ICH BIN EIN ELEFANT, MADAME (I’m An Elephant, Madame)

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Bundesrepublik Deutschland 1968/69
Regie: Peter Zadek
Drehbuch: Robert Müller, Wolfgang Menge, Peter Zadek
Vorlage: Thomas Valentin (Roman)
Produzent: Ernst Liesenhoff
Kamera: Gerard Vandenberg
Musik: Velvet Underground, Freddy Quinn, The Nice, Richard Tauber, Donovan, J.S. Bach, Martin Böttcher, Rolling Stones
Darsteller: Wolfgang Schneider, Heinz Baumann, Margot Trooger
95 min

Der westdeutsche Anarcho-Klassiker

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Velvest Undergrounds „I’m Waiting vor the Man“ hämmert direkt in der ersten Filmsekunde los: Zu Bildern eines Action-Painters vs. einer posthitlerschen Schulklasse, die auf einer Wiese ihrem Lehrer die lateinischen Namen für die durchlatschte Flora nennen muss.
Peter Zadeks erster Kinofilm ist DER deutsche 68er-Film. Manche Provokationen sind zwar arg zeitgeistig, doch der generelle anarchische Rebellionsgeist ist abgewandelt in jede Zeit übertragbar.
Schon der Filmtitel ist Anti-Establishment. In einer Strandszene trällert Hauptdarsteller Wolfgang Schneider als Jochen Rull ICH BIN EIN ELEFANT, MADAME nach der Melodie des deutschen Schlager-Klassikers „Ich küsse ihre Hand, Madame“ von 1928.
Der Bremer Schüler Jochen Rull hat die Faxen dicke. Er rebelliert, gegen alles und jeden. Nicht nur gegen die „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren“-Generation, sondern auch gegen den revolutionären Geist der 68er. Beide Seiten geben sich liberal. Die Lehrer heucheln bedingt Verständnis und die Revoluzzer müssen ihn irgendwie mögen, da sie sich sonst nicht von der Eltern-Generation abgrenzen könnten. Rull ist das alles herzlich wurscht. Er lebt seine eigene Revolution, provoziert mit seinen anarchischen Querschläger-Aktionen so ziemlich jedes Gegenüber. Als er an die Schule ein riesiges Hakenkreuz schmiert, wird er schließlich vom Schulunterricht ausgeschlossen.

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ICH BIN EIN ELEFANT, MADAME ist kein linearer Film, eher eine Anekdotensammlung oder Bestandsaufnahme des 68er-Geistes.
Der Stil des Films ist stark beeinflusst von Godards Endphase seiner kommerziellen Frühfilmografie, als er zunehmend Dokumentarisches, Zwischentitel und ähnliche Späßchen anwandte, um eine lineare Filminszenierung zu zerstören. Die zadeksche Variante sieht oft so aus: Die Protagonisten geben ihre Lebensweisheiten in oder knapp neben die Kamera sprechend zum Besten, somit Schuss-Gegenschuss fast im 180-Grad Winkel. Vor allem in den Klassenzimmerszenen gibt es hierbei zumeist nur zwei Einstellungen: den Lehrer an der Tafel und die desinteressiert oder großmäulig rumlümmelnde Klasse auf der anderen Seite.
Der traurige Höhepunkt des Films sind aber die echten Interviews nach der Hakenkreuz-Aktion, wenn Bremer Passanten gefragt werden, was man mit so einem Schmierfink wie Rull machen solle. Die Antworten sind typisch (nicht nur?) für die damalige Zeit, gehen von linksliberal bis Lynchjustiz und Rechtradikalismus.
Wie der Film anfängt, so endet er auch, mit dem vielleicht besten Popvideo, das es vor der Popvideozeit gab. Freddy Quinns konservativer Meilenstein „Wir“ wird mit Bildern unterlegt, die der liebe Freddy bestimmt nur allzu gerne ausgeblendet hätte. Wer danach nicht aus dem Kino geht und dem Lehrer aufs Pult kackt, hat gerade zu viele SMS verschickt.
Ich habe den Film ausgerechnet einen Monat nach meinem Abitur im Kino in einer Filmreihe gesehen und: Mann, was habe ich mich geärgert! Jochen Rull hat das Zeug zum Pubertäts-Idol, auch damals 1992 und auch heute 2014, denn seine Provokationen waren nie dumm, sondern fast aufklärerisch.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 80:20

Schulnote: 1-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
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