FEUERDRACHE (Fathom)

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Großbritannien 1967
Regie: Leslie H. Martinson
Vorlage: Larry Forrester (unveröffentlichter Roman „Fathom Heavensent“)
Drehbuch: Lorenzo Semple Jr.
Produzent: John Kohn
Kamera: Douglas Slocombe
Musik: John Dankworth
Darsteller: Raquel Welch, Tony Franciosa, Ronald Fraser
95 min

Eurospy incl. Raquelsploitation

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Trotz unzähliger Auftritte in diversen Filmen und Genres wurde Superstar Raquel Welch weniger für echte Hauptrollen, sondern eher für „Liebchen von“-Frauenfiguren, also „Supporting Roles“ gecastet. Ihre wenigen Hauptrollen waren zu ihrer Hochzeit als Hollywoods letztes Sexsymbol („Letztes“ deshalb, weil sie sich für „echte“ Exploitation, die genau zur Blütezeit ihrer Karriere aufkam, trotz Sexsymbol-Überglorifizierung nie ganz nackig machte) in chronologischer Reihenfolge EINE MILLION JAHRE VOR UNSERER ZEIT (1966), TOTE BIENEN SINGEN NICHT (1969), MYRA BRECKINRIDGE (1970), HEISSKALTES BLUT (1971), HANNIE CAULDER (1971) und ROUND UP (1975).
Laut den Credits von FEUERDRACHE spielt sie dort nur die zweite Geige, doch schon nach wenigen Minuten riecht die Leinwandpräsenz von und der Fokus auf Frau Welch arg nach Raquelsploitation. Bis auf Schuss-Gegenschuss-Situationen ist Hollywoods letzte Diva fast permanent im Bild.
FEUERDRACHE ist vielleicht der beste Female Spy-Movie der 60er, sogar noch vor MODESTY BLAISE (1966), der mit einigen Leerlaufproblemen zu kämpfen hatte. Das einzige Manko an FEUERDRACHE sind zwar auch minimale Tempodurchhänger, ansonsten ist der Raquelspy aber durch und durch „good clean fun“ inklusive eines typisch leichten Eurospy-Soundtracks und (fast) exklusive der zu jener Zeit und in jenem Genre eigentlich unabdinglichen Love Story, was schon mal eine eventuelle Zweitsichtung positiv bedingt.
Regisseur Martinson, der mehr Serien auf dem Buckel hat als Takashi Miike Filme, zeigte sich schon ein Jahr zuvor für das Pulp-Meisterwerk BATMAN HÄLT DIE WELT IN ATEM verantwortlich. Hier schaltet er in Sachen Selbstironie einen Gang zurück. Trotz leichter Comedy-Elemente nimmt sich FEUERDRACHE größtenteils ernst. Erstaunlich für einen Eurospy ist das durchaus wortwitzige Drehbuch, das vor allem Frau Welch den einen oder anderen wirklich guten Spruch auf die Lippen legt. Ich bin ja jenseits ihrer optischen Vorzüge auch immer ein Fan ihrer englischen Aussprache gewesen. Das ist fast schon schulenglisch, was sie von sich gibt.
Anders als bei Edouard Logereaus DIE WÖLFIN sind hier die Dialoge nicht dazu da, um Laufzeit zu schinden, sondern eher umgekehrt. Der eine oder andere Spruch kommentiert das gleichzeitige Geschehen, wodurch die Dialoge das Tempo des Films nicht zwangsläufig drosseln. Da passiert schon Einiges, gemessen an der Entstehungszeit, und eine Unmenge an Plot Twists sorgt dafür, dass es jenseits verhaltener Actioneinlagen nicht langweilig wird.

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Der Einstieg in den Film ist Camp pur. James-Bond-Vorspann-Gott Maurice Binder wurde für die Anfangscredits engagiert und der zeigt uns eine von Windmaschinen umblasene Raquel, die in einem roten Body einen Fallschirm faltet, ohne Scheiß, drei Minuten lang! Dann geht’s direkt ins Gefecht: Raquel Welch mimt die amerikanische Zahnarzthelferin (!) und Fallschirmspringerin (!!) Fathom Harvill. Die treibt sich für einen Skydive-Wettbewerb in Spanien rum und wird von zwei britischen Agenten überredet, einem gewissen Peter Merriwether den Verbleib des Feuerdrachen, einer Fernzündvorrichtung für Atombomben, zu entlocken. Fathom soll „nur“ mit ihrem Fallschirm über dessen mediterraner Bösewicht-Villa abspringen, in seinem Domizil eine Wanze deponieren und sich als pseudoverblödetes Skydiver-Häschen wieder verkrümeln. Natürlich geht schon dieser Plan schief, da Fathom schon kurz nach der Landung von Merriwether einen Mord angehängt bekommt. Doch der vermeintliche Schurke entpuppt sich in einem der Plot Twists als gar nicht so übler Bursche, während Fathom von einem Spion zum Nächsten torkelt, immer gut frisiert und geschminkt…
Geschichte hin oder her: Einen Raquel-Aficionado interessieren natürlich vorrangig, wie viele Bikiniszenen, Klamottenwechsel und Wet Downs ein Drehbuch für Frau Welch parat hält. Und da kann dem Raquelspy höchstens die (übrigens auf DVD erhältliche) TV-Show RAQUEL! das Wasser reichen. Alle anderen Filme verschwenden zu viel Laufzeit auf Spezialeffekte (EINE MILLION JAHRE VOR UNSERER ZEIT), gehörnte bzw. angehende Liebhaber (TOTE BIENEN SINGEN NICHT, HANNIE CAULDER), Pseudo-Kunstalarm (MYRA BRECKINRIDGE), Landschaftsaufnahmen (HEISSKALTES BLUT) oder Sportszenen (ROUND UP). Nur FEUERDRACHE hat alles, was das Auge begehrt: Der grüne Bikini aus FEUERDRACHE ist legendär. An jeder neuen Location, und derer sind da bestimmt ein Dutzend, gilt es, die neueste 60er-Jahre-Mode über Raquels Kurven zu bestaunen und sogar zweimal muss sie ins Wasser.
Schade, dass es danach nie wieder eine filmische Nonstop-Raquelsploitation gab. Schön, dass die sich hier auch noch mit dem wunderbaren 60er-Spy-Look paart. Und schon rotiert die DVD erneut im Player, denn FEUERDRACHE ist hiermit, für mich zumindest, zum Kultfilm erklärt.
Weil den Film eben keiner (mehr) kennt, kriegt man die deutsche DVD übrigens für eine Packung Zigaretten nachgeschmissen. Die Silberling-Variante sieht trotz fehlender Extras vom Bild her großartig aus, auch wenn das Cinemascope-Format etwas zusätzlich gestreckt wirkt. Und leider haben die letzten zehn Minuten in den Innenszenen einen argen Magenta-Stich.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 20:80

Schulnote: 1-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
RAQUEL! (David Winters)
MODESTY BLAISE (Joseph Losey)
MYRA BRECKINRIDGE (Michael Sarne)
mochten


fatho202

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