DIE TASCHENDIEBIN (Ah-Ga-Ssi)


Südkorea 2015/16
Regie: Chan-Wook Park
Drehbuch: Seo-Kyeong Jeong, Chan-Wook Park
Vorlage: Sarah Waters (Roman „Fingersmith“)
Produzent: Syd Lim, Chan-Wook Park
Kamera: Chung-Hoon Chung
Musik: Yeong-Wook Jo
Darsteller: Cho Jin-Woong (Onkel Kouzuki), Kim Min-Hee (Hideko), Kim Tae-Ri (Sook-Hee), Ha Jung-Woo (Graf Fujiwara)
139 min (Kino), 160 min (Extended)

Der traurige Perverse in uns allen



Vorweg: Es existiert eine Kino-Version und eine 20 Minuten längere Extended Version des Films. Die Extended Version wurde von Park nur veröffentlicht, weil die Fans in Korea „mehr“ wollten. Er selbst rät für eine Erstbetrachtung des Films zur Kino-Version, was ich dann auch so tat.
Was folgt, ist sehr spoilerlastig/analytisch, also bitte nur nach dem Film lesen:
Ich bin ja kein großer Freund von Kostümfilmen, und schon gar nicht aus den 20ern und 30ern des 20. Jahrhunderts. Die Mode und die Autos sind für mich eben Sinnbilder der ersten Dekadenz-Implosion, auch genannt Börsencrash. Der Maßlosigkeit folgte eine Mischung aus Elend und Korruption, innerlich wie äußerlich, sei es in Deutschland und Japan der aufkeimende Faschismus oder in USA die Gesetzlosigkeit und Unehre der Gangster. Ich kann einfach beide Kleingeistigkeits-Kompensationen nicht ertragen. Da muss inhaltlich schon einiges passieren, damit ich drüber wegsehen kann. Das müssen Filme sein, die dermaßen an die Wurzeln ihrer Charaktere gehen, dass ich das Setting vernachlässigen kann, soll heißen: Die Regisseure müssen dieses Innenleben so überzeugend inszenieren, dass ich die Umwelt nur bedingt wahrnehme.
Der einzige Film, der das geschafft hat, war, ähnlich wie dieser hier, überwiegend ein Kammerspiel mit kleineren äußerlichen Ausflüchten: Noboru Tanakas BONDAGE.
In beiden Filmen liegt der Fokus auf dem Innenleben der Charaktere, trotz einiger Exterior-Sprenkler. Beide Filme handeln von Dekadenz und Sex. Tanakas Film dreht sich zwar eher in die Fetisch-Ecke, doch so rudimentär, wie es sonst keinem Film gelungen ist: Er handelt von der Verzweiflung eines Fetischisten, also eines Sex-Ersatz-Suchenden, im Umgang mit einem unvorhersehbaren und vor allem unabwendbaren Schicksalsschlag: dem (ironischerweise sexuell bedingten) geistigen Verfall seiner perfekten Fetischprojektion.


Parks Film ist viel komplexer, doch auch hier ist der eigentliche Höhepunkt der Geschichte eine vermeintlich „kleine“ Nebenhandlung: Onkel Kouzuki, der traurige Perverse.
Die Sexszene zwischen den beiden Heldinnen mag zwar der (arg klischee-überfrachtete) Auslöser für ihre Liebe sein, doch ihr letztendliches Bündnis ist die Verschwörung gegen die Dekadenz des Mannes, wenn sich nämlich Hideko der Hass- und Ekelorgie ihrer großen Liebe Sook-Hee anschließt. Dieser Höhepunkt ist aber leider auch der Tiefpunkt des Films, weil dort eine Moral transportiert wird, die zutiefst faschistisch-„feministisch“ ist: „Der Heten-Mann, das abartige Schwein vs. die Lesbe, das reinste aller Wesen“.
Überhaupt: Der ganze Lesbenkram mag vermeintlich wichtig für die Geschichte sein (weshalb ihre körperliche Übereinkunft auch möglichst explizit inszeniert werden muss), ist aber vor allem wichtig für die Fantasien des Mainstreampublikums (männlich UND weiblich in diesem Fall), also wichtig für einen kleinen Befreiungsseufzer, weg von der eigenen hetero-normativen Konditionierung. Ist aber folglich Nebensache, weil Bedürfnisbefriedigung einer heuchlerischen Welt, die Onkel Kouzuki doch arg ähnlich ist.
Das wirklich Interessante an beiden Filmen ist die Traurigkeit des Fetischisten, die Sklaverei des Triebes. Solche Geschichten haben nie ein Happy End, solche Geschichten sehnen sich auch nicht nach dem Happy End, da das Happy End ihrer „Perversion“ widersprechen würde. Und so liegt im Elend dann doch das wahre Glück. Dieser kleine Nebengedanke macht beide Filme zu den Meisterwerken, die sie sind.
reda

Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 1-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
BONDAGE (Noboru Tanaka)
OLDBOY (Chan-Wook Park)
SIEBEN (David Fincher)
mochten

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