CANNIBAL

can0
Deutschland 2005/06
Regie, Drehbuch, Produzent, Kamera: Marian Dora
Musik: Ghazi Barakat, Alexander Hacke, J.G. Thirlwell, Gerhard Heinz, Victor
Brandl, Alejandro Mendiez
Darsteller: Carsten Frank, Victor Brandl
89 min

Weil CANNIBAL wegen Gewaltpornografie nach §184a StGB in Deutschland beschlagnahmt wurde, werde ich keine Benotung, Empfehlungen oder eine Arthouse-Exploitation-Gewichtung abgeben. Die Szenenbilder sind aus Hollywoodfilmen. Diese Besprechung von CANNIBAL dient ausschließlich zur rein objektiven Berichterstattung. Der Film wird hier in keinster Form beworben, vertrieben oder verkauft. reda.

johnathon schaech gay doom generation james duval
I Love You Phillip Morris
Die Tante Trude in uns allen

Wer zum Metzger geht, darf sich nicht beschweren, dass es da Fleisch gibt: Jeder, der den Fall des „Kannibalen von Rotenburg“ ein bisschen kennt, sich CANNIBAL von Marian Dora ansieht und sich danach empört, wie ekelhaft der Film sei, ist ein Heuchler, der die Grenzen der eigenen Schaulust nicht ertragen kann. Denn Marian Dora macht lediglich das, was sich die meisten Filmemacher wegen des Beharrens auf etablierte Erzählstrukturen nicht trauen (bzw. trauen dürfen wegen vermeintlicher Vermarktungsregeln): Er zeigt, wortkarg und bilderlastig, den letzten Tag im Leben des Bernd Brandes (hier: „Das Fleisch“), der sich von Armin Meiwes (hier: „Der Mann“), auf eigenen Wunsch hin, töten und verspeisen ließ. Keine Wertung, keine Nebenhandlungen, keine Kompromisse. Den letzten Tag.
Dabei ist CANNIBAL, wie auch THE MANSON FAMILY von Jim Van Bebber zum Thema Charles Manson, die einzige Verfilmung des Meiwes-Falls, die sich fast akribisch an die Fakten hält. Dass diese so grotesk sind, dass manche Menschen die daraus resultierende Detailtreue mit dem Stempel Horrorfilm versehen, erscheint aber etwas absonderlich. Doras Film ist im Gegensatz zum weitaus amateurhafteren (und noch dazu mit einer extrem peinlichen Rahmenhandlung versehenen) THE MANSON FAMILY technisch erstaunlich ausgereift, sehr ehrlich im Umgang mit der Materie und, weil er auf die Schaulustigen bei einem Autounfall bauen kann, sogar spannend. Er fordert das Publikum auf, sich mit den eigenen Abgründen zu konfrontieren. Aber diese Abgründe will das männliche heterosexuelle Publikum nicht sehen. Denn ironischerweise eröffnen die entsetzten Reaktionen auf CANNIBAL aus Horrorfankreisen eine interessante Meta-Ebene. Da tut sich eine „Ich hab ja nichts gegen Schwule, aber„-Welt auf, die weitaus erschreckender ist als Doras Film: Eine homophobe Gorehound-Welt, die in ihrem Effekte-Lob und Schwulen-Ekel jenen die Bälle zuspielt, die auf diese Szene herabblicken.
Dass das Zeigen homosexueller Liebesszenen im Meiwes-Fall unabdinglich ist, führt dann zu arg selbstentblößenden Gemütsbekundungen wie „Nasty Gay Porn“ mancher Rezensenten. Doch Gay Porn sieht anders aus. In CANNIBAL gibt es keine Close-Ups auf erigierte Penisse. Aber das scheiternde Abbeißen, das Abschneiden als Notlösung und die Verspeisung von Brandes Glied ist für diesen makabren Kriminalfall so essenziell wie der Ring in HERR DER RINGE, warum soll es also nicht gezeigt werden? Die Heuchler bekommen demzufolge das, warum sie gekommen sind. Dann aber halten sie sich die Hände vors Gesicht und schielen trotzdem durch die Finger. Die eigenen Abgründe eben. Und dann sind sie böse mit Herrn Dora. Denn der zeigt der Metzgereikundschaft nicht nur die fertige Bulette, sondern auch die Zutaten.

Milk
My Private Idaho
Wie schon angedeutet, ist hier inhaltlich, aber auch technisch kein Hollywood zu erwarten, was dem Ausgangsstoff sowieso widersprechen würde. Bilder sind im Film zumeist einem Dialog vorzuziehen, doch ein bisschen mehr als in CANNIBAL hatten sich „der Mann“ und „das Fleisch“ bestimmt zu sagen. Die Vermutung liegt nahe, dass Dora nicht aus dramaturgischen Gründen die Dialoge knapphalten musste, da die zwar weit über dem Amateurstatus solcher Produktionen liegenden Schauspieler-Leistungen nicht ganz überzeugen. Doch das und die arg flachen Außenvideoaufnahmen sind verzeihbare Mankos, wenn ein Blick auf die Credits geworfen wird: Marian Dora hat den Film fast alleine gedreht.
Jenseits dieser Abstriche ist CANNIBAL jedenfalls künstlerisch wertvoll; ein Langfilmdebüt ohne Längen, eher sehr auf den Punkt, im Zeigen des Grauens gerade so ausschweifend, wie es die Situation verlangt und in der Annäherung an die Figuren durchaus bemüht um Authentizität, Atmosphäre und Anteilnahme. Etwas befremdlich ist deshalb auch die Beschlagnahmung wegen Gewaltpornografie. Denn trotz der detailgetreuen Nachstellung des Falles wird nicht versäumt, auch die innere Zerrissenheit der beiden Figuren, vor allem die des „Mannes“, zu zeigen.
reda

Anmerkung bzgl. des deutschen Paragrafen-Dschungels: Im Gegensatz zu Beschlagnahmungen nach §184b StGB (Kinderpornografie), infolgedessen auch der Besitz der Medien strafbar ist, dürfen Beschlagnahmungen nach §184a StGB (Gewaltpornografie) lediglich nicht beworben, verkauft oder verbreitet werden.
Brokeback Mountain
james duval shirtless gay nowhere

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s