DIE MORDE VON SNOWTOWN (Snowtown)

sno0
Australien 2011
Regie: Justin Kurzel
Drehbuch: Shaun Grant
Story: Shaun Grant, Justin Kurzel
Produzent: Anna McLeish, Sarah Shaw
Kamera: Adam Arkapaw
Musik: Jed Kurzel
Darsteller: Daniel Henshall, Lucas Pittaway, Louise Harris
115 min

Exploitation-Härte, im Arthouse-Gewand versteckt

sno1
sno2
Wir schreiben das Jahr 2011 (oder auch 2014): Das Serienmörder-Genre ist mittlerweile so ausgelutscht, dass dagegen sogar die Walt Disney-Fabrik innovativ wirkt. SNOWTOWN überrascht dennoch, da er vielmehr Sozialstudie des australischen Poor White Trash denn Genrefilm ist. Das kaputte Setting, die hässlichen Menschen, das stupide bildungsarme Gesülze: All das ist mehr GUMMO als z.B. (hm, was ist aus dem Stegreif der klischeehafteste aller Serienmörderfilme?) AMERICAN PSYCHO.
Die Snowtown-Morde waren die „Säuberungsmorde“ des geistig extrem gestörten John Bunting, der von Regisseur Justin Kurzel im gleichnamigen Film als kumpelhafter Freund des Haushalts der Patchwork-Inzest-Asi-Familie um Elizabeth Harvey eingeführt wird. Die Kinder von Elizabeth wurden vermutlich (da es im Film nur angedeutet wird) von einem Nachbarn missbraucht. John macht sich in der Bude breit und beliebt, indem er den „Päderasten-Abschaum“ terrorisiert, bis er endlich wegzieht.
Vor allem Jamie, der älteste Sohn der Familie ist von dem dicklichen Redneck mehr als angetan, doch bald dämmert ihm, das dessen Wut über Andersartige auch vor Mord nicht haltmacht. Jamies Tumbheit und Rückgratlosigkeit machen ihn aber bald zum Komplizen.

sno3
sno4
Erzählerisch ist SNOWTOWN in etwa der BRANDED TO KILL der Serial Killer, denn Vieles muss sich das Publikum selbst zusammenreimen: Eine fragmentarisch erzählte Milieustudie, die immer wieder mit ihrer Fokussierung bzw. Nichtfokussierung überrascht. Diese methodische Sprunghaftigkeit gilt auch für die Morde: Manche werden relativ grafisch gezeigt, andere wiederum nur angedeutet. Wirklich sympathische Charaktere gibt es nicht, was dem Film teilweise auch etwas ratlose negative Kritiken eingebracht hat. Der klassische Müll wurde da wiederholt heruntergespult: Zu zynisch, zu distanziert sei der Film.
Ja, er dümpelt eben vor sich hin, dümpeln allerdings im positiven Sinne: Zwar eine lineare Geschichte, doch ohne hollywoodschen Spannungsbogen, Good-Guy-Bad-Guy-Dreck, Plot Points, vermeintlicher Charakterentwicklungen und all der restliche Käse, der das Wort Spannung korrumpiert. Denn SNOWTOWN ist spannend, weil angespannt. Über dem Film hängt nicht nur aufgrund seines schier unglaublich trostlosen Milieus eine Wolke der Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit sowie Wut und Apathie. Dass Justin Kurzel seinen Film deshalb genauso unvermittelt enden lässt, wie er anfängt, ist daher fast schon immanent.
SNOWTOWN ist ganz nah dran an der idealen Symbiose zwischen Arthouse und Exploitation: kein schöner Film, denn seine Welt ist keine schöne. Und glücklich macht er sowieso nicht, aber er öffnet Poren. Das ist selten genug. Alles richtig gemacht.
reda

sno5
sno6
Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
GUMMO (Harmony Korine)
MYSTERIOUS SKIN (Gregg Araki)
DIE LETZTE KRIEGERIN (Lee Tamahori)
mochten

Werbeanzeigen

CHRISTINE

tine0
GB 1986/87
Regie: Alan Clarke
Drehbuch: Alan Clarke, Arthur Ellis
Produzent: Brenda Reid, BBC
Kamera: David Jackson, Steve Saunderson
Musik: (Archiv)
Darsteller: Vicky Murdock
51 min

Heroin.

tine1
tine2
In Klammern die Filmminuten: Titel (0). Christine gehend (1), drückend (4), gehend (6), drückend (8), gehend (10), drückend (12), gehend (14), drückend (18), gehend (19). Pitstop bei Mutti (20). Christine gehend (22), drückend (27), gehend (28), drückend (29). Pitstop bei Mutti (30). Christine gehend (32), drückend (34), gehend (36), drückend (37), gehend (39). Pitstop bei Mutti (40). Christine gehend (41), Platten leihend (42), gehend (43), Platten hörend, drückend (45), apathisch (49). Abspann.

tine3
tine4
Alan Clarke ist nicht von ungefähr der am meisten bewunderte Fernsehregisseur. Die Liste seiner Meisterwerke ist lang. ELEPHANT ist vielleicht sein reduziertestes, aber CHRISTINE sein größtes.
reda

tine5
tine6
Arthouse-Exploitation-Gewichtung 40:60

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
ELEPHANT (Alan Clarke)
SCUM (Alan Clarke)
MADE IN BRITAIN (Alan Clarke)
mochten

AESTHETICS OF A BULLET (Teppodama no bigaku)

aes0
Japan 1973
Regie: Sadao Nakajima
Drehbuch: Tatsuo Nogami
Produzent: Kanji Amao
Kamera: Toshio Masuda
Musik: Ichiro Araki, Zuno Keisatsu („Gehirnpolizei“)
Darsteller: Tsunehiko Watase (Kiyoshi), Miki Sugimoto (Junko), Mitsuru Mori (Yoshiko), Jun Midorikawa (Ritsuko)
98 min

Miki Sugimoto 10: Yakuza-Kultfilm, weil Kunstanspruch

aes1
aes2
Kiyoshi ist ein Loser und Möchtegern-Yakuza. Tagsüber arbeitet er als Koch und nachts vertreibt er sich die Zeit mit Glücksspielchen und Prahlereien, mit denen er tatsächlich nicht wenige Frauen in die Kiste bekommt. Als er aber eines Tages vor den Yakuza zu überzeugend mit seinen Fähigkeiten als Killer protzt, bekommt er sofort einen Auftrag. Doch das wird zum Problem, denn so hartgesotten wie Kiyoshi tut, ist er eben nicht. Und das gefällt den echt harten Jungs gar nicht….
Tsunehiko Watase und Miki Sugimoto scheinen nach AESTHETICS OF A BULLET irgendwie füreinander bestimmt gewesen zu sein. Insgesamt noch dreimal spielten sie mehr oder weniger die gleichen Rollen. Immer war Watase der Ganove und Sugimoto sein Liebchen. So auch in der Generalprobe dieser Konstellation und dann noch unter dem Kunst-Deckmantel der ART THEATRE GUILD (atg).
Das Budget war zwar, wie immer bei der atg, viel schmaler als bei Nakajimas Vertragsstudio Toei, doch aufgrund seines Bekanntheitsgrades und der projektbezogenen künstlerischen Ambitionen konnte er sogar klassischen Toei- und Nikkatsu-Cast für nen Appel und n Ei für seinen Exploitation-meets-Arthouse-Ausflug gewinnen. Theoretisch ist Nakajimas Ausbruch zwar die klassische Yakuza-Milieu-Geschichte, doch schon in den ersten Minuten ist zu erkennen, warum viele etablierte Regisseure aus dem Studiosystem ausbrachen, um bei der atg ihre kreativen Träume zu verwirklichen .
Denn wie Nakajima hier seine Geschichte erzählt, hätte bei Toei wohl kein Verantwortlicher abgesegnet (Um es mal in der Comic-Sprache auszudrücken, war Nikkatsu eher DC und Toei Marvel, was hieß, dass das Zielpublikum von Toei seeehr einfach gestrickt war und wohl stirnfaltig das Kino verlassen hätte).

aes3
aes4
Das fängt schon an mit Kiyoshis TAXI DRIVER-ähnlichen Offkommentaren über sein Milieu, unterlegt von extremen Nahaufnahmen einer fressenden und saufenden japanischen Gesellschaft. Des Weiteren ist die Schnittfolge bzw. Montage trotz der klassischen Geschichte weitaus experimenteller als beim Dutzendware-Studio Toei. Das gilt auch für die Cadrage. Da wird die Kamera schon mal um 90 Grad gedreht, damit das Publikum halsverrenkend das Cinemascope-Format auch längs genießen kann.
Und das Ende, ja, das Ende des großen Ganoven Kiyoshi, ist einfach großartig lapidar. Dann sind da noch die zahlreichen Sexszenen, die mit einer Intensität und einem Realismus glänzen, dass man sich etwas wundert, warum das z.B. nicht für die meisten Roman Porno galt. Anscheinend schien es damals ein ungeschriebenes Gesetz bei den „Proll-Studios“ gewesen zu sein, jegliche Schauspielerei inkl. Vögeln mit Over-Acting abzustrafen. Die zahlreichen Regisseure hätten wohl auch anders gekonnt, siehe hier. Womit ich auch abschließend zu Sugimoto überleite.
Denn da muss ich anmerken, dass sie als Junko in AESTHETICS OF A BULLET zwar nur eines von Kiyoshis Liebchen ist und nur etwa zwanzig Minuten den Film bereichert, aber die haben es in sich. Fast wie ein Vorläufer von WILD AT HEART werden z.B. Fickszenen mit Kiyoshis Alltag unterschnitten. Höhepunkt dieser kurzen Affäre ist dann ein kleines Rollenspielchen, in dem die Prügel-Ikone wuff-wuff-machend nackt durch ein Hotelzimmer krabbelt (und wieder was gelernt: Während in Deutschland Hunde Wau oder Wuff machen, machen sie in Japan Wa-wa-waff), Kiyoshi schließlich auf der Hündin reitet und beide laut lachend das Spielchen beenden.
Nakajimas einziger atg-Film ist in Japan zum Kultfilm avanciert, was neben dem Prä-Punkrock-Titelsong „Fuzakeru n jane yo“ von Zuno Keisatsu auch u.a. an der Unerhältlichkeit jenseits einer Kinokopie lag. Es wurde nie eine DVD, noch nicht einmal eine VHS veröffentlicht, aber es gibt ja auch in Japan mittlerweile Pay-TV.
AESTHETICS OF A BULLET ist eine echte Perle des Yakuzafilms und kann sich dank seiner Milieutreue und dem ihm innewohnenden Nihilismus problemlos neben Fukasakus GRAVEYARD OF HONOR stellen.
reda

aes5
aes6
Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
GIRL BOSS 5: ESCAPE FROM REFORM SCHHOL (Sadao Nakajima)
GRAVEYARD OF HONOR (Kinji Fukasaku)
TAXI DRIVER (Martin Scorsese)
mochten