TARGET (Mishen)

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Russland 2010/11
Regie: Alexander Seldowitsch
Drehbuch: Alexander Seldowitsch, Wladimir Sorokin
Vorlage: Wladimir Sorokin (Kurzgeschichte)
Produzent: Dmitrij Lesnewski
Kamera: Alexander Ilchowski
Musik: Leonid Desjatnikow
Darsteller: Justine Waddell (Zoya), Maxim Suchanow (Wiktor), Daniela Stojanowitsch (Anna), Danila Koslowski (Mitja), Nina Loschtschinina (Taja), Witalij Kischtschenko (Nikolaj)
154 min

Unaufdringlicher Bombast

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MISHEN ist das erste Meisterwerk der 10er Jahre: Reduzierter, fast ruhiger Bombast, angefüllt mit kleinen Geschichten, beiläufigen, aber pointierten Dialogen und (verglichen mit dem ähnlich gigantomanischen Wahnsinn eines Kubrick oder Tarkowski) relativ unspektakulären Bildern.
Die Premiere erfolgte im Panorama der Berlinale 2011, wurde zur Kenntnis genommen, wohlwollend oder weniger wohlwollend, ist aber generell lediglich im Mittelfeld der Begeisterung versandet. Es folgten weitere Festivals, ein paar Ahs und Ohs und dann Tschüss. Juckt die Welt einfach nicht. Noch nicht.
Erinnert irgendwie an das Schicksal von Sergei Solowjows ASSA 2 (2008).
Die Ähnlichkeit beider Epen ist schon frappierend, wenn auch eher Nord- und Südpol. Solowjow hofft immer noch, jugendliches Publikum für seine intellektuellen Spielereien zu begeistern, wohingegen Seldowitschs Ansatz lediglich an das Kind im Bildungsbürger appelliert.
Frappierende Ähnlichkeiten deshalb, weil beide Filme
a) auf Tolstois Roman „Anna Karenina“ und Quentin Tarantinos KILL BILL Bezug nehmen
b) als eines der Hauptthemen die Dekadenz der Ultrareichen im Neo-Russland 2000plus haben
c) im besten SozArt-Sinne unzählige Trivial- und Intellektverweise zu gigantischen filmischen Gebilden auftürmen
und
d) wieder von den Untiefen der Filmgeschichte verschluckt wurden. Und zwar dermaßen verschluckt, dass sie noch keinen international kompatiblen Silberling oder gar Blauling kredenzt bekamen (es existiert immerhin eine russische Bluray, aber ohne Untertitel).
ASSA 2 wird wohl leider verschütt bleiben, da schon dessen erster Teil, der ja nur der wichtigste Film zwischen Sowjetunion und Russland ist, von der Welt ignoriert wurde.
MISHEN wird irgendwann seine Ausgrabung feiern, wenn ein ähnlich berühmter Regisseur wie Martin Scorsese das Epos „wieder“-entdeckt und sich die Criterion-Collection dann sabbernd drauf stürzen kann.
Alexander Seldowitsch, der noch länger als Stanley Kubrick für seine Pre-Production braucht, dreht nur jedes Jahrzehnt einen Spielfilm. 1990 war dies sein Debüt ZAKAT (Sonnenuntergang), das sich arg verkünstelt mit seiner jüdischen Herkunft auseinandersetzte. 2000 folgte der simpelst betitelte MOSKAU, der ähnlich episch wie MISHEN strukturiert den postsowjetischen Gemütszustand der Russen als Thema hatte. Im Jahr 2010 wird nun der weitere Werdegang Russlands demontiert, diesmal im Gewand eines Science-Fiction-Films, um der peinlichen Offensichtlichkeit der putinschen Diktatur nicht ganz so offensichtlich zu begegnen. Die Vorlage stammt dann auch noch von Alexander Sorokin, der im „neuen“ Russland nicht sonderlich beliebt ist. Lange wurde von Sorokin und Seldowitsch an der Ausarbeitung der ursprünglichen Kurzgeschichte rumgefeilt. Einiges wurde wieder für das endgültige Drehbuch verworfen und findet sich in Sorokins Roman „Der Tag des Opritschniks“ wieder. Der filmische „Rest“ ist immer noch ein eklektizistischer Rundumschlag auf einigen inhaltlichen und philosophischen Ebenen.

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Im Jahr 2020 ist Russland mit seiner Superautobahn Paris-Guangzhou das Bindeglied zwischen Westeuropa und Fernost und hat einige wenige Menschen ziemlich reich gemacht. Doch die Elite hat Angst. Angst vor dem Altern. Drei Männer und zwei Frauen setzen sich deshalb eine Nacht in ein verstrahltes Loch in der sibirischen Pampa und kriechen wieder raus, die Ewigkeit herbei sehnend. Manko an der so gewonnenen Unsterblichkeit ist, dass sie nun ihr vorher schon desolates Innerstes, gepaart mit Übermensch-Größenwahn, nicht mehr unter Kontrolle haben. Ausnahmslos alle sind jetzt fast wie Sexsüchtige völlig triebgesteuert auf ihr gegengeschlechtliches Pendant fixiert und stellen auch in der Öffentlichkeit ihre Verdorbenheit dermaßen zur Schau, dass es für drei bis vier Fünftel von ihnen nicht gut endet. Also nix mit Ewigkeit, denn ewig lebst du nur, wenn deine Unsterblichkeit nicht gewaltsam verkürzt wird.
Das ist MISHEN an der Oberfläche. Dazwischen oder zusätzlich sind da noch Modekombinationen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, gigantische Wolkenkratzer in Moskaus Skyline, philosophische Abrisse über Vulkanologie, degenerierte Fernsehkochshows und abstruse Millionenspiele, futuristisches Sponsoring von Peugeot, eine Hatz auf asiatische Untermenschen, eine Brille, die Gutes von Bösem farblich trennen kann, unvermittelte Gewaltexplosionen, sehr viel ekstatische Liebe in diversen GEGEN-DIE-WAND-Facetten inklusive überwiegend Sex in Hundestellung, um die Rückkehr zum Primaten abzufeiern, eine degenerierte Swinger-Party und die fast hoffnungslose Sehnsucht nach Natur, nach Harmonie.
Das alles ergibt zusammen gematscht einen echten Seldowitsch, der dabei auch noch Perfektionist ist. Inhaltlich und optisch greift folglich alles ineinander und wird dabei von der ebenfalls sehr adäquaten Musik des angesehen und ambitionierten Komponisten Leonid Desjatnikow unterstützt, allerdings mit einer Klogriff-Ausnahme: Die nicht wenigen Fickszenen werden bisweilen dermaßen mit extrem lauter klassischer Musik zubombardiert, dass man ähnlich konsterniert davor sitzt wie vor Dario Argentos plumpem Heavy-Metal-Terror in OPERA.
Jenseits dieser einzigen Entgleisung (Dass sich die Hauptfiguren, männlich wie weiblich im Laufe der Geschichte keinen Millimeter von klassischen Rollenklischees entfernen, verbuche ich mal im Sinne des Films bzw. der parabelartigen Bestandsaufnahme des russischen Geistes 2000plus) bleibt aber ein ansonsten makelloses Stück Universalkino zurück, das öfter gesehen werden muss, um seine intellektuelle Komplexität, die trotz Trivialanspielungen nie wirklich in das Vulgäre eines Solowjow abdriftet, zu verstehen.
reda

P.S: Der Trailer ist natürlich wieder mal viel zu reißerisch: Aber wie soll man gleichzeitig verschiedene Ebenen und unaufgeregte Langsamkeit in zwei Minuten quetschen?
P.P.S: Apropos Trailer: Der Trailer ist bizarrerweise in Cinemascope, die Berlinale listet ihn genauso. DVD und Bluray sind aber 1,85:1. Habe mal die Bilder verglichen und es scheint wirklich so, dass die Konservenfassungen an den Seiten beschnitten wurden.

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 80:20

Schulnote: 1-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
ASSA 2 (Sergei Solowjow)
MOTHER (Gleb Panfilov)
MAGNOLIA (Paul Thomas Anderson)
mochten

TO LIVE (Zhit)

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Russland 2010
Regie, Drehbuch, Musik: Juri Bykow
Produzent: Aleksei Uchitel, Kira Saksaganskaya, Konstantin Kozlow
Kamera: Iwan Burlakow
Darsteller: Sergei Beljajew, Alexei Komaschko
72 min

Existenzieller Existenzialismus in der russischen Steppe

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Ein Kollege meinte zu mir mal leicht überspitzt: Eigentlich kannst du dir für eine Monografie die komplette Filmografie eines Autorenfilmers sparen, denn du wirst feststellen, egal, was er auch für Geschichten erzählt: Es war alles schon da, in seinem ersten Film. Das ist das Leitthema, das ihn immer beschäftigen wird. Ob diese Meinung auf den russischen Nachwuchs-Festival-Shooting Star Juri Bykow zutrifft, wird sich somit zeigen.
Dessen TO LIVE, der mit seinen 72 Minuten gerade die Schwelle zum Langfilm durchbricht, ist eine düstere Parabel über den rudimentären Überlebenstrieb des menschlichen Wichts im Korsett eines klassischen Actionthemas: Ein dicklicher älterer Jäger schießt gerade in der herbstlichen russischen Taiga sein Abendessen, als plötzlich ein etwas jüngerer hagerer Mann aus einem Waldstück gerannt kommt. Er brüllt fortwährend „Wagen starten! Wagen starten!“ und schon wird auf die Beiden geschossen. Pat und Patachon springen ins Auto des Jägers, Gewehrkugeln zerfetzen die Scheiben und drei Männer kommen ihnen hinterher gelaufen. Das ungleiche Paar kann zwar entkommen, doch bleibt ihr Auto bald im Morast stecken und die Flucht muss zu Fuß fortgesetzt werden. Ihr Ziel ist eine vierzig Kilometer entfernte Stadt …

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TO LIVE ist Existenzialismus pur, handelt ähnlich wie Joseph Loseys IM VISIER DES FALKEN einfach nur vom Kampf ums Überleben. Es gibt keine wirkliche Begründung für die Hatz und nur wenig Hintergrundinformationen über die Jäger und die Gejagten. Die zwei Flüchtigen lernen sich kennen und respektieren, während sie in verschiedenen Variationen mit einem moralischen Dilemma konfrontiert werden: Zwei Schiffbrüchige hängen auf einer Planke, die das Gewicht zweier Menschen nicht trägt. Wer soll sterben?
Kompakt, stringent und bar jeglicher Melodramatik erzählt, hinterlässt Bykows Lehrstück beim Betrachten des Abspanns einen ziemlich faden Nachgeschmack.
Die Weltsicht des Juri Bykow scheint eine durchaus pessimistische zu sein: Jede Figur hat zwar immer die Wahl, wenn sie auf Messers Schneide herumtorkelt, auf welche Seite sie kippt. Doch bei Bykow entscheiden sich die Protagonisten immer für den eigenen Vorteil. Die oftmals folgende Reue (ein Element, was ihn deutlich von seinem ähnlich pessimistischen Landsmann Alexei Balabanow unterscheidet) kommt aber meistens zu spät. Eigentlich ist dieses Verhalten fast schon der Spoiler bei jedem Bykow-Film. Doch der 1981 geborene Russe steht erst am Anfang seiner Karriere. Der Erfahrungswert mit der Filmkarriere einiger ähnlich gestrickter Auteurs wird bei ihm zeigen, ob er weiterhin mit seinen Extremsituationen immer wieder dasselbe variiert, oder im Zuge eines potenziellen internationalen Erfolges (der sich mit zahlreichen Auszeichnungen für den Nachfolgefilm THE MAJOR schon ankündigte) etwas subtilere Parabeln strickt.
Eines ist aber sicher: Von Juri Bykow wird man in Zukunft noch viel hören und hoffentlich auch hierzulande sehen.
reda

Dieser Artikel erschien ausführlicher am 23.6.2014 auf der Webseite von Splatting Image

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
IM VISIER DES FALKEN (Joseph Losey)
MAYOR (Juri Bykow)
UNTERNEHMEN CAPRICORN (Peter Hyams)
mochten

HIPSTERS (Stilyagi)

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Russland 2007/2008
Regie: Waleri Todorowski
Drehbuch: Juri Korotkow, Waleri Todorowski
Produzent: Wadim Gorjainow, Leonid Lebedew, Leonid Jarmolnik, Waleri Todorowski
Kamera: Roman Wasjanow
Musik: Konstantin Meladze
Darsteller: Anton Schagin, Oksana Akinschina, Maxim Matwejew , Ekaterina Vilkova
131 min

Poppiges Rock-Musical über eine 50er-Jahre Subkultur

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Oksana Akinschina ist die Natalie Portman Russlands. Die mittlerweile 27-Jährige steht seit ihrem 13ten Lebensjahr (SYOSTRY) eigentlich nonstop vor der Kamera und hat schon eine gescheiterte Ehe, zwei Geburten und einen Gastauftritt in THE BOURNE SUPREMACY hinter sich. Ihr erfolgreichster Film bis jetzt dürfte das Rock’N’Roll-Musical STILYAGI sein, das für den internationalen Markt mit HIPSTERS übersetzt wurde.
STILYAGI, inszeniert von Piotr Todorowskis (INTERGIRL) Sohn Waleri, ist ein russischer Big-Budget-Hit. 15 Millionen Dollar hat das Ding gekostet und mit Leichtigkeit wieder herein geholt. An allen Ecken und Enden strotzt der Film vor Amerikanismen, was jetzt nicht abwertend gemeint ist, sondern das Thema des Films.
In der Sowjetunion der 50er Jahre gibt es eine Subkulturbewegung, die sogenannten „Stilyagi“, die ihre Kleidung und den Lebenswandel arg von der gerade in Amerika aufkommenden Jazz-Musik ableiten. Mels ist Mitglied eines biederen sozialistischen Säuberungskommandos, das die Partys dieser Stilyagi stürmt und den Asozialen Haare und Klamotten verstümmelt. Nur leider verknallt sich Mels in die Stilyagi Polly, was ihn Stück für Stück selbst zum Stilyagi mutieren lässt.

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STILYAGI ist in Russland zum Kultfilm avanciert und war Publikumsliebling auf manchen internationalen Festivals. Kein Wunder, denn der Film wirkt wie das russische Pendant zur Musical-Version von John Waters HAIRSPRAY (2007). Beide Filme glänzen mit einem mitreißenden Retro-Rock-Soundtrack, poppigen Farben und Kostümen, großartigen Schauspielern und einer Geschichte, die brav allen bekannten Kitschregeln folgt. Ja, auch das Post-John-Waters-Ding, um hier mal ein paar Waters-Fans auf die Füße zu treten.
Logischerweise war der internationale Erfolg von STILYAGI leider nicht so dolle, was mal wieder an der Faulheit des Publikums liegt, Untertitel mitlesen zu müssen, denn die russisch gesungenen Musical-Einlagen sind teilweise sogar erzählerisch.
Naja, wer die DVD oder sogar Bluray von STILYAGI in die Finger kriegt und eine Musical-Version von HAIRSPRAY nicht als größte Sünde vorm Herrn versteht, wird auch von STILYAGI nicht enttäuscht werden.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung weder noch

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
HAIRSPRAY (Adam Shankman)
ABSOLUTE BEGINNERS (Julien Temple)
WEST SIDE STORY (Robert Wise)
mochten

Und weil das A und O eines Musicals die Musik ist: Im Anhang drei youtube-Clips (hier leider ohne Untertitel): Als Erstes der Trailer. Das Zweite ist der beste, wenn auch für den Rest des Films untypische, Song, der musikalisch und optisch den „real existierenden Sozialismus“ persifliert und als Drittes die Schlussnummer, eine Plansequenz mit zig Komparsen.

Trailer

Sozialismusabgesang „Skovannyye odnoy tsepyu“

Filmabgesang „Shalyay-valyay“