LILJA 4-EVER (Lilya 4-ever)

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Schweden/Estland/Dänemark 2002
Regie, Drehbuch: Lukas Moodysson
Produzent: Lars Jönsson
Kamera: Ulf Brantas
Musik: Nathan Larson, Rammstein
Darsteller: Oksana Akinschina, Artyom Bogucharsky, Elina Benenson
104 min

Keine Review weil Review 4-ever

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I want to see LILYA 4-EVER one more time, but I’m not sure that I can take it. Mein Herz brennt.“ (Anthony Kane, The New Yorker)
Warum sieht man sich einen Film erneut an? Bei mir läuft der Film vorher sowieso noch einmal im Gehirn durch, also warum überhaupt? Ganz oft ist es die Musik, manchmal der Humor, manchmal die Botschaft, manchmal purer Zeitvertreib. Ein James Cameron funktioniert zum Beispiel auch noch beim fünften Mal, wohingegen sich Pseudo-Transgressiv-Schinken wie MEN BEHIND THE SUN 25 Jahre später beim Rewatch als peinliche Stinker entpuppen.
Gestern war wieder so ein Tag, der solche Gedanken aufwirft. Wieder einmal LILJA 4-EVER aus dem DVD-Regal gekramt. Fünf Minuten gesehen, dann erneut gescheitert, weil im Gehirn vorgespult.
Ich sehe mir echt alles an, sogar Hollywood- und Heimatfilme. Am liebsten aber das, was die meisten Menschen nicht sehen wollen. Das fing schon in der Kindheit an, mit Horrorfilmen. Sich mit Ängsten konfrontieren. Ich habe mich immer gefragt, wieso sich Leute bei „schlimmen“ Szenen die Hand vor Augen halten und dann doch durch die Finger schielen oder warum Menschen den perversesten und kränkesten Müll lesen, also kreativ im Gehirn erzeugen, aber sich keinen Horrorfilm ansehen, also konsumieren wollen. Schizophrenie De Luxe. Ging aber bei beiden Varianten immer um die Lust am Spektakel und/oder Angstüberwindung, die Flucht nach vorn.
Jenseits der Pubertät kommt dann das große Gähnen. Monster, Mutanten, Zombies machen keine Angst mehr. Nächste Grenzerfahrung Realitätskonfrontation. Das echte Grauen. Filme über Psychoprobleme, Kriegsverbrechen, Missbrauch, eben Ungerechtigkeiten.
Doch da können Horden von Irren vergewaltigenderweise über jammernde Frauen herfallen. Da können bergeweise Kriegsleichen mit Baggern in Gruben verscharrt werden. Da können Jesusse ausgepeitscht werden, bis ihnen das Fleisch in Fetzen runterhängt. Alles unangenehme Erfahrungen, die zum Nachdenken anregen oder zumindest eine empathische Reaktion auslösen sollen. Geht rein, aber irgendwie irgendwo irgendwann wieder raus. Die Pizza danach. Distanz Bild zu Betrachter.

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Ich habe z.B. auch kein Problem mit Moodyssons A HOLE IN MY HEART, der eine Nachwuchsgeneration unserer Zeit zeigt, die sich schon so weit von allen möglichen moralischen Verantwortlichkeiten entfernt hat, dass man die eigenen Stirnfalten beim Einkerben spürt.
A HOLE IN MY HEART geht – grafisch gesehen – zwar um Einiges herber zur Sache als LILJA 4-EVER, aber hier geht es um ein subjektives Empfinden. Es gibt oft keine rationale Begründung, was Mitgefühl auslöst. Der ausgepeitschte bluttriefende Jesus in PASSION CHRISTI ließ mich kalt, während diverse Hardcore-Katholiken bestimmt Bollerwagen mit gefüllten Spuckbeuteln hinter sich herzogen.
Am 5. Dezember 2004 hab ich zufällig LILJA 4-EVER in der Glotze gesehen. Rumgezappt, hängen geblieben. Guter Film, dachte ich mir danach, packte ihn in eine Gehirnzelle, und habe ihn halb vergessen. Aber eben nur halb. Der Film ließ mich nicht los, verzögerte Rückkopplung. Also recherchiert. Wie hieß der? Die Recherche gestaltete sich schwierig, da ich dachte, es sei ein russischer Film, weshalb die Suche fruchtlos war. Dann durch Zufall rausgekriegt. DVD gekauft, seitdem zigmal versucht, ihn mir wieder anzusehen. Geht nicht. Fühle mich wie Lothaire Bluteau in JESUS VON MONTREAL, wenn er bei einem Casting die ganze Einrichtung zertrümmert. Auf die Frage, warum er das getan habe, antwortet er: „Ich kann einfach Demütigungen nicht ertragen.“ Was vielleicht der Grund ist, warum manche Menschen KOMM UND SIEH als den besten Antikriegsfilm aller Zeiten bezeichnen, oder warum ich DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM in drei Etappen gucken musste.
Jeder hat ein anderes Limit. Bei Vielen ist es DIE 120 TAGE VON SODOM, mein Limit ist LILJA 4-EVER. Deshalb auch Pressefotos, keine Screenshots. Weil will ich nie wieder sehen. Aber vielleicht ist das der Funken, der mich manchmal sogar eigentlich unsägliches Zeugs wie P.S. I LOVE YOU gut finden lässt, und das nicht aus Zynismus.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 1+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM (Volker Schlöndorff)
KOMM UND SIEH (Elem Klimow)
DIE 120 TAGE VON SODOM (Pier Paolo Pasolini)
mochten

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3 Gedanken zu „LILJA 4-EVER (Lilya 4-ever)

  1. Niederschmetternd. Neben Ghibli´s Glühwürmchen die wohl todtraurigste Filmerfahrung.
    In etwas. ENGEL DES UNIVERSUMS von 2000 und mit einem tollen Sigur Ros Soundtrack habe ich ähnlich in Erinnerung wie LILJA. Er beginnt hoffnungsvoll, fast ein wenig kitschig romantisch und spiralisiert sich dann brutal quälend Richtung unhappy end. Mußt du mal gucken falls du den noch nicht kennen solltest.
    http://www.imdb.com/title/tt0233651/

    • Danke für den Tipp. Kannte ich echt noch nicht, obwohl ich mir damals sogar den Soundtrack gekauft habe. Dachte das wär ein Fake-OST….

      • Der Soundtrack ist wirklich toll. Vorallem dieses finale letzte dronig aufbrausende Stück. Pathospenetration pur! 😉

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