GLORIA MUNDI (Tortura)

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Frankreich 1975/2005
Regie, Drehbuch, Produzent: Nikos Papatakis
Kamera: Frederic Varioti, Yorick Le Saux (2005)
Musik: Groupe Barbaud Brown Klein, Nico Fidenco, Ruggero Fiorini, Olga Karlatos, Tassos Chalkias (2005), Bernard Parmegiani (2005)
Darsteller: Olga Karlatos, Armand Abplanalp, Philippe Adrien
95 min

Kunst, Gewalt und Revolution; Selbstentblößung, Snuff und Folter: Ein fast verschollenes Meisterwerk

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Der Grat zwischen Arthouse und Kunstfilm ist ein schmaler. Da gibt es keine Regeln oder offensichtliche Trennkriterien. Das funktioniert völlig subjektiv. Prätentiöse Ego-Touren wie SCHWANENSEE: DIE ZONE werden nur durch die Bilder gerettet. AUSGEPEITSCHT ist Exploitation mit aufgesetztem Kunstanspruch, PARIS DOES NOT EXIST ist einfach nur langweiliger verkopfter Käse, PRATA PALOMARES wiederum ist ein intellektueller Sandkastenfilm mit Schauwerten für Gore-Fans. Doch was ist Nikos Papatakis GLORIA MUNDI? Auf jeden Fall ist es Kunstfilm, Arthouse Film und Exploitation in einem. Einer der wenigen Filme, die anwidern und faszinieren zugleich. Vielleicht der Vorreiter von Nikolaidis SINGAPORE SLING, vielleicht die radikalere Version von Godards WEEKEND oder die französische Variante von Pasolinis 120 TAGE VON SODOM.
Auf jeden Fall ist es Olga Karlatos Film. Die drückt sich Zigaretten auf der Haut aus oder foltert sich mit Elektroschocks an den Nippeln oder führt einen bizarren Tanz auf, an dessen Ende sie sich wiederholt auf Champagnerflaschen setzt und vaginale Entkorkungen zelebriert. Die bekotzt und die in einer zwanzigminütigen Film-im-Film-Folterszene u.a. mit einer abgebrochenen Bierflasche bis zur Bewusstlosigkeit penetriert wird. Alles im Namen der Kunst, in ihrer Gier nach einer Hauptrolle, um ihrem heruntergekommenem Apartment zu entkommen, in ihrer Hoffnung, ihren Sohn wiedersehen zu dürfen, in ihrem Method-Acting-Wahnsinn, den perfekten Folterschrei zu erzeugen, für einen Kunst-Film-im-Film über Folter.
„Weltruhm“ lautet die Übersetzung des Originaltitels, und der hätte Olga Karlatos gebührt, denn sie ist Galai, eine 70er Jahre Schauspielerin, die um die Gunst und eine Rolle in einem Film des sadistisch-perfektionistischen Regisseurs Hamdias kämpft, mit dem sie scheinbar einen Sohn hat, den er ihr vorenthält. Ähnlich wie Godot taucht Hamdias nie auf, alle reden von ihm, bewundern und verachten ihn. Denn er ist auch noch algerischer Revoluzzer, der, wenn er nicht gerade Bomben baut, mit seinem Folterkunstfilm die Folter von französischen Soldaten an algerischen Widerstandskämpfern kritisieren will. Die Hälfte des Films ist abgedreht, jetzt ist Hamdias verschwunden, Galai wird vom Staatsschutz überwacht und bekommt eine Mission von Hamdias auferlegt: Sie soll eine bourgeoise Filmfuzzi-Party im wahrsten Sinne des Wortes sprengen. Und auch das probt sie in ihrem Drecksloch mit einer Hingabe, die selten so im Kino abgefeiert wurde: Eine schwitzende, ängstliche Galai/Olga, die selbst eine Zeitbombe baut und dann mit der scharfen Bombe probt, um sie jeweils im letzten Moment auszuschalten.

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GLORIA MUNDI ist alles, was die 70er zum schönsten Jahrzehnt der Filmgeschichte macht: Er ist politisch, provokativ und dreckig. Dreck auf allen Ebenen. Ein psychisch extrem belastender Soundtrack; Klamotten, Kulissen und Ausstattung vom widerlichsten und innerlich verfaulte Gestalten, die Produzenten, Spitzel und Snobs geben.
Linear ist das zwar schon irgendwie gefilmt, aber alles andere als einfach zu folgen. In GLORIA MUNDI ist es bisweilen schwierig, Vorsatz von Dilettantismus zu trennen, wenn sich z.B. manchmal Schnitt und Achsensprung die Hand reichen, manchmal eben nicht. Dann das Geschrei knapp neben die Kamera und Sprünge in Kostüm und Geschichte.
Der generell kaputte Look passt hier wie die Panzerfaust aufs Auge des Publikums, da Papatakis Film mit seinen teilweise nicht gestellten Szenen hart an der Grenze zum Snuff-Film pendelt; in diesem Fall der Ego-Snuff-Film einer Olga Karlatos, die alles gibt, was eine Schauspielerin einem Regisseur, der Rolle, einem Film überhaupt geben kann, fast so selbstentblößend wie eine Annie Sprinkle. Wie denkt die Karlatos wohl heute über den Film? Steht sie zu ihrer 70er-Eingeweiden-Zurschaustellung, oder ist da die „Ich war verliebt und abhängig„-Ausrede (Olga Karlatos war Papatakis Ehefrau von 1967 bis 1982)? Das darf und kann sie eigentlich gar nicht von sich behaupten, denn GLORIA MUNDI ist die Rolle ihres Lebens gewesen. Danach kam an ansatzweise ähnlicher Größe nur noch Fulcis WOODOO, aber da waren andere Elemente die Hauptdarsteller.
Regisseur Nikos Papatakis kommt vom Surrealismus (als 31-Jähriger war er der Produzent von Jean Genets LIEBESLIED) und hat selbst nur fünf Spielfilme in 30 Jahren inszeniert. Warum sein 70er Film so ist, wie er ist, wäre wirklich interessant zu erfahren. Wie waren die Kritiker, das Publikum, die zeitgenössischen Kollegen auf den Film zu sprechen? Bizarrerweise hatten GLORIA MUNDI und 120 TAGE VON SODOM ihre Premiere am 22.11.1975, auf dem ersten „Festival du Film de Paris“. Schade, dass da Pasolini schon tot war, er wäre Papatakis als Bruder im Geiste bestimmt um den Hals gefallen.
Fakt ist, laut dem Presseheft der französischen Verleihfirma Shellac, dass Papatakis danach keinen Film mehr inszenieren wollte, was er bis 1986 auch durchgehalten hat. Als ihn zu Beginn des neuen Millenniums ein Kollege darauf angesprochen hat, dass GLORIA MUNDI zeitlos sei und eine Wiederaufführung (nach der Fertigstellung 1975 und wenigen Screenings in Frankreich 1976) längst überfällig sei, setzte sich Papatakis noch mal an den Film. Er schnitt aus dem 130-minütigen Ur-Werk über eine halbe Stunde Material heraus, das ihm zu zeitbezogen war, besänftigte den aggressiven Schockton der ursprünglichen Musik und ließ manche Szenen von einem Postproduction-Profi überarbeiten. Der 92-minütige 2005-Cut ist vom Verleiher für Vorführungen zu haben und lief u.a. auf dem Thessaloniki Filmfestival. Die US-amerikanische (Titel: IN HELL) und die italienische DVD (Titel: TORTURA) scheinen auf der ursprünglichen Fassung zu beruhen, da sie marginal länger sind als der Re-Release und in der Musik-Schlüsselposition andere Credits aufweisen (Die Screenshots und die obige Laufzeit entstammen der ita. DVD).
Papatakis Film geht tief, sehr tief. Er geht an die Substanz der Hauptdarstellerin und des Publikums. Das ist nicht schön anzusehen. Und irgendwie doch, weil es das Dilemma zwischen Sein und Schein so essenziell zelebriert wie noch kein Film davor. Jenseits der aggressiven Allegorien auf Faschismus, Revolution und Geschlechterkrieg wirkt GLORIA MUNDI wohl noch exzessiver als die Nicolas Roeg-Filme mit Theresa Russell oder alle Regiearbeiten John Dereks verdächtig autobiografisch, denn er handelt auch von der absoluten Selbstaufgabe für die Liebe bis zu einem Übermaß an Masochismus.
Das ist Snuff. Das ist Exploitation. Das ist Kunst. Das ist Liebe. Auf jeden Fall ist GLORIA MUNDI ein Meisterwerk, von dem es hoffentlich irgendwann eine Deluxe-Box mit dem 1975-Cut und dem 2005-Cut geben wird. Nikos Papatakis kann das wohl nicht mehr machen. Er ist leider am 17.12.2010 (92-jährig!) verstorben.
reda

P.S: Nach weiteren Recherchen habe ich Folgendes herausgefunden: „Del film esistono tre versioni: l’originale francese del 1975, l’edizione italiana del 1977 (supervisionata dal regista) e un’ulteriore versione del 2005, rimontata e integrata con scene girate ex novo. Tutte e tre, a diverso titolo, sono da considerarsi varianti „d’autore“, ma per quanto ne so l’unica ufficialmente disponibile in DVD è l’edizione italiana, anche se la qualità purtroppo non è certo di riferimento.“ Demnach wurde wohl 1977 vom Regisseur selbst eine Version für den italienischen Markt angefertigt, von der eine heruntergenudelte Kopie wohl die Basis für die italienische DVD war.
Hätte mich auch gewundert, denn so wunderschön psycho, wie der Soundtrack ist, kann das nur die alte Version gewesen sein. Der Youtube-Trailer-Link enthält übrigens teilweise restaurierte bzw. „neue“ Szenen, z.B. die Brückenszene oder die Soldatenschulung. Diese Szenen lassen Schlimmes erahnen. Ich befürchte, da hat sich mal wieder einer nach 30 Jahren Abstand selbst verhunzt.

Und hier noch ein durchaus lesenswerter externer Link in Englisch über den Regisseur:
Nikos Papatakis,
the depths of human soul as an anti establishment manifesto:
Les Abysses – Gloria Mundi

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
120 TAGE VON SODOM (Pier Paolo Pasolini)
TSCHEKIST (Alexander Rogoschkin)
SWEET MOVIE (Dusan Makawejew)
mochten

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