TERRIFYING GIRLS’ HIGH SCHOOL: WOMEN’S VIOLENT CLASSROOM (Kyofu joshikoko: boryuku kyoshitsu)

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Japan 1972
Regie: Norifumi Suzuki
Drehbuch: Masahiro Kakefuda, Ikuo Sekimoto, Norifumi Suzuki
Produzent: Kanji Amao
Kamera: Juhei Suzuki
Musik: Masao Yagi
Titellied: Rika Sudo
Darsteller: Miki Sugimoto, Reiko Ike, Rika Sudo, Ema Ryoko, Nobuo Kaneko, Rena Ichinose
78 min

Miki Sugimoto 11: Überdurchschnittliches Sukeban-Gehaue und -Gepimper

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Die vierteilige KYOFU JOSHIKOKO-Reihe ist ganz klar ein Ableger der sieben SUKEBAN-Filme, d.h. diesmal sind randalierende Riot-Grrrls nicht nur kloppend auf der Straße zu begutachten, sondern erst recht in der Schule. Auf dem Plakat wird der schöne rote Kreis der japanischen Flagge zum Blutfleck und die nuttige Schminke der „Schulmädchen“ sorgte damals für einige Empörung.
Zu unrecht wird der erste Film der Reihe gerne vernachlässigt, weil er eben doch nur Fallstudie für den weitaus ambitionierteren zweiten Teil LYNCH LAW CLASSROOM war. Doch mehr Spaß als der zweite und vierte Sukeban macht WOMEN’S VIOLENT CLASSROOM auf jeden Fall. Und es gibt tonnenweise bekannte Gesichter und Stereotypen zu entdecken. Neben Miki Sugimoto und Reiko Ike fällt vor allem immer wieder Naomi Oka auf, die sich im Juli 1972 für GIRL BOSS GUERILLA eine Glatze rasieren ließ und an der man die rasante Drehgeschwindigkeit erkennen konnte: Zwei Monate Abstand zur GUERILLA reichte auf jeden Fall nur für eine lustige Stoppelfrisur bei Oka.
Ryoko Ema hat mal wieder die Böse Wichtin-Arschkarte, die Altikonen Yoko Mihara und Hiroshi Nawa dasselbe in älter und Tadashi Naruse, Sugimotos Boxerliebe aus GUERILLA spielt einen schlagkräftigen Lehrer.
Rika Sudo darf nicht nur Teil der Grrrlie-Gang sein, sondern trällert auch das Titellied. Humoristisch bewegt sich Suzuki mit WOMEN’S VIOLENT CLASSROOM leider im unteren Niveaubereich, also Schmierchargentum, das eher für Kenner der japanischen Materie erträglich ist.

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Der größte Unterschied der Joshikoko- zu den Sukeban-Filmen ist, dass sich zwei zunächst verfeindete School-Grrrl-Gangs (hier angeführt von Sugimoto als Michiko vs. Ema als Sumiko) nach gegenseitigem Gekloppe gegen die korrupte Schulleitung zusammentun. Die Ike spielt das vermeintlich biedere Klavier-Klimpermäuschen Yuki, das noch nicht weiß, auf welche Seite es sich schlagen soll. Und dann ist da noch ausnahmsweise die Erklärung, warum Michiko so eine arg wütende Sukeban geworden ist. Tja, wer hätte das gedacht: Sie wurde mal Opfer eines Gangrapes, was natürlich extrem exploitativ in einer Rückblende ausgeschlachtet wird.
Die Highlights des ersten Schul-Klopp-Eintrages sind: Catfight Sugimoto-Ike auf einer Fußgängerbrücke und eine Massenschlägerei von ca. vierzig Schulmädchen. WOMEN’S VIOLENT CLASSROOM sollte aber definitiv VOR dem Stand-Alone-Teil2 geguckt werden, da doch sehr blaupausig.
Kleiner Scherz am Rande: Anarcho Suzuki lässt es sich natürlich nicht nehmen, dass der damalige Superstar Nobuo Kaneko, Star der ultra-erfolgreichen YAKUZA PAPERS-Reihe, von den Grrrls so richtig einen drauf kriegt.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 20:80

Schulnote: 2+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
TERRIFYING GIRLS’ HIGH SCHOOL: LYNCH LAW CLASSROOM (Norifumi Suzuki)
GIRL BOSS BLUES: QUEEN BEE’S CHALLENGE (Norifumi Suzuki)
GIRL BOSS (Norifumi Suzuki)
mochten

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WOLF (Okami – Running is Sex)

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Japan 1982
Regie: Banmei Takahashi
Drehbuch: Satoshi Tomita
Produzent: Director’s Company, Banmei Takahashi
Kamera: Yuichi Nagata
Musik: Ryudo Uzaki, Heart Beats
Darsteller: Jugatsu Toi, Megumi Saki, Toru Nakane, Kazuhiko Hasegawa
61 min

Brachial radikal oder die Punkvariante von THEMROC

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Banmei Takahashi war nicht nur der erste japanische Regisseur, der 1994 in seinem AI NO SHINSEKAI (mit dem originellen deutschen Titel TOKIO DEKADENZ 2) Geschlechtsteile unzensiert zeigen durfte (und das ganz offiziell abgesegnet), er hat auch eine überaus umfangreiche Filmografie vor den (bisherigen) imdb-Einträgen vorzuweisen.
1982 war das erste Jahr, in dem der damals 33-jährige Takahashi, ein Zögling Koji Wakamatsus, seine Arbeitswut als Regisseur etwas zurückschraubte. Nach knapp 60 Pinkfilmen (der erste davon 1972 und unglaubliche VIERZIG Stück von 1979-1981) gründete er in diesem Jahr zusammen mit Kazuhiko Hasegawa, Toshiharu Ikeda, Sogo Ishii, Shinji Somai, Kiyoshi Kurosawa, Kichitaro Negishi, Kazuki Omori und Kazuyuki Izutsu die „Director’s Company“ (ディレクターズ・カンパニー), die etwas jüngere Variante der Art Theatre Guild (atg).
Wem jetzt die meisten dieser Namen nichts sagen, sollte das schleunigst aufarbeiten, denn diese illustre Meute, und nicht die atg, war in den 80ern die kreative Speerspitze der japanischen Filmszene, da die in die Jahre gekommene atg zu diesem Zeitpunkt lieber auf Altbewährtes vertraute als auf Nachwuchsregisseure.
Banmei Takahashis WOLF war dann am 20. November 1982 auch die erste Produktion dieses bunten Haufens (noch vor Kiyoshi Kurosawas KANDAGAWA WARS). Der etwas bizarre japanische Untertitel kommt daher, weil WOLF in einem Triple Feature mit dem ebenfalls 60-minütigen FAREWELL BUDDY (SARABA AIBO – ROCK IS SEX) von Ryudo Uzaki (produziert von Takahashi, nach einem Drehbuch von Uzaki und Kiyoshi Kurosawa) und dem 50-minütigen HARLEM VALENTINE’S DAY (HAREMU BARENTAIN DEI – BLOOD IS SEX) des Schauspielers, Musikers und Regisseurs Shigeru Izumiya gestartet ist. Auch hier war Takahashi der Produzent.
Ich habe unten die VHS-Cover dieser dreistündigen Zuschauerattacke angehängt. Allein Izumiyas Beitrag scheint zu beweisen, dass er es schon vor seinem Prä-TETSUO-Cyberpunk-Meilenstein DEATH POWDER (1986) faustdick hinter den Ohren hatte.
Leider habe ich weder das Blut noch den Rock gesehen, aber ich muss sagen: Allein das Gerenne, also WOLF, hats in sich: Brachial radikal.

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Die beiden Hauptpersonen heißen laut Credits nur Mann und Mädchen.
Der Mann spricht nicht, er grunzt nur. Der Mann lebt nackt in einer Wohnung, in der sprichwörtlich nichts ist außer Müll, Essensreste und ein Kühlschrank. Wenn der Kühlschrank leer gefressen ist, klaut der Mann Essen aus Supermärkten. Der Mann joggt, um Spannungen abzubauen. Wenn das nicht reicht, vergewaltigt er Passantinnen.
Das Mädchen hängt in Discos rum, ist aber gelangweilt von ihrem Freund. Als sie ein Opfer des Mannes wird, folgt sie ihm in dessen Wohnung. Die Beiden beschnuppern sich, lecken sich sauber und ficken – wie Tiere. Die große Liebe, nackt im Müll. Wenn der Kühlschrank leer gefressen ist, klauen sie abwechselnd Essen aus Supermärkten – bis der Mann bei einem Beutezug von aufgebrachten Passanten erschlagen wird. Das Mädchen trägt sein Kind aus.
WOLF ist radikales Kino. Keine Erklärungen, wenig Dialoge und keine Schnörkel. Das passiert einfach und davon ganz viel im Dunkeln der Wohnung, denn die einzige Lichtquelle ist der Kühlschrank. Meistens sind die beiden Liebenden nur zu erahnen. Manchmal verirrt sich auch ein natürlicher Lichtstrahl in die unabgeschlossene Wohnung, wenn nämlich Vertreter in der Tür stehen, die den Totalverweigerern etwas verkaufen wollen. Doch dem Mann und dem Mädchen ist das egal. Es zählt nur der Trieb.
WOLF macht da weiter, wo THEMROC aufhört. Jetzt hast du dich von den Zwängen gelöst und was kommt danach? Wie ernährst du dich, was zählt wirklich?
Ein reiner, ehrlicher Film. Und dank seiner Reinheit auch liebevoll – und fast uneingeschränkt liebenswert.
Punktabzug gibts eigentlich nur, weil mir die nippon-immanente Selbstverständlichkeit der Vergewaltigungs-Ritualisierung immer mehr und immer öfter die Kotze hochtreibt, Kunst hin oder her. Andererseits: Wer für sich diese erbärmliche Seite japanischer Kreativmentalität ausblendet, hat noch nie einen japanischen Film gesehen.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
THEMROC (Claude Faraldo)
DER WOLFSJUNGE (Francois Truffaut)
DAS GROSSE FRESSEN (Marco Ferreri)
mochten

Mangels Quellen ist folgender Clip aus FAREWELL BUDDY (SARABA AIBO – ROCK IS SEX)

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TO LIVE (Zhit)

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Russland 2010
Regie, Drehbuch, Musik: Juri Bykow
Produzent: Aleksei Uchitel, Kira Saksaganskaya, Konstantin Kozlow
Kamera: Iwan Burlakow
Darsteller: Sergei Beljajew, Alexei Komaschko
72 min

Existenzieller Existenzialismus in der russischen Steppe

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Ein Kollege meinte zu mir mal leicht überspitzt: Eigentlich kannst du dir für eine Monografie die komplette Filmografie eines Autorenfilmers sparen, denn du wirst feststellen, egal, was er auch für Geschichten erzählt: Es war alles schon da, in seinem ersten Film. Das ist das Leitthema, das ihn immer beschäftigen wird. Ob diese Meinung auf den russischen Nachwuchs-Festival-Shooting Star Juri Bykow zutrifft, wird sich somit zeigen.
Dessen TO LIVE, der mit seinen 72 Minuten gerade die Schwelle zum Langfilm durchbricht, ist eine düstere Parabel über den rudimentären Überlebenstrieb des menschlichen Wichts im Korsett eines klassischen Actionthemas: Ein dicklicher älterer Jäger schießt gerade in der herbstlichen russischen Taiga sein Abendessen, als plötzlich ein etwas jüngerer hagerer Mann aus einem Waldstück gerannt kommt. Er brüllt fortwährend „Wagen starten! Wagen starten!“ und schon wird auf die Beiden geschossen. Pat und Patachon springen ins Auto des Jägers, Gewehrkugeln zerfetzen die Scheiben und drei Männer kommen ihnen hinterher gelaufen. Das ungleiche Paar kann zwar entkommen, doch bleibt ihr Auto bald im Morast stecken und die Flucht muss zu Fuß fortgesetzt werden. Ihr Ziel ist eine vierzig Kilometer entfernte Stadt …

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TO LIVE ist Existenzialismus pur, handelt ähnlich wie Joseph Loseys IM VISIER DES FALKEN einfach nur vom Kampf ums Überleben. Es gibt keine wirkliche Begründung für die Hatz und nur wenig Hintergrundinformationen über die Jäger und die Gejagten. Die zwei Flüchtigen lernen sich kennen und respektieren, während sie in verschiedenen Variationen mit einem moralischen Dilemma konfrontiert werden: Zwei Schiffbrüchige hängen auf einer Planke, die das Gewicht zweier Menschen nicht trägt. Wer soll sterben?
Kompakt, stringent und bar jeglicher Melodramatik erzählt, hinterlässt Bykows Lehrstück beim Betrachten des Abspanns einen ziemlich faden Nachgeschmack.
Die Weltsicht des Juri Bykow scheint eine durchaus pessimistische zu sein: Jede Figur hat zwar immer die Wahl, wenn sie auf Messers Schneide herumtorkelt, auf welche Seite sie kippt. Doch bei Bykow entscheiden sich die Protagonisten immer für den eigenen Vorteil. Die oftmals folgende Reue (ein Element, was ihn deutlich von seinem ähnlich pessimistischen Landsmann Alexei Balabanow unterscheidet) kommt aber meistens zu spät. Eigentlich ist dieses Verhalten fast schon der Spoiler bei jedem Bykow-Film. Doch der 1981 geborene Russe steht erst am Anfang seiner Karriere. Der Erfahrungswert mit der Filmkarriere einiger ähnlich gestrickter Auteurs wird bei ihm zeigen, ob er weiterhin mit seinen Extremsituationen immer wieder dasselbe variiert, oder im Zuge eines potenziellen internationalen Erfolges (der sich mit zahlreichen Auszeichnungen für den Nachfolgefilm THE MAJOR schon ankündigte) etwas subtilere Parabeln strickt.
Eines ist aber sicher: Von Juri Bykow wird man in Zukunft noch viel hören und hoffentlich auch hierzulande sehen.
reda

Dieser Artikel erschien ausführlicher am 23.6.2014 auf der Webseite von Splatting Image

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
IM VISIER DES FALKEN (Joseph Losey)
MAYOR (Juri Bykow)
UNTERNEHMEN CAPRICORN (Peter Hyams)
mochten