PRISON BATTLE SHIP (Kangoku senkan)

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Japan 2013/14
Regie, Drehbuch: Gory Matsuda
Vorlage: Masaki Sonoda
Produzent: ZIZ Entertainment, Lilith
Kamera: Masashi Matsuda, Nabe, Shinichi Ohara
Musik: Rokugen Alice, Maiko
Darsteller: Reiko Kobayakawa, Miki Sunohara, Ryo Kurihara
219 min

Epische Videospiel-Verfilmung mit Tiefgang

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Was Uwe Boll kann, können die Japaner auch. Das Videospiel KANGOKU SENKAN, 2007 veröffentlicht, bekam schon 2009 eine vierteilige Anime-Serie kredenzt. Im Januar 2014 folgte dann die Live Action-Variante, die mit einer Laufzeit von über dreieinhalb Stunden den Geduldsfaden so einiger Sci-Fi-Fans hart auf die Probe stellt.
Die Ausgangsbasis des Films ist eine Zukunft, in der die Menschen das Sonnensystem kolonialisiert haben. Während die auf der Erde geborenen Neo-Terraner eher eine autoritär-konservative Kolonialisierungspolitik verfolgen, stehen die auf Kolonien geborenen Neo-Solaner für eine liberalere Ordnung im Universum. Die beiden Polizistinnen Lieri Bishop und Naomi Evans haben den Auftrag, Donny Boghan, den extrem konservativen Terraner-Kapitän eines Raumschiffes dingfest zu machen. Das gestaltet sich schwierig, da dieser schon einmal von den Beiden in einem Entführungsfall verhaftet wurde und jetzt nicht nur Groll im Sinn hat. Er will die Polizistinnen auf seine Seite ziehen, indem er ihnen Drogen verabreicht.
Nach dieser kurzen Einführung entpuppt sich KANGOKU SENKAN sehr rasch als psychologisches Kammerspiel, das, bis auf eine kurze Rückblende, komplett an Bord des Raumschiffes spielt. Ähnlich wie in Tarkowskis SOLARIS wird dabei anfangs viel über die Grenzen des menschlichen Entdeckungsdranges philosophiert, bevor Matsudas existenzielle Meditation der Bilderwelt von Kubricks 2001 weicht. Das Publikum wird bombardiert mit visuell innovativen Einfällen, wie sie so selten im japanischen Science-Fiction-Film (vielleicht sogar im Science-Fiction-Film überhaupt) zu sehen waren.

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Dieser Übergang zum Visuellen ist auch dringend notwendig, da leider nicht in Abrede gestellt werden kann, dass die schauspielerischen Leistungen der beiden Heldinnen nicht an Kubricks oder Tarkowskis Protagonisten heranreichen. Doch Haare in der Suppe gibt es immer und diese Unzulänglichkeit ist denn auch das einzige Manko an Matsudas Vision. Ansonsten punktet sein Film mit einem großartigen Setdesign (das ein bisschen an den Sci-Fi-Klassiker IN DEN KRALLEN DER VENUS erinnert), überraschenden Wendungen, vor allem in der Charakterzeichnung der Naomi, und einem rätselhaften Ende, das so ambivalent gestaltet ist, dass ich mir immer noch nicht sicher bin, ob es „happy“ oder „sad“ ist.
2014 schrie der Pöbel, dass Christopher Nolans INTERSTELLAR der neue 2001 sei. Sorry, das ist Unsinn. Ganz einfach, weils der erste Nolan war, bei dem man bequem pinkeln gehen und danach der Geschichte trotzdem noch folgen konnte.
Wenn es letztes Jahr ein Film mit 2001 aufnehmen konnte, dann KANGOKU SENKAN. Die zwei Meisterwerke verbindet die Überlänge, die Wortkargheit ganzer Szenen, die mutigen Bilder und inhaltlich die Sinnsuche des menschlichen Staubkorns. Leicht zugänglich sind sie beide nicht, denn Kubricks 68er Farbenwirbel wird, nicht minder genial, abgelöst von eckigem Pixelwirrwarr 2014. Doch hinter den Farbenspielen verbirgt sich in beiden Fällen die Essenz unseres Seins.
Fazit: Die Amis haben ihren 2001, die Russen den SOLARIS und die Japaner, mit reichlich Verzögerung, KANGOKU SENKAN.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 20:80

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
2001 (Stanley Kubrick)
SOLARIS (Andrei Tarkowski)
IN DEN KRALLEN DER VENUS (Edward Bernds)
mochten

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CHRISTINE

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GB 1986/87
Regie: Alan Clarke
Drehbuch: Alan Clarke, Arthur Ellis
Produzent: Brenda Reid, BBC
Kamera: David Jackson, Steve Saunderson
Musik: (Archiv)
Darsteller: Vicky Murdock
51 min

Heroin.

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In Klammern die Filmminuten: Titel (0). Christine gehend (1), drückend (4), gehend (6), drückend (8), gehend (10), drückend (12), gehend (14), drückend (18), gehend (19). Pitstop bei Mutti (20). Christine gehend (22), drückend (27), gehend (28), drückend (29). Pitstop bei Mutti (30). Christine gehend (32), drückend (34), gehend (36), drückend (37), gehend (39). Pitstop bei Mutti (40). Christine gehend (41), Platten leihend (42), gehend (43), Platten hörend, drückend (45), apathisch (49). Abspann.

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Alan Clarke ist nicht von ungefähr der am meisten bewunderte Fernsehregisseur. Die Liste seiner Meisterwerke ist lang. ELEPHANT ist vielleicht sein reduziertestes, aber CHRISTINE sein größtes.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 40:60

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
ELEPHANT (Alan Clarke)
SCUM (Alan Clarke)
MADE IN BRITAIN (Alan Clarke)
mochten

SWEET TRAP (Amai wana)

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Japan 1963
Regie: Koji Wakamatsu
Drehbuch: Michio Mine, Koji Wakamatsu
Produzent: Nikkatsu
Kamera: Tomoya Kadoguchi
Musik: N.N.
Darsteller: Goro Mutsumi, Tamaki Katori, Reiko Gosho, Kimihiko Takeda
54 (82) min

Kein schöner Land: Zuhälter, Drogen und sexuelle Gewalt in Japan vor 50 Jahren

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SWEET TRAP galt lange Zeit als das verschollene Debüt Koji Wakamatsus. Doch letztes Jahr ist ausgerechnet vom „National Film Center Japan“ eine fragmentarische Kopie dieses Films aufgetaucht. Fragmentarisch deshalb, weil von den offiziell angegebenen 82 Minuten nur noch 54 übrig sind. Doch die reichen, um der ganzen Welt zu zeigen, dass Wakamatsu schon immer Wakamatsu war. Von wegen nackte Frauenrücken und sonst Kindergeburtstag!
Nach einleitenden fünf Minuten, die das Pärchen Reiko und Kimihiko fast im Stile eines Ama-Filmchens balzend am Strand zeigen, gehts gleich in die Vollen. Der Zuhälter Goro wird beim skrupellosen Abkassieren diverser Prostituierter gezeigt. Auf der Suche nach neuen Häschen für seinen Stall spricht er auf der Straße auch Reiko an, allerdings zunächst erfolglos. Doch nach einer Unterredung mit der scheinbar vertrauenswürdigen Barfrau Tamaki trifft sich Reiko mit Goro in einer Bar. Tamaki versetzt Reikos Getränke mit einem Betäubungsmittel und Goro verfrachtet die Ohnmächtige in sein Auto. Dann kommt das, was kommen muss. Reiko wird von ihm in dessen Wohnung zuerst verprügelt, dann vergewaltigt. Als Goro wieder Geld eintreiben geht, lässt er zwei seiner Kumpels als Bewacher zurück, die sich selbstredend auch mit Reiko „vergnügen“. Den Rest gibt ihr ein schwarzer G.I.-Kunde, der sie ebenfalls vergewaltigt und verprügelt, aber im Affekt von ihr abgestochen wird. Das macht Goro nicht glücklich, doch im Schlussgerangel kriegt auch er noch seine tödliche Quittung.

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Mangels meiner Japanischkenntnisse habe ich die Darstellernamen benutzt. Und man möge mir verzeihen, falls die Zusammenfassung nicht zu 100 Prozent stimmt, doch viel komplexer scheint mir SWEET TRAP nicht zu sein. Dennoch ist es für einen (nach eigener Auskunft) literarisch unbegabten 27-jährigen Schreiberling und Yakuza-Kleinkriminellen schon erstaunlich, wie professionell und vor allem repräsentativ dieses Debüt ist. Den zensurkodex-bedingten Zwangsverzicht auf Nacktszenen gleicht Wakamatsu mit verhaltenen Brutalitäten aus, die zwar oft nur das Resultat zeigen, aber 1963 bestimmt nichts fürs japanische Durchschnittspublikum waren. Das Zuhälter-Milieu; die Ghetto-Herkunft Reikos; der generelle Wakamatsu-Nihilismus, der jegliche Liebe im Keim erstickt; das Zelebrieren diverser Vergewaltigungen oder drogenmissbrauchsbedingter Erbärmlichkeiten; die klassische Böser-Bubi-Abschlachtung am Ende des Films; die Cadragen, die sich manchmal einen Scheiß um den rechten Winkel scheren: das alles ist typisch Wakamatsu. Natürlich noch nicht so artifiziell wie spätere Einträge von ihm, aber schon mit seinem naturalistisch-voyeuristischen Stilwillen.
Die Barfrau wird übrigens von der Früh-Pink-Ikone Tamaki Katori gespielt, die es, u.a. im erstem offiziellen Pinkfilm FLESH MARKET (1962), angeblich auf 600 Auftritte in diesem Genre brachte.
Von SWEET TRAP scheint es sogar eine Bluray-Vorführkopie zu geben, die (siehe Flyer unten) wohl im Oktober 2013 uraufgeführt wurde und von Wakamatsu-abonnierten Verleihern bestimmt irgendwann offiziell erscheinen wird, inklusive der Bildsprünge, den fehlenden Credits und den deutlichen Materialverschleißspuren (Anfangs dachte ich sogar, dass es sich gar nicht um das Debüt, sondern irgendeinen Früh-Wakamatsu handelt, doch der Bildvergleich mit japanischen Quellen bestätigte diese Befürchtungen nicht).
Fazit: SWEET TRAP ist bestimmt kein Meisterwerk, doch es zeigt schon sehr deutlich, in welche Richtung sich die Karriere dieses damals noch „Angry Young Man“ drehen wird.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 40:60

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
LEAD TOMBSTONE (Koji Wakamatsu)
FRENZY (Koji Wakamatsu)
RESUME OF LOVE AFFAIRS (Koji Wakamatsu)
mochten
wana2013-10-17