BLACK FIELD (Mavro livadi)

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Griechenland 2009
Regie, Drehbuch: Vardis Marinakis
Produzent: George Lykiardopoulos, Nikos Nikolettos
Kamera: Marcus Waterloo
Musik: Dimitris Maramis
Darsteller: Sofia Georgovassili, Christos Passalis, Despoina Bebedeli
101 min

Running to stand still

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Die Griechen mal wieder: Nach diversen Kurzfilmpreisen hat sich Vardis Marinakis 2009 an sein Langfilmdebüt gewagt, das sich laut Eigenauskunft von Malick und Tarkowski beeinflusst sieht. Nein, jetzt nicht weinend das Weite suchen, denn Marinakis gelingt das, was den beiden verkrüppelten Masterminds nie gelungen ist: Die lästige Penetranz ihrer religiösen Präferenzen abzustreifen.
BLACK FIELD spielt zu zwei Dritteln in einem Kloster im 17. Jahrhundert. Ein sog. Janitschar (christlicher Zwangsschlächter für den ottomanischen Gedanken) ist schwer verletzt davor liegen geblieben. Die Nonne Anthi, mundfaul und antisozial im Ordensgefüge, pflegt ihn gesund – und verknallt sich. Der böse Türk, der dem armen Schlächter wehgetan hat, ist natürlich nach wie vor hinter ihm her, sodass das Pärchen in das Grün flieht. Soviel zum letzten Drittel. Soweit, so Standard.
Aber weil das ein griechischer Film einer neuen subversiven Welle ist, kann man sich die obige Handlung getrost in die Ritze schmieren. Denn den Regisseur interessiert ganz was anderes: Stillleben vom Ordensleben, feuchte Träume der Nonne, Stillleben der Natur und vor allem das sexuelle Erwachen der beiden Protagonisten.
Yep, Protagonisten. Es ist relativ schnell klar, wie der Hase läuft, denn M. Night Shyamalans Zeiten sind definitiv vorbei. Als sich Anthi zum x-ten Mal zur Selbstkasteiung die Beine blutig schnürt, ist ihr/sein baumelnder Pillemann zu sehen. Und von diesem Moment an wird BLACK FIELD zu einem der extremst dünn gesäten guten Coming-Out-Filme. Der Nonne und der Kämpfer flüchten aus dem Kloster und in das grüne idyllische letzte Drittel des Films.

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Die Grundstimmung von BLACK FIELD ist eine schwelgerische, schwüle, archaische, klerikale, blasphemische, unangenehm angenehme. Der Debütant Marinakis hat sein Autorenkino gut im Griff, nicht zuletzt gestützt durch die formidable Kamera von Marcus Waterloo und dem ätherischen Score von Dimitris Maramis. Das minimale Tempo, die Stillleben-Suhlerei findet final ihre konsequente Entsprechung in einem dieser wunderschönen Filmenden, die einen erstaunen lassen, weil die Leinwand unvermittelt schwarz wird und die Buchstaben der Verantwortlichen aufleuchten.
BLACK FIELD erinnert oft an WALHALLA RISING: Cinemascope, grün, archaisch und wortkarg. Thematisch trennen die Filme zwar Planeten, doch das Zielpublikum von Letzterem war ja auch eher eines ohne Vakuum zwischen den Ohren. Könnte passen. Oder auch nicht.
Ein Manko muss allerdings angemerkt werden: Der Film ist so ruhig und schön, dass ich ein paarmal fast eingeschlafen bin. Und schon sind wir wieder beim Problem Gaspar Noe vs. Lucile Hadzihalilovic. Ruhe scheint anstrengender als Gewaltorgien zu sein, zwischen den Synapsen muss es knallen vor Aufregung und nicht funken vor Schönheit. Aber Menschen sind ja lernfähig. Oder auch nicht.
reda

P.S: Auf der Suche nach einem Trailer bin ich über diverse „Full-Movie“-You-Tube-Clips gestoßen. Die von mir angegebenen 101 Minuten beziehen sich auf die griechische DVD.

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 80:20

Schulnote: 2+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
WALHALLA RISING (Nicolas Winding Refn)
PA NEGRE (Agusti Villaronga)
BEYOND THE BLACK RAINBOW (Panos Cosmatos)
mochten

SEE YOU IN HELL, MY DARLING (Tha se do stin Kolasi, agapi mou)

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Griechenland 1999
Regie, Drehbuch: Nikos Nikolaidis
Produzent: Nikos Nikolaidis, GFC, ET
Kamera: Yorgos Argiroiliopoulos
Musik: Nikos Touliatos
Darsteller: Vicky Harris, Valeria Christodoulidou, Paschalis Tsarouhas
108 min

Nikolaidis persönlichster Film: Die Nekro-Romantik eines Voyeurs

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Kurz vorm Millennium inszenierte Nikos Nikolaidis seinen persönlichen Lieblingsfilm SEE YOU IN HELL, MY DARLING mit seinem ersten Budget an der 100.000-Euro-Marke: Ein gefundenes Fressen für die Psychoanalyse des Herrn Nikolaidis, da sehr persönlich, sehr cineastisch, unbeliebt bei den Kritikern (Misogynie-Vorwürfe!) und ein Riesenflop an den Kinokassen: Nur an die 1000 Menschen wollten den Film im Kino sehen, sodass eine DVD-Veröffentlichung immer nach hinten geschoben wurde.
„SEE YOU IN HELL, MY DARLING lief fast automatisch. Das Drehbuch wurde in einem Rutsch geschrieben, ohne Änderungen. Es ist die Geschichte einer verhängnisvollen Menage a Trois. Zwei Frauen, ein Mann. Der Film taucht ein in ein nebeliges, feuchtes, faulendes Unterbewusstsein, eine Nekro-Romanze über die Dunkelheit und die drückende Hitze von unerfüllten Wünschen und Geistern. Genau da, wo diese wunderbaren fleischfressenden Pflanzen des Film Noir blühen.“ (Nikos Nikolaidis)
Der Aufhänger des Films ist – in blitzlichtartigen Rückblenden angedeutet – fast zu vernachlässigen: Die beiden Frauen Elsa und Vera scheinen zusammen mit einem nicht namentlich genannten Mann bei einem Coup einen Koffer mit wertvollem Inhalt an sich gebracht zu haben. Der Mittäter schwimmt jetzt tot im Pool von Elsas Haus. Beide Frauen scheinen den Mann geliebt zu haben.
Jetzt ist es Nacht, der Koffer wird zur Nebensache, die Femme Fatales lieben und bekriegen sich. Sie entsorgen die Leiche des Mannes im Meer, doch kurz danach begegnet ihm Vera im Garten, lediglich mit zerschlagener Brille, nach Zigaretten fragend. Elsa bringt sich um, oder auch nicht? Gestorben wird hier viel, doch tot ist keiner, oder am Ende etwa doch?

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Es ist mir völlig unbegreiflich, wie dieser Film ein Flop sein konnte. Er wirkt wie die Farbvariante von SINGAPORE SLING – nur erheblich sexier. Nie hat Nikolaidis akribischer auf die Kamera-Umschmeichelung seiner beiden Hauptdarstellerinnen geachtet: SEE YOU IN HELL, MY DARLING ist Nikolaidis feuchter Traum, eine einzige Ode an die weibliche Schönheit, eine Verbeugung vor Frauen – mit all ihren Offensichtlichkeiten: Die innere Zerrissenheit zwischen Warmherzigkeit und knallhartem Auftreten, die Wut und die Verbissenheit beim Kampf um das Subjekt der Begierde, die Solidarität untereinander gegen das „starke“ Geschlecht. Ein assoziatives Kammerspiel, das sich nicht in der Verkünstelung eines EURIDICE B.A.2037 verirrt, sondern in Noir-Bildern schwelgt, die immer wieder erneut jeglichen Ansatz einer linearen Geschichte zerstören und das Krimi-Element nur als Vorwand für den Ping-Pong-Kampf zweier Frauen nutzen, die in der Hölle schmoren – und die sieht bei Nikolaidis eben aus wie sein Haus mit Swimmingpool. Sollte der Mann ein Alter Ego von Nikolaidis sein, ist die Selbstironie schon bewundernswert, denn das Einzige, was den Mann außer seinen Trieben zu interessieren scheint, sind Zigaretten.
Meines Erachtens ist SEE YOU IN HELL, MY DARLING Nikolaidis bester Film, weil er ähnlich wie SINGAPORE SLING tief in die Psyche seines Regisseurs eintaucht, aber im Gegensatz dazu statt Ekelbildern die liebevollsten Bildkompositionen in Nikolaidis Karriere liefert.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
SINGAPORE SLING (Nikos Nikolaidis)
UND VOR LUST ZU STERBEN (Roger Vadim)
MEIN GEIST WILL IMMER NUR DAS EINE (John Derek)
mochten.

THE ZERO YEARS (Zero Years)

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Griechenland 2005
Regie, Drehbuch: Nikos Nikolaidis
Produzent: Last Picture Pro, Nikos Nikolaidis, GFC
Musik: Simon Bloom (Simon Nikolaidis)
Kamera: Sifis Koundouros
Darsteller: Vicky Harris, Jenny Kitseli, Arhontissa Mavrakaki, Eftyhia Yakoumi
120 min

Vier-Frauen-Kammerspiel um Kommunikationslosigkeit, Faschismus und Isolation

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Nikos Nikolaidis (25.10.1939 – 5.9.2007) ist ein Unikat in der griechischen Filmlandschaft und ein echter Auteur. Auf dem Thessaloniki Film Festival wurde er fünfmal als bester Regisseur ausgezeichnet, bekam aber nie eine Trophäe für den besten Film.
Die Idee zu THE ZERO YEARS, seinem letzten Film, war schon in den 70ern entstanden und schloss seine Trilogie „Die Gestalt des kommenden Alptraums“ nach seinem Langfilm-Debüt EURIDICE B.A.2037 (1975) und MORNING PATROL (1987) ab:
Die Ausgangsbasis von THE ZERO YEARS ist dem seines Debüts sehr ähnlich. EURIDICE B.A.2037 beschäftigte sich mit der Isolation einer Frau, die in einem totalitären Regime in einer größeren Gefängniszelle vor sich hinvegetierte und darüber langsam den Verstand verlor. Diesmal sind es vier Frauen, die sterilisiert im staatlich organisierten Puff eines solchen Systems arbeiten. Das Regime ist schon so lange etabliert, dass es egal ist, dass die Überwachungskameras im Haus nicht mehr funktionieren. Ein Lagerkoller unter den Nutten hat sich breitgemacht: Die Puffmutter pendelt dauernd an der Schwelle zum Selbstmord, Mora durchlebt intensivste Scheinschwangerschaften und hält sich einen SM-Sklaven wie ein Baby, die verrückte Christina lässt keine Gelegenheit aus, ihre Titten auszupacken und wird dann immer mit der gruppeninternen Höchststrafe gemaßregelt, dem Zerschlagen von rohen Eiern auf ihrem nackten Oberkörper. Neuzugang Vicky scheint noch die Gesündeste unter ihnen zu sein, doch bald muss auch sie miterleben, dass das scheinbar wirre Gerede von unsichtbaren Kindern, die die Bewohnerinnen vergewaltigen, real ist.

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Trotz eines geringen Science-Fiction-Elements betonte Nikolaidis wie schon bei MORNING PATROL, dass alle Psychosen dieses Films jetzt schon Realität seien: „Es wäre ein Fehler, das als futuristische Geschichte zu interpretieren. Egal wie hart dieser Film erscheinen mag, ist er die Verkörperung von Dingen, die schon längst da und etabliert sind. Ich erzähle keine Geschichte von irgendwelchen verrückten, gefangen gehaltenen Personen. Ich betone einfach nur das Resultat, das körperliche und geistige Gewalt auf sie hat, in der das Verdrehen der Realität kein Mittel zur Flucht ist, sondern lediglich zu einer natürlichen gesunden Reaktion wird. Stille, chemische Unterdrückung, staatlicher Faschismus, Kommunikationslosigkeit, Angst und Apathie: All das ist schon längst im Gange.“
THE ZERO YEARS ist der kompromisslose Abschluss in Nikolaidis Filmografie (schade nur, dass der HD-Look ein bisschen den „Genuss“ schmälert), sein Meisterwerk, die Krone eines eklektischen Filmnarren, der ohne Rücksicht auf filmische Trends seinen Visionen radikal nachgegangen ist, auch wenn es eben über 30 Jahre dauerte, bis eine Idee Wirklichkeit wurde. Es wird geprügelt, masturbiert, geheult, gekotzt, geschrien, die unangenehmsten Momente aus ENTITY (1982) zitiert, und nebenbei, in all dem Wahnsinn, auch mal Uno gespielt, kurzum: das ganze Programm. Die trostlose Außenwelt des MORNING PATROL findet ihre verzweifelte Entsprechung in der Innenwelt der Zu-Hause-Gebliebenen. Auch deren größter Traum ist das Meer, bleibt aber nur Wunschtraum.
THE ZERO YEARS maximiert Nikolaidis sehr ausgeprägtes Faible für starke Frauen: Mir ist keine weiterer Film bekannt, der ausschließlich vier Frauen als Hauptdarstellerinnen in einem Kammerspiel hatte, selbst ROTE SONNE (1970) von Rudolf Thome ließ seine feministisch angehauchten Soziopathinnen nicht eingesperrt zurück, sondern gestand ihrem Rebellengeist ein Wirken in der Außenwelt zu.
Die rohen Eier, die den Frauen als Strafe auf die nackten Brüste geschmiert werden, sind übrigens nicht nicht nur symbolisch zu sehen, sondern auch eine Hommage an die improvisierte Eier-Szene auf dem Hausboot in J. Lee Thompsons EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE (1962).
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 1-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
EURIDICE B.A.2037 (Nikos Nikolaidis)
ROTE SONNE (Rudolf Thome)
SEE YOU IN HELL MY DARLING (Nikos Nikolaidis)
mochten