AUGUST IN THE WATER (Mizu no naka no hachigatsu)

aug0
Japan 1995
Regie, Drehbuch: Sogo Ishii
Produzent: Binbun Furusawa, Shoetsu Sato
Kamera: Norimichi Kasamatsu
Musik: Hiroyuki Onogawa
Darsteller: Rena Komine, Sinsuke Aoki, Masaki Takarai
118 min

Schwelgerischer Sci-Fi-New-Age-Film

aug1
aug2
Sogo Ishii ist vorrangig berühmt als einer der ersten Punk-Spielfilmregisseure, und das schon einige Jahre vor Alex Cox. Vor allem mit SHUFFLE oder BURST CITY, bedingt auch mit HALBER MENSCH, zementierte er diese Behauptung. Doch es gab auch ruhigere, introvertiertere Phasen. Die japanischen DVD-Boxen „The Punk Years“ und „The Psychedelic Years“ bringen Ishiis Spektrum ziemlich auf den Punkt. Als Höhepunkt der psychedelischen Phase kann zweifelsohne AUGUST IN THE WATER gewertet werden.

aug3
aug4
Hier trifft New Age auf Science Fiction, wenn eine Profiturmspringerin nach einem Unfall übersinnliche Fähigkeiten entwickelt. Daneben gibt es auch eine relativ fruchtlose Love Story, Computer aus Stein, Menschen, die auf der Straße tot umfallen und ganz ganz viele Bilder, Bilder, Bilder, mit einem großartigen Soundtrack unterlegt. Wer japanisches Kino einmal von einer ganz anderen Seite sehen will, sollte sich auf jeden Fall AUGUST IN THE WATER und ein paar viel zu fette Joints reinziehen, denn Sogo Ishiis verkanntes Kleinod ist auch ein klassischer Trip Movie.
reda

aug5
aug6
Arthouse-Exploitation-Gewichtung 90:10

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
UNDER THE SKIN (Jonathan Glazer)
BEYOND THE BLACK RAINBOW (Panos Cosmatos)
AMER (Helene Cattet, Bruno Forzani)
mochten.

Advertisements

PRISON BATTLE SHIP (Kangoku senkan)

pri0
Japan 2013/14
Regie, Drehbuch: Gory Matsuda
Vorlage: Masaki Sonoda
Produzent: ZIZ Entertainment, Lilith
Kamera: Masashi Matsuda, Nabe, Shinichi Ohara
Musik: Rokugen Alice, Maiko
Darsteller: Reiko Kobayakawa, Miki Sunohara, Ryo Kurihara
219 min

Epische Videospiel-Verfilmung mit Tiefgang

pri1
pri2
Was Uwe Boll kann, können die Japaner auch. Das Videospiel KANGOKU SENKAN, 2007 veröffentlicht, bekam schon 2009 eine vierteilige Anime-Serie kredenzt. Im Januar 2014 folgte dann die Live Action-Variante, die mit einer Laufzeit von über dreieinhalb Stunden den Geduldsfaden so einiger Sci-Fi-Fans hart auf die Probe stellt.
Die Ausgangsbasis des Films ist eine Zukunft, in der die Menschen das Sonnensystem kolonialisiert haben. Während die auf der Erde geborenen Neo-Terraner eher eine autoritär-konservative Kolonialisierungspolitik verfolgen, stehen die auf Kolonien geborenen Neo-Solaner für eine liberalere Ordnung im Universum. Die beiden Polizistinnen Lieri Bishop und Naomi Evans haben den Auftrag, Donny Boghan, den extrem konservativen Terraner-Kapitän eines Raumschiffes dingfest zu machen. Das gestaltet sich schwierig, da dieser schon einmal von den Beiden in einem Entführungsfall verhaftet wurde und jetzt nicht nur Groll im Sinn hat. Er will die Polizistinnen auf seine Seite ziehen, indem er ihnen Drogen verabreicht.
Nach dieser kurzen Einführung entpuppt sich KANGOKU SENKAN sehr rasch als psychologisches Kammerspiel, das, bis auf eine kurze Rückblende, komplett an Bord des Raumschiffes spielt. Ähnlich wie in Tarkowskis SOLARIS wird dabei anfangs viel über die Grenzen des menschlichen Entdeckungsdranges philosophiert, bevor Matsudas existenzielle Meditation der Bilderwelt von Kubricks 2001 weicht. Das Publikum wird bombardiert mit visuell innovativen Einfällen, wie sie so selten im japanischen Science-Fiction-Film (vielleicht sogar im Science-Fiction-Film überhaupt) zu sehen waren.

pri3
pri4
Dieser Übergang zum Visuellen ist auch dringend notwendig, da leider nicht in Abrede gestellt werden kann, dass die schauspielerischen Leistungen der beiden Heldinnen nicht an Kubricks oder Tarkowskis Protagonisten heranreichen. Doch Haare in der Suppe gibt es immer und diese Unzulänglichkeit ist denn auch das einzige Manko an Matsudas Vision. Ansonsten punktet sein Film mit einem großartigen Setdesign (das ein bisschen an den Sci-Fi-Klassiker IN DEN KRALLEN DER VENUS erinnert), überraschenden Wendungen, vor allem in der Charakterzeichnung der Naomi, und einem rätselhaften Ende, das so ambivalent gestaltet ist, dass ich mir immer noch nicht sicher bin, ob es „happy“ oder „sad“ ist.
2014 schrie der Pöbel, dass Christopher Nolans INTERSTELLAR der neue 2001 sei. Sorry, das ist Unsinn. Ganz einfach, weils der erste Nolan war, bei dem man bequem pinkeln gehen und danach der Geschichte trotzdem noch folgen konnte.
Wenn es letztes Jahr ein Film mit 2001 aufnehmen konnte, dann KANGOKU SENKAN. Die zwei Meisterwerke verbindet die Überlänge, die Wortkargheit ganzer Szenen, die mutigen Bilder und inhaltlich die Sinnsuche des menschlichen Staubkorns. Leicht zugänglich sind sie beide nicht, denn Kubricks 68er Farbenwirbel wird, nicht minder genial, abgelöst von eckigem Pixelwirrwarr 2014. Doch hinter den Farbenspielen verbirgt sich in beiden Fällen die Essenz unseres Seins.
Fazit: Die Amis haben ihren 2001, die Russen den SOLARIS und die Japaner, mit reichlich Verzögerung, KANGOKU SENKAN.
reda

pri5
pri6
Arthouse-Exploitation-Gewichtung 20:80

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
2001 (Stanley Kubrick)
SOLARIS (Andrei Tarkowski)
IN DEN KRALLEN DER VENUS (Edward Bernds)
mochten

WOLF (Okami – Running is Sex)

okami0
Japan 1982
Regie: Banmei Takahashi
Drehbuch: Satoshi Tomita
Produzent: Director’s Company, Banmei Takahashi
Kamera: Yuichi Nagata
Musik: Ryudo Uzaki, Heart Beats
Darsteller: Jugatsu Toi, Megumi Saki, Toru Nakane, Kazuhiko Hasegawa
61 min

Brachial radikal oder die Punkvariante von THEMROC

okami1
okami2
Banmei Takahashi war nicht nur der erste japanische Regisseur, der 1994 in seinem AI NO SHINSEKAI (mit dem originellen deutschen Titel TOKIO DEKADENZ 2) Geschlechtsteile unzensiert zeigen durfte (und das ganz offiziell abgesegnet), er hat auch eine überaus umfangreiche Filmografie vor den (bisherigen) imdb-Einträgen vorzuweisen.
1982 war das erste Jahr, in dem der damals 33-jährige Takahashi, ein Zögling Koji Wakamatsus, seine Arbeitswut als Regisseur etwas zurückschraubte. Nach knapp 60 Pinkfilmen (der erste davon 1972 und unglaubliche VIERZIG Stück von 1979-1981) gründete er in diesem Jahr zusammen mit Kazuhiko Hasegawa, Toshiharu Ikeda, Sogo Ishii, Shinji Somai, Kiyoshi Kurosawa, Kichitaro Negishi, Kazuki Omori und Kazuyuki Izutsu die „Director’s Company“ (ディレクターズ・カンパニー), die etwas jüngere Variante der Art Theatre Guild (atg).
Wem jetzt die meisten dieser Namen nichts sagen, sollte das schleunigst aufarbeiten, denn diese illustre Meute, und nicht die atg, war in den 80ern die kreative Speerspitze der japanischen Filmszene, da die in die Jahre gekommene atg zu diesem Zeitpunkt lieber auf Altbewährtes vertraute als auf Nachwuchsregisseure.
Banmei Takahashis WOLF war dann am 20. November 1982 auch die erste Produktion dieses bunten Haufens (noch vor Kiyoshi Kurosawas KANDAGAWA WARS). Der etwas bizarre japanische Untertitel kommt daher, weil WOLF in einem Triple Feature mit dem ebenfalls 60-minütigen FAREWELL BUDDY (SARABA AIBO – ROCK IS SEX) von Ryudo Uzaki (produziert von Takahashi, nach einem Drehbuch von Uzaki und Kiyoshi Kurosawa) und dem 50-minütigen HARLEM VALENTINE’S DAY (HAREMU BARENTAIN DEI – BLOOD IS SEX) des Schauspielers, Musikers und Regisseurs Shigeru Izumiya gestartet ist. Auch hier war Takahashi der Produzent.
Ich habe unten die VHS-Cover dieser dreistündigen Zuschauerattacke angehängt. Allein Izumiyas Beitrag scheint zu beweisen, dass er es schon vor seinem Prä-TETSUO-Cyberpunk-Meilenstein DEATH POWDER (1986) faustdick hinter den Ohren hatte.
Leider habe ich weder das Blut noch den Rock gesehen, aber ich muss sagen: Allein das Gerenne, also WOLF, hats in sich: Brachial radikal.

okami3
okami4
Die beiden Hauptpersonen heißen laut Credits nur Mann und Mädchen.
Der Mann spricht nicht, er grunzt nur. Der Mann lebt nackt in einer Wohnung, in der sprichwörtlich nichts ist außer Müll, Essensreste und ein Kühlschrank. Wenn der Kühlschrank leer gefressen ist, klaut der Mann Essen aus Supermärkten. Der Mann joggt, um Spannungen abzubauen. Wenn das nicht reicht, vergewaltigt er Passantinnen.
Das Mädchen hängt in Discos rum, ist aber gelangweilt von ihrem Freund. Als sie ein Opfer des Mannes wird, folgt sie ihm in dessen Wohnung. Die Beiden beschnuppern sich, lecken sich sauber und ficken – wie Tiere. Die große Liebe, nackt im Müll. Wenn der Kühlschrank leer gefressen ist, klauen sie abwechselnd Essen aus Supermärkten – bis der Mann bei einem Beutezug von aufgebrachten Passanten erschlagen wird. Das Mädchen trägt sein Kind aus.
WOLF ist radikales Kino. Keine Erklärungen, wenig Dialoge und keine Schnörkel. Das passiert einfach und davon ganz viel im Dunkeln der Wohnung, denn die einzige Lichtquelle ist der Kühlschrank. Meistens sind die beiden Liebenden nur zu erahnen. Manchmal verirrt sich auch ein natürlicher Lichtstrahl in die unabgeschlossene Wohnung, wenn nämlich Vertreter in der Tür stehen, die den Totalverweigerern etwas verkaufen wollen. Doch dem Mann und dem Mädchen ist das egal. Es zählt nur der Trieb.
WOLF macht da weiter, wo THEMROC aufhört. Jetzt hast du dich von den Zwängen gelöst und was kommt danach? Wie ernährst du dich, was zählt wirklich?
Ein reiner, ehrlicher Film. Und dank seiner Reinheit auch liebevoll – und fast uneingeschränkt liebenswert.
Punktabzug gibts eigentlich nur, weil mir die nippon-immanente Selbstverständlichkeit der Vergewaltigungs-Ritualisierung immer mehr und immer öfter die Kotze hochtreibt, Kunst hin oder her. Andererseits: Wer für sich diese erbärmliche Seite japanischer Kreativmentalität ausblendet, hat noch nie einen japanischen Film gesehen.
reda

okami5
okami6
Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
THEMROC (Claude Faraldo)
DER WOLFSJUNGE (Francois Truffaut)
DAS GROSSE FRESSEN (Marco Ferreri)
mochten

Mangels Quellen ist folgender Clip aus FAREWELL BUDDY (SARABA AIBO – ROCK IS SEX)

o0running-rock-blood
o1runningissex
o2rockissex
o3bloodissex