SEASON OF SNOW (Giniro no shizun)

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Japan 2008
Regie: Eiichiro Hasumi
Produzent: Toru Hirobe, Toru Miyazawa
Drehbuch: Kenji Bando
Kamera: Osamu Fujiishi
Musik: Naoki Sato
Darsteller: Eita, Rena Tanaka, Tetsuji Tamayama, Munetaka Aoki
108 min

Empathie-Pornografie für aktive und passive Skisportler

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Es gibt ja so Filme, von denen man vorher weiß, dass sie kitschig, vorhersehbar und dermaßen simpel erzählt sind, dass sogar noch Taub-Blinde alles kapieren. Aaaaber in ihrem Bombast bewegen sie etwas, eben dieses seltsame Ding im Brustkorb, das manche Herz nennen. Ich nenne so rare Meisterwerke Empathie-Pornos, weil sie die höchste Kunst repräsentieren, indem sie sogar den Zyniker noch begeistern. Leider kann so etwas meistens nur im Kino und seltenst im Wohnzimmer funktionieren.
Mein selbstentlarvendstes Erlebnis war hier, als mein Programmkino MEIN NAME IST KHAN gezeigt hat. „Habt ihr einen Dachschaden, jetzt auch noch Bollywood?“, hab ich gefragt, und mir wurde erwidert: „Geh rein, der hat was.“ Und ich bin reingegangen, gar ängstlich, aber gleichsam wissend, dass jetzt der ultimative Dreck kommt. Und es stimmte: Es war der ultimative Dreck, aber ich hatte dennoch verloren, denn so sehr du dich auch gegen Pornos wehrst, einen Ständer kriegst du doch. Und MEIN NAME IST KHAN ist Porno Deluxe. In einer superkitschigen, an Klischee-Ingredienzien nicht zu überbietenden Action-Szene stellten sich mir die Haare an meinen Armen auf, vor Rührung! Der Grund war neben dem perfekten Schnitt, dem generellen Geschepper und Krawummse und der unglaubwürdigen Darbietung der Schmierchargen hauptsächlich die superlaute Ultra-Bombast-Dolby-Surround-Musik in Achtzehn Punkt Eins oder so, die aus den Boxen donnerte. Ich gab mich einfach geschlagen. Ein erneuter Sieg des Es über das Über-Ich.
So ähnlich muss sich auch SEASON OF SNOW angenähert werden. Denn Hasumis vierter Kinofilm nach seinen TOP GUN-goes-BAYWATCH-Filmen UMIZARU 1 und 2 und der Baseballkomödie GYAKKO NINE hat alles, was sinnfreie Unterhaltung braucht. Sex, Gewalt und Tod zwar leider nicht, aber die Scheiß-Empathie wuchert wunderbar kitschig.

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Der 20-jährige Gin war als Pubertierender der Skiheld seines Tourikaffs in den japanischen Alpen. Doch seit er einen schweren Unfall hatte, haust er mit den ebenfalls gescheiterten Jungexistenzen Yuri und Jiro in einer Berghütte. Die Drei leben davon, Touristen abzuzocken. Als die junge Nanami in das Kaff kommt und dort in einer eigens gebauten Schneekathedrale heiraten will, bietet sich Gin an, dem skifahrerischen Greenhorn etwas Nachhilfe zu geben, damit sie sich zur Hochzeit nicht blamiert, bla, bla, blubb.
Ich war nie Skifahrer, Skifahren ist mir ungefähr so egal wie der berühmte Sack Reis in China, aber was hier Regisseur Eiichi Hasumi, die fast nonstop bewegte Kamera von Osamu Fujiishi, der Schnitt des Cutters Hiroshi Matsuo und die immerhin okayen Darbietungen seiner Hauptdarsteller aus dem TV-Script von Kenji Bando herausholen, war so unterhaltend, dass ich mich fast geschämt habe. Hinzu kommt die imposante Kulisse der japanischen Alpen bei strahlendem Sonnenschein, ein bisschen RUMMS, ein bisschen Melodram, ein nachwuchsanbiedernder Soundtrack und sauber komponierte Cinemascopebilder ohne die Flachheit des neueren japanischen Kinofilms. Dazu gehören eben auch viele, nicht alle, Klischees, die man so erwartet hat. Denn zwei Wendungen (Plotpoint und Showdown) in der Geschichte sind zwar für den japanischen Film typisch, lassen jedoch den Standard-US-Filmkonsumenten ob der Hollywood-Japan-Kulturdiskrepanz etwas stirnrunzelig zurück. Beides werde ich nicht erwähnen, da es eine sauteure japanische DVD des Films mit englischen Untertiteln gibt.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung weder noch

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
MEIN NAME IST KHAN (Karan Johar)
DER VOLLTREFFER (Rob Reiner)
NANA 1+2 (Kentaro Ohtani)
mochten.

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