CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO (Christiane F.)

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Bundesrepublik Deutschland 1980/81
Regie: Uli Edel
Drehbuch: Herman Weigel, Uli Edel
Vorlage: Kai Hermann, Horst Rieck, Christiane Felscherinow
Produzent: Bernd Eichinger, Hans H. Kaden, Bertram Vetter, Hans Weth
Kamera: Jürgen Jürges, Justus Pankau
Musik: David Bowie, Jürgen Knieper
Darsteller: Natja Brunckhorst, Thomas Haustein, Jens Kuphal, Christiane Reichelt
126 min

Der Polarstern am Drogenhimmel

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Als deutsche Produktion, die die größte Breitenwirkung in den 80er-Jahren und darüber hinaus erzielte, ist der Film CHRISTIANE F. hervorzuheben. Nie zuvor war der Zusammenhang von Jugendsexualität, jugendlicher Prostitution und Sucht derart explizit zur Darstellung gebracht und tabuisierte Inhalte und Darstellungsweisen auf Film gebannt worden.“ (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 2004)
Gab es je einen schöneren Drogenfilm als CHRISTIANE F.? Zumindest nicht für Menschen, deren Pubertät die 80er und deren Herkunft die deutsche Pampa war. Nicht nur ich war in die Brunckhorst verknallt. Und wie gerne hätte ich damals die Spritze mit ihr geteilt. Noch dazu, da von Dackelblick-Detlef kein blaues Auge zu befürchten stand, weil er eben ein Detlef war, die Lieblingsbeleidigung für eine Lusche in meinem persönlichen Umfeld.
Das Buch war gut, der Film war geil. CHRISTIANE F. weist alle Vorzüge und Hinkebeinchen eines idealen Exploitationfilms auf und ist somit, filmtheoretisch und -praktisch, kein guter, aber auch kein schlechter Film. Er war eben am Puls der Zeit. Er war eben da, wo viele Pubertierende sein wollten: In der Neon-Gosse von Berlin. Danke, Herr Eichinger, Herr Edel, Herr Bowie, Herr und Frau Filmbewertungsstelle Wiesbaden, alles richtig gemacht. Ein oder zwei Drogenleichen mehr hat wohl jeder dank dieses Films bis heute im persönlichen Umfeld gehabt.

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Aber der Puls der Zeit ist ein sich wandelnder gen Sauberkeit. Im Falle von CHRISTIANE F. putzen zwei Faktoren die Nachwuchs-Kultsog-Wirkung im Jahre 2000+ sprichwörtlich weg: Die generell wuchernde Mysophobie des Durchschnittsbürgers sowie der Bistro-Wandel Berlins, der Nachwuchs-Drogensüchtigen eine „Christiane F.-Tour“ immer unmöglicher macht. Bald bleibt nur der nostalgische Blick zurück: CHRISTIANE F. als wunderschön dreckiges, verklärtes Dokument einer Zeit vor unserer Zeit und einer der besten Exploitationfilme bundesrepublikanischer Herkunft.
In diesem Sinne: Es gab noch nie einen Anti-Drogen-Film, kann es auch nicht geben. CHRISTIANE F. ist der Polarstern dieser Feststellung.
reda

P.S.: Hier noch drei Links zur Glorifizierungsdebatte. Vor allem der zweite Link (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) ist für angehende Drogensüchtige äußerst empfehlenswert, denn dort wird sogar auf den weniger bekannten Rave-Klassiker NAAR DE KLOTE – WASTED! von Ian Kerkhof eingegangen.

Süddeutsche Zeitung, 3.4.1981: Wie vorbildlich ist CHRISTIANE F.?
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Illegale Drogen in populären Spielfilmen, 2004 (CHRISTIANE F.: S.18)
Wiener Zeitschrift für Suchtforschung: Drogenfilme und Antidrogenfilme, 1982 (CHRISTIANE F.: S.39/40)

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 20:80

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
NAAR DE KLOTE – WASTED! (Ian Kerkhof)
TRAINSPOTTING (Danny Boyle)
REQUIEM FOR A DREAM (Darren Aronofsky)
mochten

Stern Nr.40/1978 vom 28.9.1978: A Hype Is Born

Stern Nr.40/1978 vom 28.9.1978: A Hype Is Born

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2 Gedanken zu „CHRISTIANE F. – WIR KINDER VOM BAHNHOF ZOO (Christiane F.)

  1. …sollte den anfangs nicht Roland Klick drehen? Soweit gelesen, hatte der u.a. zur Recherche Räume in der Nähe des Bahnhof Zoo gemietet, in denen die Junks ein und aus gingen… schliesslich wurde ihm der Auftrag entzogen, bzw gab er das Projekt auf… Wäre schon spannend, was da für ein Film gekommen wäre…

  2. Ich habe lange überlegt, ob ich das mit Klick erwähnen sollte, habe mich dann aber dagegen entschieden. Es ist müßig zu spekulieren. Es ist eben das da, was da ist. Und das ist wunderbare Exploitation…

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