MORDGEDANKEN (19-sai no chizu)

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Japan 1979
Regie, Drehbuch: Mitsuo Yanagimachi
Vorlage: Kenji Nakagami
Produzent: Mitsuo Yanagimachi, Kenichi Nakamura
Kamera: Katsumi Sakakibara
Musik: Fumio Itabashi
Darsteller: Yuji Honma, Keizo Kanie, Hideko Okiyama
110 min

Kenji Nakagami I: Der Stoff, aus dem die Amokläufer sind

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Der 19-jährige Student Masaru haust mit dem 30-jährigen Taugenichts und Alkoholiker Konno in einer winzigen Ranzbude in den Slums von Tokio. Beide leben vom Zeitungsaustragen. Während Konno zumindest noch ab und an etwas Nestwärme bei der nach einem Selbstmordversuch verkrüppelten Maria sucht, driftet Masaru immer mehr ab. Er fertigt eine Karte mit seinen meistgehassten Zeitungskunden an, und gibt den einzelnen Einträgen sogar eine Lästigkeits-Wertung. Dann drangsaliert er seine Sündenböcke mit übelsten Drohanrufen und will ähnlich reaktionär wie der Fascho Travis Bickle in TAXI DRIVER Tokio von solchem Abschaum befreien; nur dass, im Gegensatz zu TAXI DRIVER, die Drohungen von Masaru, zumindest während der Filmlaufzeit, nur Drohungen bleiben. Denn den beiden Sozialkritik-Ikonen Mitsuo Yanagimachi (Regie) und Kenji Nakagami (Vorlage) geht es nicht um das Resultat, sondern das Milieu.
Was soll ich nur mit meinem Leben anfangen?“ ist die am meisten gestellte Frage in MORDGEDANKEN, der bizarrerweise sogar 1988 eine TV-Premiere im ZDF hatte. Der deutsche Titel ist noch nicht einmal schlecht gewählt, obwohl der Originaltitel ganz simpel mit „Die Karte eines 19-Jährigen“ übersetzt werden müsste. Es sind eben nur Gedanken. Die Schwelle, die Drohungen wahr zu machen, ist noch nicht erreicht. Die große Depression vor der Reaktion. So gesehen war MORDGEDANKEN 1979 eigentlich auf der Höhe der Zeit mit der weltweiten Punkbewegung. Selten hat jemand ein so desillusioniertes, trostloses, dreckiges japanisches Großstadtleben gezeigt. In MORDGEDANKEN gibt es ausschließlich gescheiterte Existenzen. Tristesse, Tristesse und noch mal Tristesse. Vielleicht ist gerade deshalb das Ende in seiner Banalität das wärmste japanische Filmende, das ich jenseits von Shinji Somais LOVE HOTEL gesehen habe: Die verwahrloste, humpelnde und inkontinente Maria steht vor einem Müllhaufen und zieht ein schönes, schwarz-rotes, sauberes Kleid hervor. Sie strahlt übers ganze Gesicht und fängt, das Kleid an sich drückend, in ihrer ungelenken Art an, zu tanzen. Der letzte Funken Glück in einem Gülle-Meer. Punk-Poesie eben.

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Regisseur Mitsuo Yanagimachi hat vor MORDGEDANKEN nur die Kult-Doku GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR über japanische Motorradgangs gemacht und die Doku-Wurzeln sind seinem Fiction-Debüt gut anzumerken. Hier passieren ausschließlich die kleinen Dinge, die ein völlig desolates Gesamtbild ergeben.
Fast noch wichtiger als der Regisseur ist bei MORDGEDANKEN aber der Autor der Vorlage, Kenji Nakagami. Ein extrem angesehener und mehrfach ausgezeichneter japanischer Schriftsteller, dessen wenige verfilmte Werke fast ausnahmslos Klassiker der neueren japanischen Filmgeschichte sind. WOMAN WITH RED HAIR, auch 1979 gedreht, gilt als einer der besten Roman Porno überhaupt und der 1976 von Kazuhiko Hasegawa verfilmte YOUTH KILLER (1976) war der erfolgreichste Film der atg nach dem Asama-Sanso-Debakel. Nakagami schrieb auch das Drehbuch zum ebenfalls von Yanagimachi insezenierten FEUERFESTIVAL (1984), der als einer der wichtigsten Vertreter der japanischen Nouvelle Vague der 80er gilt. Allesamt sind das sehr düstere sozialkritische Werke, die orientierungslose bis maximal Sinn suchende Protagonisten durch die Filmlaufzeit begleiten. Und keines dieser Werke macht den Fehler, versöhnlich zu sein.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
YOUTH KILLER (Kazuhiko Hasegawa)
TAXI DRIVER (Martin Scorsese)
OUT OF THE BLUE (Dennis Hopper)
mochten

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Ein Gedanke zu „MORDGEDANKEN (19-sai no chizu)

  1. Den hab ich damals im ZDF gesehen, und ich hatte längst vergessen, wie er heißt und von wem er ist. Auf Yanagimachi wäre ich nie gekommen. Aber man muss nur lange genug warten, dann klärt sich alles auf … 🙂
    (Jetzt muss mir nur noch jemand verraten, wie dieser vermutlich spanische Film heißt, der mir seit 15 Jahren im Kopf herumgeht.)

    Wie man im Spiegel lesen kann, lief er damals in einer 5-teiligen Reihe. Und eigentlich war das gar nicht bizarr, denn auch im ZDF hat man sich damals noch was getraut. In „Das kleine Fernsehspiel“ lief ja auch immer so Zeug. Aber lang ist’s her.

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