HOTEL

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Österreich, Deutschland 2004
Regie, Drehbuch: Jessica Hausner
Produzent: Antonin Svoboda, Philippe Bober, Martin Gschlacht, Susanne Marian
Kamera: Martin Gschlacht
Musik: Sabri Tulu Tirpan, Marc Hurtado, Roland Kugler/Andreas Till, Mozart, J.A.P. Schulz, Chor der Sängerknaben vom Wienerwald
Darsteller: Franziska Weisz, Birgit Minichmayr, Christopher Schärf
73 min

Angenehm ruhige Psycho-Innenreise

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Ich habe Angst vor deutschsprachigen Filmen, richtige Angst. Denn im positivsten Fall verlasse ich das Kino nach einer halben Stunde mit Wut im Bauch, was immerhin eine Form von Energie ist, wenn auch eine negative. Der negative Fall ist körperliche Übelkeit, die mich dann überkommt, wenn ich die hinter den Bildern versteckten Diskussionen mit Fernsehredakteuren spüre.
Ab und an wage ich einen Versuch, vor allem, wenn als Produktionsland an erster Stelle Österreich genannt wird. Denn da besteht noch Hoffnung. Besonders, wenn ein Film wie HOTEL mit einem der besten Plakate seit langer Zeit aufwarten kann.
Und der dazugehörige Film enttäuscht nicht. Eigentlich reicht das Plakat, weil es exakt das definiert, was einen erwartet: Die angehende Hotelfachangestellte Irene fängt an, in einem österreichischen Alpenhotel zu arbeiten. Ihre Vorgängerin ist aus nie genannten Gründen verschwunden. Die generell introvertierte Irene entfernt sich immer mehr von ihren Kollegen und verläuft sich in den leeren Gängen des leise brummenden Hotels.
HOTEL wird oft mit SHINING oder David Lynch verglichen, was aber nur an der Oberfläche kratzt. So sehen Hotels eben aus und ein roter Vorhang plus Dunkelheit macht noch keinen Lynch. Eher drängen sich hier Ähnlichkeiten zu Polanskis EKEL oder MIETER auf: Zwei Filme, in denen sich fragile Hauptfiguren immer mehr von der Außenwelt abkapseln und Opfer ihrer latent schlummernden Psychosen werden.
Jessica Hausners zweiter Langfilm kann auf allen technischen Ebenen punkten. Klare, statische Bilder ihres Kameramannes Martin Gschlacht, ein extrem effektives Sounddesign und dann ist da die Musik, die hervorragend ausgewählt wurde. Sogar der Proll-Techno auf den Saufpartys von Irenes Kollegen hat seinen eigenen Charme. Das verhaltene Spiel von Franziska Weisz versus das fast schon obligatorische Prollgehabe von Birgit Minichmayr als ihre Kollegin schafft noch weitere Pluspunkte. Aber am schönsten sind die Momente, wenn Irene allein durch die Neon-Gänge des Hotels oder die Heidi-Bäume drum herum schleicht. Nennt sich im Volksmund Stimmung. Und die funktioniert verdammt gut.

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HOTEL ist ein herausragendes Beispiel, wie mit einem Minimum an Effekten eine maximale Annäherung an die innere Befindlichkeit einer Filmfigur erzeugt werden kann. Nicht zu vergessen, der Mut der Regie, so angenehm langsam zu erzählen und so unendlich viel (in der DVD-Version) offen zu lassen. Filme wie HOTEL können mehrfach geguckt werden, nicht, um des Rätsels Lösung zu erahnen, sondern um sich der eigenen Verunsicherung hinzugeben. Großer Film, das.
Für die DVD-Veröffentlichung wurde HOTEL um knapp 10 Minuten gekürzt: „The film was re-cut after it was shown at the festival in Cannes, the director decided she wanted to leave some scenes out that explain about the secret menace. She did not want these things to be explained to the audience. (imdb.com)“ Ich habe leider die längere Version nicht gesehen, doch ist anzunehmen, da auch Fernsehsender Ko-Produzenten waren, dass Konzessionen an den sog. DAZ, den dümmsten anzunehmenden Zuschauer, entfernt wurden, um den Film zu dem zu machen, was er sein sollte: Eine kleine, mysteriöse Perle im deutschsprachigen Filmschaffen, die viel Platz zum Nachdenken lässt. Der einzige Grund, warum HOTEL für mich an der Schulnote 1 vorbei schlittert, ist, dass er trotz der schon vorhandenen Stringenz ruhig noch dialogloser und bilderlastiger hätte sein können. Aber dann wäre er wohl zu international geworden.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 80:20

Schulnote: 2+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
DER MIETER (Roman Polanski)
BEYOND THE BLACK RAINBOW (Panos Cosmatos)
SCHULTZE GETS THE BLUES (Michael Schorr)
mochten

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Ein Gedanke zu „HOTEL

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