INNOCENCE

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Frankreich 2004
Regie, Drehbuch: Lucile Hadzihalilovic
Vorlage: Frank Wedekind (Novelle „Mine-Haha“)
Produzent: Patrick Sobelman
Kamera: Benoit Debie
Musik: Richard Crooke
Darsteller: Zoe Auclair, Berangere Haubruge, Lea Bridaroslli, Marion Cotillard
115 min

Perfekte Ode an die Kindheit

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Schon der filmische Rahmen weckt nostalgische Erinnerungen an Opas Kino: Kein Abspann, dafür ein Vorspann mit Texttafeln, deren Schrift in ihrer Schnörkeligkeit Assoziationen zu einem Märchen weckt. Dazwischen taucht der Film aus dem Wasser auf und am Ende wieder ins Wasser ein. Er schlägt damit die Brücke zu Frank Wedekinds Vorlage „Mine-Haha“ von 1903. Der indianische Ausdruck heißt übersetzt „Lachendes Wasser“.
INNOCENCE ist märchenhaft, genauer genommen ein Mädchen-Märchen, das trotz all der Unschuld auch etwas Düsteres, weil Unsicheres, hat, aber gänzlich ohne die Brutalität, die dieser literarischen Gattung oft innewohnt. Lucile Hadzihalilovics erster Langfilm ist eine Parabel über die Kindheit von Frauen, die mit der ersten Periode endet.
Diese Kindheit ist ein Garten, in dem getollt, gelacht und bisweilen geweint wird, in dem die kindliche Neugier und die Unsicherheit, was später kommen mag, viel Raum hat. Die ordnende, erzieherische Instanz, die „Eltern“, sind die Lehrerinnen eines Internats in diesem Garten, der von einer hohen Mauer umgeben wird. Die Mauer trennt die Unschuld von der Erwachsenenwelt. Doch die Neugier nach draußen ist groß. Manchen gelingt der Ausbruch in die Außenwelt, manche scheitern. Andere wiederum wollen den Garten auch dann nicht verlassen, wenn sie zur Frau reifen, doch sie werden dennoch nach draußen gebracht. Der wehmütige Spruch der Ballettlehrerin „Keine Angst, da draußen wirst du uns bald vergessen haben“ beendet die Kindheitsblase. Und diese Kindheit endet mit der Pubertät.
Zwei Filmstunden vergehen bis dahin, es passiert nicht viel, was klassisches Erzählkino wäre. Mysterien und Spannungen gibt es zwar, doch die Auflösung ist niemals so kaputt wie ein erwachsenes Gehirn, weshalb die teilweise gemachten Kritikervorwürfe eher etwas über ein Publikum hinter der Kindheit als über den Film aussagen.
INNOCENCE ist ein impressionistischer, schwelgerischer Film, der radikal konsequent und vage bleibt; kein einziger Junge oder Mann ist Teil dieser Kindheitsblase, weil seine sexuelle Identität noch nicht von Bedeutung ist.

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INNOCENCE ist einer der wenigen Filme, der seinem Titel zu hundert Prozent gerecht wird und einer der – im wahrsten Sinne des Wortes – schönsten Filme überhaupt. Das Ende kann sich in seiner perfekten Subtilität durchaus neben das von Shinji Somais LOVE HOTEL stellen. Bisweilen erscheint Hadzihalilovics Ideal zwar etwas zu harmonisch, da es nur minimale Unstimmigkeiten zwischen den Mädchen gibt. Aber das hätte wohl die Intention der Regie zerkratzt. Dennoch oder gerade deshalb ist Hadzihalilovics Ode an die eigene Kindheit ein Meisterwerk auf allen Ebenen: Formal, inhaltlich und auch erzählerisch. Ein fast ätherisches Kleinod, das den Trampelpfad der Filmgeschichte radikal verlässt und viel mit wenig erzählt.
Interessant wäre vielleicht ein männliches Filmpendant, also dieselbe Ausgangssituation, nur mit den Eigenarten der Jungs. Wäre da Balgerei oder Gewalt? Die Frage erscheint gerade im Hinblick auf Mademoiselle Lucile Hadzihalilovic angebracht, die ja die Lebensgefährtin eines gewissen Monsieur Gaspar Noe ist. Selbigem ist der Film auch gewidmet und folgerichtig ein liebevoller Arschtritt mit dem Zaunpfahl unübersehbar: Die Welt ist nicht so schlecht, wie du immer tust und Gewalt ist nicht immer die Lösung, um „anderes“ Kino zu machen.
Das gegenwärtige Kino hätte definitiv noch mehr Filme von Lucile Hadzihalilovic nötig. Doch die Realität bestätigt leider eher Noe als sie. Harmonie will niemand sehen, wie die Regisseurin auf ihrer langen Suche nach Produzenten feststellen musste. Der Welt außerhalb der Mauer ist eine Welt innerhalb der Mauer einfach zu fad. Krieg spielen war immer schon beliebter als Frieden, weil Frieden so schlecht spielbar ist. Oder ist das nur bei den Jungs so?
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 100:0

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
(da fällt mir echt nichts ein)
mochten.

P.S: Der offizielle Trailer ist leider nur bedingt tragbar, weil er alle modischen Trailer-Klischees bedient

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