BEYOND THE BLACK RAINBOW

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Kanada 2010
Produzent, Regie, Drehbuch: Panos Cosmatos
Kamera: Norm Li
Musik: Jeremy Schmidt
Darsteller: Michael Rogers, Eva Allan, Marilyn Norry, Scott Hylands
109 min

Inkonsequente Kompromisslosigkeit

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BEYOND THE BLACK RAINBOW schwirrte zwei Jahre mit Fotos, Trailern und Kritiken durchs Internet. Wer ihn nicht auf einem Festival gesehen hat, kann sich Panos Cosmatos Debüt seit Herbst 2012 als DVD oder – in diesem Fall definitiv noch besser – als BLU RAY besorgen. Warum also noch eine weitere Besprechung dazu? Weil anscheinend doch die meisten Kritiker, wohlwollend oder nicht, während des Films eingeschlafen und erst wieder während des Abspanns aufgewacht sind.
Der Superlativ zuerst: BEYOND THE BLACK RAINBOW ist wirklich angenehm anders als die meisten Genre-Filme der heutigen Zeit. Das retro-futuristische Set-Design, die liebevollen Referenzen zu 2001, PHASE IV, DARK STAR, THX 1138 etc., eigentlich das generelle Schwelgen im 70er-Look machen ihn definitiv zu einem Fest fürs Auge, nicht nur für das des Cineasten. Ergänzt werden die Bilder durch einen 80er-Genre-Retro-Soundtrack von Jeremy Schmidt, der u.a. Tangerine Dream, Kubricks SHINING, Popol Vuh und sehr deutlich John Carpenter zitiert.
Die Geschichte? Hm, BEYOND THE BLACK RAINBOW erzählt frech und wunderschön langsam erstaunlich wenig: Ein Mad Scientist hält ein telepathisch begabtes Mädchen in einem Versuchslabor gefangen, um ihre Fähigkeiten unter Kontrolle halten zu können. Dieses dünne Korsett ist lediglich ein Vorwand für ein Erlebniskino bestehend aus genannten Zitaten, den Bildern und dem Score. Style over Substance als Prinzip. Manche mögen das zu Recht formalistisch bis zur Schlafgrenze nennen, andere können sich einfach nur in die konsequente Vision dieses Filmgeeks Cosmatos verlieben, der dafür das Erbe seines Vaters George P. Cosmatos verbraten hat.

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Ein Film zum immer wieder ansehen und staunen, möglichst auf großer Leinwand – selbst wenn es nur die Hintergrundprojektion auf einer hippen Party wäre, auf der dann natürlich wegen Partysprengungsgefahr nicht der Soundtrack laufen sollte. Oder eben bei Regenwetter den Score hören, die Augen schließen, und in den Erinnerungen an die psychedelischen Bilder schwelgen – wenn da nicht diese Szene kurz vor Schluss des Films wäre, die all diese Retro-Träume aufs Erbärmlichste zum Platzen bringt. Wohlwollend sei mal unterstellt, sie wurde von den Rezipienten nicht verschlafen, sondern einfach nur vernachlässigt, um den Regisseur nicht zu diskreditieren, denn fast keiner von zig Kritikern hat folgende Szene erwähnt: Dem Mädchen gelingt irgendwann die Flucht und der Wissenschaftler ist hinter ihr her. Raus aus der sphärischen Plastiktraumwelt des Films, raus in die karge, wüstenähnliche Natur, raus in die grausame Außenwelt, die das Publikum auf den Boden der Tatsachen bringt, allerdings nicht so, wie es gehofft hatte: Da sitzen zwei Metal-Prolls saufend an einem Lagerfeuer, Klischee-Banalitäten von sich gebend und Stumpf-Metal lauschend. Wissenschaftler kommt hinzu, murkst sie ab, kümmert sich wieder um die Entlaufene. Angeblich möge er überraschende Wendungen, sagte Herr Cosmatos in einem Interview dazu. Generell ist dem beizupflichten, aber dann bitte nach vorn und nicht regressiv. Denn was soll uns das in diesem Fall wirklich sagen? „Mag keine Metaller“ oder „Wollte meinem Zielpublikum einen reinwürgen“ oder „Mist, meine zwei Kumpels haben ein paar Dollar dazugetan, die muss ich drin lassen“ oder „Rememba ya Roots, Rastaman„? Vision zerstört, Mission gescheitert, auf die letzten Meter. Traurig, einfach nur traurig.
Wer also dieses Pop-Art-Juwel ewig wohlwollend in Erinnerung behalten möchte, sei gut beraten, sobald er die Nahaufnahme eines Gettoblasters sieht, kurz exakt vier Minuten austreten zu gehen, um pünktlich zum anti-klimatischen, aber bis auf den vorherigen Aussetzer (der ohne einen einzigen Abstrich hätte entfernt werden können) völlig konsequenten Ende und dem ebenfalls sehr schönen End Score noch kurz zu schwelgen.
reda

Diese Besprechung erschien im Juni 2013 leicht abgewandelt im Splatting Image Nr.94

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 2-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
2001 (Stanley Kubrick)
UNDER THE SKIN (Jonathan Glazer)
ELECTROMA (Daft Punk)
mochten

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Ein Gedanke zu „BEYOND THE BLACK RAINBOW

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