DIE HIMMLISCHE KREATUR (Chunsangui Pijomul)

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Südkorea 2006/2012
Regie, Drehbuch: Kim Ji-woon
Idee, Vorlage: Park Sung-hwan
Produzent: Jung-hwa Kim
Kamera: Kim Ji-yong
Musik: Mowg
Darsteller: Park Hae-il (Stimme von In-myung), Kim Kang-woo (Park Do-won), Kim Gyu-ri (Hye-joo), Jo Yoon-hee (Ji-eun), Song Young-chang (CEO)
40 min

Roboter träumen nicht von elektrischen Schafen, sondern sind prädestinierte Buddhisten

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Episodenfilme sind immer problematisch, da nur das Auffällige hängen bleibt. Bei DOOMSDAY BOOK ist das aber nicht so schlimm, da ausgerechnet die Episode, die mit der Prämisse des Originaltitels (INRYU MYEONGMANG BOGOSEO, übersetzt etwa „Bericht über das Ende der Menschheit“) am wenigsten zu tun hat, die einzige nicht Nichtige ist.
Die Rede ist von Kim Ji-woons DIE HIMMLISCHE KREATUR, der wie auch SCHÖNE NEUE WELT von Yim Pil-sung schon 2006 fertiggestellt wurde. Doch da kurz danach die weitere Finanzierung des DOOMSDAY BOOK-Projekts wegbrach, wurde der dritte Film, das Musical WEIHNACHTSGESCHENK von Han Jae-rim, nie gedreht. Deshalb musste Yim Pil-sung noch einen Heuler namens HAPPY BIRTHDAY einige Jahre später nachlegen, damit der finale Zweistünder endlich verscherbelt werden und 2012 den Hauptpreis beim FANTASIA Montreal, dem größten Genrefilmfestival der Welt, einsacken konnte.
Um Pil-sungs zwei Käsefilme mal schnell abzuhacken: SCHÖNE NEUE WELT, in der ein scheinbar genetisch mutierter Apfel die ganze Welt zu Zombies verkommen lässt, dürfte wohl der überflüssigste Zombiefilm aller Zeiten sein, ohne Sinn, Verstand, Ziel und Relevanz. HAPPY BIRTHDAY, der andere, in der ein kleines Mädchen im Internet eine Billardkugel bestellt, die als riesiger Meteor die Erde zerstört, ist zumindest minimalst witzig, aber genau genommen genauso überflüssig.
Nur der Mittelteil, eben DIE HIMMLISCHE KREATUR, ragt hervor, und das nicht zu knapp.
Techniknarr und Hochglanz-Regisseur Ji-woon verstrickt hier eigentlich zwei kleine Kurzfilme ineinander: Der Techniker Park Do-won ist in nicht allzu ferner Zukunft zuständig für die Reparatur defekter Roboter. Eines Abends klingelt seine hippe und oberflächliche Nachbarin Ji-eun bei ihm: Er soll ihrem kaputten Roboterhündchen einen neuen Chip einsetzen. Do-won juckt das Gejammer anfangs wenig: Dafür solle sie sich an ein Service Center wenden, was ihm die Nervtrulla mit einem hysterischen Anfall quittiert. Schließlich tut er ihr den Gefallen, nur um bei einem Blick aus dem Fenster festzustellen, wie Ji-eun das Hündchen, weil es eben nicht so perfekt funktioniert, wie sie das gerne hätte, in der Mülltonne vor dem Apartmentkomplex entsorgt.
Ein noch größeres Problem erwartet ihn in einem buddhistischen Kloster. Dort sei der Dienstroboter In-myung erleuchtet, also zum Buddha geworden und lebt und meditiert mit den dortigen Mönchen. Von der Klosterleitung gerufen, soll Do-won feststellen, ob ein technischer Defekt vorliegt oder die artifizielle Intelligenz wirklich erleuchtet sei. Wie es sich für einen Techniker gehört, scheitert Do-won an der Diagnose, denn rein technisch funktioniert In-myung einwandfrei. Andererseits sei ein Bewusstsein nicht normal.
Da sich Do-won nicht sicher ist, ob In-myung stillgelegt werden soll, kommt nun sogar der CEO seiner Firma in das Kloster, um dem abtrünnigen Roboter mit etwas rabiateren Methoden beizukommen. Doch In-myung ist mittlerweile nicht nur im Klosteralltag akzeptiert und integriert, sondern genießt aufgrund seiner Erleuchtung hohes Ansehen. Die Nonne Hye-joo und auch Park Do-won stellen sich hinter ihn…

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In DIE HIMMLISCHE KREATUR geht es nicht nur um die Frage, ob Roboter von elektrischen Schafen träumen, sondern ob sie, wenn sie ein Bewusstsein entwickeln, durch ihre rationale Programmierung weniger (oder vielleicht doch mehr?) potenzielle Sehnsüchte und Wünsche überwinden müssen, um zur Erleuchtung, also der Befreiung von irdischen Gelüsten, zu gelangen.
Der sonst eher für gelackte Blockbuster und Rumms-Bumms-Fallera-Filme berühmte Ji-woon geht hier erstaunlich weit runter vom Gas und liefert mit seiner männlichen mittellangen Spielfilm-Variante von Chris Cunninghams „All is full of love“ ein relativ tiefgründiges und nachdenkenswertes Sci-Fi-Arthouse-Filmchen ab.
Doch so sehr DIE HIMMLISCHE KREATUR mit durchaus angemessener technischer Ultra-Perfektion und ambitionierter Botschaft sprichwörtlich glänzen kann: Perfekt ist er leider nicht. Die klassisch lästige Schlusspointe, auch wenn sie noch so „passend“ sein mag, versaut etwas die „Standing Ovations“. Noch ein weiteres Problem gesellt sich hinzu, denn es wird einfach generell zu viel erklärt, vor allem mit der arg in die Richtung eines verblödeten Publikums schielenden Figur des CEO.
Fazit leider: Für einen Kurzfilm zu lang und zu trivial, also ein doppeltes Schielen in die falsche Richtung. Durch eine Reduktion des Erklär-Bären und stattdessen mit einigen genaueren Charakterdefinitionen und einem größeren Mut zum Schwelgen in Klosteralltagsbildern ausgestattet, hätte DIE HIMMLISCHE KREATUR das Potenzial zu einem Lang- und Kultfilm. So bleibt immerhin leider nur die balabanowsche ME TOO-Variante von Tarkowskis STALKER. Was aber immer noch taugen tut.
Deshalb zum Abschluss noch ein Zitat des erleuchteten Blecheimers: „Persönliche Wahrnehmung bedeutet zu unterscheiden. Es ist nur eine Klassifikation des Wissens. Obwohl allen Wesen die selbe innere Natur gemein ist, liegt es an der persönlichen Wahrnehmung, ob der eine als Buddha und der andere als Maschine eingestuft wird. Wir halten die persönliche Wahrnehmung fälschlicherweise für die absolute Wahrheit. Und solch eine Täuschung verursacht uns Leid. Wahrnehmung an sich ist leer, genau wie der Prozess des Wahrnehmens. Da die Leere auch meine Natur ist, sieh mich bitte als das, was ich bin.“
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
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mochten