TO LIVE (Zhit)

zhit0
Russland 2010
Regie, Drehbuch, Musik: Juri Bykow
Produzent: Aleksei Uchitel, Kira Saksaganskaya, Konstantin Kozlow
Kamera: Iwan Burlakow
Darsteller: Sergei Beljajew, Alexei Komaschko
72 min

Existenzieller Existenzialismus in der russischen Steppe

zhit1
zhit2
Ein Kollege meinte zu mir mal leicht überspitzt: Eigentlich kannst du dir für eine Monografie die komplette Filmografie eines Autorenfilmers sparen, denn du wirst feststellen, egal, was er auch für Geschichten erzählt: Es war alles schon da, in seinem ersten Film. Das ist das Leitthema, das ihn immer beschäftigen wird. Ob diese Meinung auf den russischen Nachwuchs-Festival-Shooting Star Juri Bykow zutrifft, wird sich somit zeigen.
Dessen TO LIVE, der mit seinen 72 Minuten gerade die Schwelle zum Langfilm durchbricht, ist eine düstere Parabel über den rudimentären Überlebenstrieb des menschlichen Wichts im Korsett eines klassischen Actionthemas: Ein dicklicher älterer Jäger schießt gerade in der herbstlichen russischen Taiga sein Abendessen, als plötzlich ein etwas jüngerer hagerer Mann aus einem Waldstück gerannt kommt. Er brüllt fortwährend „Wagen starten! Wagen starten!“ und schon wird auf die Beiden geschossen. Pat und Patachon springen ins Auto des Jägers, Gewehrkugeln zerfetzen die Scheiben und drei Männer kommen ihnen hinterher gelaufen. Das ungleiche Paar kann zwar entkommen, doch bleibt ihr Auto bald im Morast stecken und die Flucht muss zu Fuß fortgesetzt werden. Ihr Ziel ist eine vierzig Kilometer entfernte Stadt …

zhit3
zhit4
TO LIVE ist Existenzialismus pur, handelt ähnlich wie Joseph Loseys IM VISIER DES FALKEN einfach nur vom Kampf ums Überleben. Es gibt keine wirkliche Begründung für die Hatz und nur wenig Hintergrundinformationen über die Jäger und die Gejagten. Die zwei Flüchtigen lernen sich kennen und respektieren, während sie in verschiedenen Variationen mit einem moralischen Dilemma konfrontiert werden: Zwei Schiffbrüchige hängen auf einer Planke, die das Gewicht zweier Menschen nicht trägt. Wer soll sterben?
Kompakt, stringent und bar jeglicher Melodramatik erzählt, hinterlässt Bykows Lehrstück beim Betrachten des Abspanns einen ziemlich faden Nachgeschmack.
Die Weltsicht des Juri Bykow scheint eine durchaus pessimistische zu sein: Jede Figur hat zwar immer die Wahl, wenn sie auf Messers Schneide herumtorkelt, auf welche Seite sie kippt. Doch bei Bykow entscheiden sich die Protagonisten immer für den eigenen Vorteil. Die oftmals folgende Reue (ein Element, was ihn deutlich von seinem ähnlich pessimistischen Landsmann Alexei Balabanow unterscheidet) kommt aber meistens zu spät. Eigentlich ist dieses Verhalten fast schon der Spoiler bei jedem Bykow-Film. Doch der 1981 geborene Russe steht erst am Anfang seiner Karriere. Der Erfahrungswert mit der Filmkarriere einiger ähnlich gestrickter Auteurs wird bei ihm zeigen, ob er weiterhin mit seinen Extremsituationen immer wieder dasselbe variiert, oder im Zuge eines potenziellen internationalen Erfolges (der sich mit zahlreichen Auszeichnungen für den Nachfolgefilm THE MAJOR schon ankündigte) etwas subtilere Parabeln strickt.
Eines ist aber sicher: Von Juri Bykow wird man in Zukunft noch viel hören und hoffentlich auch hierzulande sehen.
reda

Dieser Artikel erschien ausführlicher am 23.6.2014 auf der Webseite von Splatting Image

zhit5
zhit6
Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
IM VISIER DES FALKEN (Joseph Losey)
MAYOR (Juri Bykow)
UNTERNEHMEN CAPRICORN (Peter Hyams)
mochten

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s