DAS FRAUENHAUS (Blue Rita)

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Schweiz/Frankreich 1977
Regie, Drehbuch: Jess Franco
Produzent: Erwin C. Dietrich
Kamera: Rudolf Küttel
Musik: Walter Baumgartner
Darsteller: Martine Fléty, Sarah Strasberg, Dagmar Bürger, Pamela Stanford
78 min

Bizarrer Geniestreich, der Jess Francos Ruf (fast) schadet

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Jess Franco – gehasst und verehrt. Es gibt wohl keinen zweiten Filmemacher, der die Cineastengemeinde so extrem spaltet wie dieser obsessive Spanier. Er fördert die Ratlosigkeit an beiden Enden des Spektrums: Die meisten Filmkonsumenten machen den Fehler, Franco mit filmischer Normierung oder narrativen Gewohnheiten beikommen zu wollen. Falscher Ansatz. Der Gegenpol verteidigt Francos kamerahaltende Notgeilheit mit erektionsbedingten Unschärfen jedoch genauso vehement, was fast schon Tele5-ig einseitig ist.
Ich denke, um das ganze Getue zu vermeiden, sollte man Franco eben nicht als Regisseur mit obszönen Vorlieben begreifen, sondern eher als passionierten Hobbyfilmer mit gelegentlichen Torkeleien an der Schwelle zur Professionalität. Denn den Profi unterscheidet eben vom gemeinen Wichser, dass er ohne Ständer den potenziellen Ständer im Hinterkopf behält.
Franco war meistens nur jemand, der seine eigenen sexuellen Vorlieben mit kleineren Geschichtchen anreicherte. Und das auch nur, weil das in den 70ern (seinem umtriebigsten Jahrzehnt) so verlangt wurde, um ein paar Rubel jenseits des Pornomarkts zu machen.
Nähert man sich Franco auf diese Weise, ist etwa die Hälfte seines Oeuvres weit über Amateur. Ein seltener Kreativanfall wie FRAUENHAUS ist in diesem Mikrokosmos sogar ziemlich olympig (oder eben professionell messbar) geraten, sogar das Attribut Popart-Kunst ist naheliegend. Denn hier war Franco mal nicht der Sklave der eigenen Hosendehnung.

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Wie liebevoll FRAUENHAUS ausgeleuchtet und cadriert ist, zeigt seine viel zu rar gesäten Ambitionen (oder dass er öfter mal den Kameracredit hätte abgeben sollen). Das entschädigt dann auch für die lustigsten Dialoge seit Erfindung der Sprache oder die uninspirierten Establisher, die hier glücklicherweise nur einen Bruchteil des Filmes verhunzen. Die Männer dürfen sich für die Quote auch mal kloppen und zermurksen, wenn sie nicht gerade von den sphärischen Doppel-X-Chromosomen missbraucht oder gefoltert werden. Ansonsten rekeln sich die Frauen mit bröckeligem Make-Up durch Mario-Bava-Farbgestaltungen und etwa 80% der Filmlaufzeit, was FRAUENHAUS mit seinem Maximum an ästhetischer Vision bei minimalem Budget für Filmstudenten und Voyeure gleichermaßen interessant macht.
Der Plot ist im Ansatz gut, doch Franco war so was ja immer wurscht: Die XX-Chromosome nutzen die Schwanzsteuerung der XY-Chromosome aus, um an Schotter zu kommen. Der überaus gewiefte Plot Twist zum Ende hin setzt dann noch einen drauf, wenn man frühe James Bond-Filme für unvorhersehbar und originell hält.
Im Auto-Kosmos des Franco-Werkes ist FRAUENHAUS ein Monolith bis zum und nicht auf dem Mond. Darüber hinaus ist der Film ein respektables Unikat, das optisch durchaus filmgeschichtliche Relevanz hat. Aber dann sind da eben doch die Dialoge (oder eher Monologe), die die wunderschöne Kälte dieses Films gnadenlos konterkarieren. Oder die ewige Schnittinkompetenz. Wenn Franco nicht immer seine eigene fünfte Kolonne gewesen wäre… ach… seufz.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 40:60

Schulnote: 2- (auf dem Franco-Planeten: 1+)

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
FEMINA RIDENS (Piero Schivazappa)
LOLITA AM SCHEIDEWEG (Jess Franco)
LA DECIMA VITTIMA (Elio Petri)
mochten

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