WET SAND IN AUGUST (Hachigatsu no nureta suna)

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Japan 1971
Regie: Toshiya Fujita
Drehbuch: Toshiya Fujita, Motozo Mineo, Atsushi Yamatoya
Produzent: Kazu Otsuka, Hiroshi Fujinami
Kamera: Kenji Hagiwara
Musik: Hiroshi Mutsu, Pepe
Darsteller: Masasuke Hirose (Kiyoshi), Teresa Noda (Sanae), Takenori Murano (Kenichiro),
Midori Fujita (Maki), Fumio Watanabe (Kamematsu), Naoto Nakazawa (Shuji)
91 min

Nikkatsus letztes Double Feature vor Roman Porno, Teil 1: Bedenklicher Kultfilm

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Kiyoshi und Ken, die in einem Strandbad leben und den für ihre Altersgruppe obligatorischen Unfug anstellen, sind zwei Teenies an der Schwelle zu Twens. Als Kiyoshi wieder einmal am Strand liegt, wird vor seinen Augen die pubertierende Sanae mit zerfetztem Kleid nach einem Gang-Rape aus dem Auto einiger Halbstarker geworfen. Kiyoshi verguckt sich in die Kleine, nimmt sie mit nach Hause, besorgt ihr neue Klamotten. Doch als er wieder zurückkommt, ist Sanae verschwunden.
Kurze Zeit später lernt er Sanaes große Schwester Maki kenne, die ihm vorwirft, an der Vergewaltigung von Sanae beteiligt gewesen zu sein. Doch Kiyoshi kann sie von seiner Unschuld überzeugen und erfolglos begrapschen.
Ken legt sich mit Jedem an, vor allem seinem leiblichen Vater, sodass dieser drei Yakuzaschläger organisiert, um seinem Sproß Manieren beizubringen. Doch Papa hat auch eine weiche Seite. Er leiht Ken seine Jacht. Da Ken aber noch Kiyoshi, Sanae und Maki zur Segeltörn einlädt, findet das Papi nicht gut. Ken zwingt Papi daraufhin mit Waffengewalt, die Jacht zu verlassen. Die vier Jugendlichen segeln los und schon nach kurzer Zeit treten geschlechterspezifische Spannungen auf…
The summertime sun casts a shadow of uncertainty. With the student protests of the 1968 movement at an end, kids had lost purpose and were restless with energy. „Wet Sand In August“ is a hallmark classic of Nikkatsu productions. Not only does it epitomize an era of teenage rebellion, but it also has become a benchmark for Toshiya Fujita’s work. This film remains a requiem that resonates with the hearts of many.“ (Nikkatsu-Pressetext)
Es ist seltsam. Manchmal sind die scheinbar einfachsten Filme die härtesten Brocken. WET SAND IN AUGUST ist Toshiya Fujitas berühmtester und erfolgreichster Film. Schön und gut, aber warum? 1970/71 wurden tonnenweise Filme über rebellierende Jugendliche veröffentlicht, und auch einige, die als Neo-Taiyozoku ein sehr beliebtes Genre aus den 50ern wieder aufleben ließen. Die Taiyozoku oder Suntribe-Filme thematisierten damals am Strand rumlümmelnde jugendliche Taugenichtse, die die Kinogänger begeisterten und die Moralapostel Japans arg verzweifeln ließen.
Was macht ausgerechnet Fujitas Film zum Meilenstein, wie es auch schon das Nikkatsu-Zitat vermuten lässt? Ganz einfach: Weil sein heuchlerischer Rebellionsvorwand zwar vordergründig das japanische Geschlechter-Kastensystem kritisiert, aber eigentlich genau deshalb noch konservativer ist als das Jidaigeki-Rentner-Genre.

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Doch ich beginne mit den leider vorhandenen Qualitäten. WET SAND IN AUGUST macht Laune, definitiv, und ist somit perfekte Familienunterhaltung. In knalligen, sonnigen Cinemascope-Strandbildern wird hier das Lebensgefühl der japanischen Post-68er dargestellt. Und zwar nicht das der Revoluzzer, sondern das der Rebellen, also jenen Jugendlichen, deren Rebellion nach ihrer Grober-Unfug-Phase vermutlich im grauen Büroalltag einer großen japanischen Firma enden wird. Die Jugend begehrt auf: gegen die Lehrer, gegen den Yakuza-Vater, generell gegen das „Schaffe-Schaffe-Häusle-Baue-Japan.“ Die Jugend darf laut Drehbuch aber auch Fehler machen, zeigt bedingt tätige Reue und wird vermeintlich klüger.
Das Testosteron spritzt nur so über die Leinwand. Die Östrogenvariante will auch mitspielen, darf auch, aber der zugewiesene Platz in der Gesellschaft ist wie bei den Jungs vorprogrammiert. Ein Gang-Rape ist keine schöne Sache, aber das gehört eben dazu. Da kloppen sich dann die Jungs ein bisschen, um die Mädels zu rächen. Nur dass sie selbst keinen Funken anders sind. Die Mädels waschen sich schön (das Wort ist hier wichtig, da es auch exploitativ in Szene gesetzt werden muss) die Schande ab und dann ab zum nächsten Macho. Sexuelle Gewalt gehört laut diesem Film zum Leben einer japanischen Frau. „Das ist so und wird immer so sein“ ist hier und in vielen Filmen das Thema. Manche, nicht alle, schaffen den Spagat, vom Publikum eine Position zu fordern. Bei WET SAND IN AUGUST gesellt sich aber ein „Finde dich gefälligst damit ab“ dazu und das macht ihn so bedenklich. Dass dann die sexuelle Gewalt ausnahmsweise nur angedeutet wird, macht ihn deshalb auch nicht besser als ähnlichen Steinzeit-Kunstmief namens MANDARA von Akio Jissoji.
Fujitas Beitrag zu Nikkatsus letztem Double Feature vor der Umstellung zu Roman Porno ist ein zweischneidiges Schwert, weil er eben nicht als Wunschfantasie innerhalb des geschlossenen sexfilmischen Ökosystems existiert. Das hier ist auch kein SPRINGBREAKERS, der die Verblödung des Nachwuchses ironisch überspitzt. Das ist erst recht kein CLOCKWORK ORANGE, der den freien Willen über den Gewalttrieb stellt. WET SAND IN AUGUST stimmt nachdenklich, weil hier der Ballermann6-Mentalität gefrönt wird, somit archaisches Rollendenken und sexuelle Gewalt Händchen halten.
Ich entziehe mich bei diesem Film also einer Schulnote, da er meines Erachtens zwar einen ansatzweise kritischen, aber angesichts des „Kultfaktors“ letztendlich peinlichen Einblick in die vorsintflutliche Denkstruktur einer sogenannten Industrienation gibt. Manchmal wird meine Japanofilie jedenfalls auf eine harte Probe gestellt.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 40:60

Schulnote: –

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
TRAINSPOTTING (Danny Boyle)
SAW III (Darren Bousman)
WE NEED TO TALK ABOUT KEVIN (Lynne Ramsay)
mochten

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