Tamary Aleksandrovny) Муж и дочь Тамары Александровны von Olga Narutskaya
1988 MY NAME IS HARLEQUIN (Menya zovut Arlekino) Меня зовут Арлекино von Valeri Ryubarew
1988 ON THE OUTSKIRTS, SOMEWHERE IN THE CITY (Na okraine, gde-vo gorode…) На окраине где-то в городе von Valeri Pendrakowski
1988 AUTUMN, CERTANOVO (Osen, certanovo…) Осень, Чертаново… von Dmitri Talankin/Igor Talankin
1988 PUBLICATION (Publikatsiya) публикация von Viktor Volkov
1988 KOLYA (Kolka) Колька von Hussein Erkenow
1988 BRANDSTIFTER (Podzhigateli) поджигатели von Alexander Surin
1988 EIN VERHÄNGNISVOLLER FEHLER (Rokovaya oshibka) Роковая ошибка von Nikita Khubow
1988 LIEBE JELENA SERGEJEWNA (Dorogaya Yelena Sergeevna) Дорогая Елена Сергеевна von Eldar Ryazanov
1988 KINGS OF CRIME (Vory vi zakone) Воры в законе von Yuri Kara
1988 KLEINE VERA (Malenkaya Vera) Маленькая Вера von Vasili Pichul

1989 INTERGIRL (Interdevochka) Интердевочка von Piotr Todorowski
1989 DAS PÜPPCHEN (Kukolka) Куколка von Isaak Fridberg
1989 DER DIENER (Sluga) Слуга von Vadim Abrashitov
1989 REED PARADISE (Kamyshovyy ray) Камышовый рай von Yelena Tsyplakova
1989 KOMA Кома von Nijole Adomenaite/Boris Gorlov
1989 ENDSTATION (Konechnaya ostanovka) Конечная остановка von Serik Aprymow
1989 ASSUAGE MY SORROWS (Utoli moya pechali) Утоли моя печали von Alexander Aleksandrow/Viktor Prokhorow
1989 FREIHEIT IST EIN PARADIES (S.E.R. – Svoboda eto rai) Сэр (Свобода — это рай) von Sergei Bodrow sr.
1989 DAS ASTHENISCHE SYNDROM (Astenicheskiy sindrom) Астенический синдром von Kira Muratowa
1989 CRASH – COP’S DAUGHTER (Avariya – doch menta) Авария — дочь мента von Michail Tumanishvili
1989 DIE SCHWARZE ROSE IST DAS EMBLEM DES BEDAUERNS, DIE ROTE ROSE DAS EMBLEM DER LIEBE (Chyornaya roza – emblema pechali, krasnaya roza – emblema lyubvi) Чёрная роза — эмблема печали, красная роза — эмблема любви von Sergei Solowjow

1990 100 TAGE GENOSSE SOLDAT (Sto dney do prikaza) Сто дней до приказа von Hussein Erkenow
1990 DOG’S FEAST (Sobachiy pir) Собачий пир von Leonid Menaker
1990 HALTE STILL, STIRB, ERWACHE (Zamri, umri, voskresni!) Замри, умри, воскресни von Vitali Kanewsky
1990 KARTENBETRÜGER (Katala) Катала von Sergei Bodrow sr.
1990 DIE WACHE (Karaul) Караул von Alexander Rogoschkin
1990 ZERFALL (Raspad) Распад von Michail Belikow
1990 BODY (Telo) Тело von Nikita Khubow
1990 TAXI BLUES (Taksi-Blyuz) Такси-блюз von Pavel Lungin
1990 PANZER (Pantsir) Панцирь von Igor Alimpiew
1990 SCHWANENSEE – DIE ZONE (Lebedyne ozero-zona) Лебединое озеро.Зона von Juri Iljenko

1991 KÄLTE (Kholod) Холод von Hussein Erkenow
1991 SATAN (Satana) Сатана von Viktor Aristov
1991 LIEBE (Lyubov) Любовь von Valeri Todorowsky
1991 MIGRANTEN (Migranty) Мигранты von Valeri Priyomykhov
1991 KICKS (Kiks) Кикс von Sergei Livnev
1991 ADAMS RIPPE (Rebro Adama) Ребро Aдама von Wjatscheslaw Krischtofowitsch
1991 MEMENTO MORI Мементо мори von Nikolai Geiko
1991 HUNTING FOR A PIMP (Okhota Na sutenera) Охота на сутенера von Vadim Derbenjow
1991 DAS HAUS UNTER DEM STERNENHIMMEL (Dom pod zvyozdnim nebom) Дом под звёздным небом von Sergei Solowjow

1992 DER TSCHEKIST (Chekist) Чекист von Alexander Rogoschkin
1992 LUNA PARK Луна-парк von Pavel Lungin
1992 ICH WOLLTE ENGEL SEHEN (Ya khotela uvidet angelov) Я хотела увидеть ангелов von Sergei Bodrow sr.
1992 AN INDEPENDENT LIFE (Samostoyatelnaya zhizn) Самостоятельная жизнь von Vitali Kanewsky

sowie
2002 LILJA 4-EVER (Lilya 4-ever) Лиля навсегда von Lukas Moodysson (Schwed.-Dän. Produktion)
2007 CARGO 200 (Gruz 200) Груз 200 von Alexei Balabanow
2006-2008 ASSA 2 (2-Acca-2) von Sergei Solowjow

Obige Liste wird kontinuierlich upgedatet.

P.S.: Je mehr ich mich mit dem Thema befasse, desto offensichtlicher wird, dass der Begriff Chernukha zum geflügelten Wort geworden ist.
Andrew Horton und Michael Brashinsky, haben in ihrem Buch The Zero Hour: Glasnost and Soviet Cinema in Transition die typischen Zutaten eines Chernukha aufgelistet:

– The family, agonizing or already collapsed.
– Average Soviet Citizens unmasking their animalistic natures, ultimate immorality, and unmotivated cruelty, which perfectly illustrates the popular Russian proverb “who keeps company with the wolf will learn to howl.”
– The death of all former ideals, leaving no hope for the future after the closing credits.
– Packed everyday conditions in “communal apartments” where several families live sharing all utilities, with the cockroaches being thrown in the neighbour’s soup, naked light bulbs and torn wallpaper in the hallways, dirty graffiti on the staircases, with the attendant “communal” psychology and forms of communication.
– Senseless hysterics and fights arising from nowhere and dying down in the middle of a scream.
– Usually, a few “adult” scenes, usually explicit sexual references.

Nicht jeder Film in obiger Liste erfüllt alle klassischen Chernukha-Kriterien, die Perestroika-Trilogie eines Solowjow ist z.B. zu vielschichtig, um sie nur darauf zu reduzieren. Mein Anliegen sind die Filme der Sinnsuche, Orientierungslosigkeit und Angst – und der neuen ehrlichen Hässlichkeit während des Zerfalls der Sowjetunion, also die paar Jahre von 1987 bis 1992.

Ein Gedanke zu „Chernukha Чернуха

  1. Ich finde das Thema „Chernukha“ äußerst interessant und freue mich daher sehr über die ausführliche und informative Filmografie! Leider werden nicht alle Filme leicht zu beschaffen sein…

    Bisher habe ich mich tendenziell einzelnen Filmen des „White Trash“ (z.B. Winters Bone) genähert oder auch dem italienischen „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“.
    Vielleicht wäre das sogar ein potentielles Spielfeld dieser hervorragenden Homepage 🙂

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