GIRL BOSS BLUES: QUEEN BEE’S COUNTERATTACK (Sukeban burusu: mesubachi no gyakushu)

1971-10-27 (SUKEBAN 1) GIRL BOSS BLUES QUEEN BEE'S COUNTERATTACK
Japan 1971
Regie: Norifumi Suzuki
Drehbuch: Norifumi Suzuki, Takayuki Minagawa
Produzent: Shigeru Okada, Kanji Amao
Kamera: Shin Furuya
Musik: Hajime Kaburagi
Songs: Reiko Ike „Sukeban burusu“, Pita „Koisuru mono-tachi yo“, Hiromi Sairaiji „Hatoba“
Sukeban-Darsteller (nach Rollengewicht sortiert): Reiko Ike (Reiko), Yukie Kagawa (Jun), Yayoi Watanabe (Yuko), Miki Sugimoto (Mayumi), Hiromi Sairaiji (Hiromi), Rena Ichinose (Saseko), Ichiko Kawasaki (Moko)
Übriger Cast: Shunsuke Taki (Eiji Sugioka), Hosei Komatsu (Kohei Sugioka), Hiroshi Miyauchi (Jiro), Toru Abe (Akimoto), Shotaro Hayashi (Konno), Shigeru Amachi (Masaya Doi), Keiko Yumi (Rie), Masumi Jun (Yuki Shinohara), Hiroshi Nawa (Taiichiro Shimizu, „Papa“), Shingo Yamashiro (Ichiroku Ushijima, Journalist)
86 min

„Jemanden lieben heißt jemandem vertrauen. Aber ich kann dieser Erwachsenenwelt nicht trauen. Niemand wird uns in dieser Welt helfen. Wir können nur auf uns selbst vertrauen.“ (Reiko)

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Zum Geleit: Der etwas absonderliche Doppeltitel zum ersten offiziellen Sukeban-Film entstand durch Unstimmigkeiten zwischen Produzent und Regisseur. Ein Jahr zuvor war der von Motohiro Torii inszenierte und von Norifumis Stammautor Masahiro Kakefuda mitgeschriebene THREE PRETTY DEVILS (Sanbiki no mesubachi / „The Three Queen Bees“) ganz erfolgreich im Kino gelaufen, weshalb die Toei-Bosse eine Anspielung im Titel darauf wollten. Außerdem war die STRAY CAT ROCK-Girlgang-Reihe der Konkurrenz Nikkatsu gerade ausgelaufen und es schien aus Produzentensicht eine gute Idee zu sein, irgendwelche Viecher im Titel zu haben. Norifumi wollte aber etwas Neues etablieren, deshalb der Kompromiss.
Sukeban Reiko und ihre Girlgang „Die Athener“ sind kriminelle Jugendliche, die sich mit kleineren Gaunereien den Tag vertreiben. Die Gang besteht aus Saseko, Mayumi, Hiromi, Moko und Yuko.
Saseko ist hauptsächlich für Autodiebstähle zuständig, macht aber schon mal gegen Geld die Beine breit und mixt dann ihrem Freier etwas Schlafmittel in den postkoitalen Trunk, sodass er noch um sein Restgeld erleichtert werden kann. Mayumi ist die rechte Hand von Reiko. Bei einem Kaufhausdiebstahl von -wie soll es anders sein?- Klamotten wird sie von zwei Kaufhausdetektiven erwischt, zieht sich in deren Büro vor ihnen ohne Aufforderung komplett nackt aus und droht ihnen mit einer Anzeige wegen versuchter Vergewaltigung. Reiko kommt als „Zeugin“ hinzu, sodass die Trottel einknicken und die Mädels nicht nur mit den Klamotten laufen lassen, sondern ihnen auch noch Geld für die Fleischbeschau abdrücken. Hiromi ist Gangmitglied Nr.4, war mal eine angehende Sängerin und darf auch im Film ein Liedchen trällern. Moko hat im ganzen Film nur einen Satz und ist sonst nicht viel mehr als anwesend. Als Sechste kommt noch Yuko hinzu, die noch Jungfrau ist. Das muss schnellstens beendet werden, laut Sukeban Reiko, am besten mit ihrem eigenen Finger: „Glaub mir, mach das lieber selbst, bevor es Männer machen!“ Reiko selbst habe ihre Jungfräulichkeit bei einem Gang-Rape verloren (Später wird ihr Yuko beichten, dass sie jahrelang von ihrem Stiefvater missbraucht wurde). Yuko, inkl. Zöpfchen (der alte Pornotrick, um über 20-jährige Darsteller minderjährig aussehen zu lassen) und Schuluniform, zieht sich also aufs Klo der Sukeban-Stammkneipe zurück und masturbiert munter auf der Kloschüssel. Reiko ist so nett, ihr noch den Finger einzuschmieren, damit es mit der Auto-Entjungferung leichter geht.

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Jetzt ist Yuko Teil der Bande und wird in deren konspirativer Wohnung von Mayumi in die fünf Grundregeln der Athener eingewiesen:
1) Der Sukeban ist ohne Widerworte zu gehorchen.
2) Kein Mitglied der Gang darf sich durch einen bestimmten Mann manipulieren lassen, d.h. somit das Hurenprinzip: Ficken, am besten gegen Geld, ist erlaubt. Küssen, weil Liebesalarmgefahr, ist verboten.
3) Interne Bandengeheimnisse bleiben geheim. Wer dagegen verstößt, wird mit dem Tode bestraft.
4) Um aus der Gang auszutreten, müssen alle Mitglieder zustimmen.
5) Alle Mitglieder streben nach Macht, Mut und Stärke.
Gerade als Mayumi die fünf Credos runtergerattert hat, klopft es an der Tür und Jun kommt hereinspaziert. Die ehemalige Sukeban saß kurz im Knast ein und ist nicht begeistert über den Nachwuchsboss Reiko. Die beiden Sukeban stellen sich mit dem Sukeban-Gruß-Ritual einander vor, doch Machtstreitigkeiten sind jetzt vorprogrammiert.
Soweit, so Sukeban. Nun die männliche Seite der norifumischen Popgesellschaft: Drei weitere Banden sind da auch noch. Zum einen die Mofa-Gang „Gurentai“, deren Anführer Eiji um die Gunst von Reiko buhlt. Ansonsten sind das harmlose Bubis, die nur ein bisschen Spaß auf dem Motorrad haben wollen und, wenn ihnen fad ist, auch mal zu den „Großen“ gehören wollen, indem sie losziehen und Mädchen vergewaltigen. Als sie Reiko, Mayumi und Saseko bei einem Autodiebstahl erwischen, drohen sie ihnen, sie zu verpfeifen, falls sie nicht willig sind. Gerade als sie sich über die drei Mädels hermachen, kommt jedoch Jiro mit seiner Nachwuchs-Yakuzagang „Hokushin“ um die Ecke, und kloppt mit seinen Jungs die Mädels frei. Da Reiko ihn nicht bezahlen kann, bedankt sie sich bei Jiro mit einem Fick. Das scheint nicht das erste Mal gewesen zu sein, denn Jiro will sie danach als „sein“ Mädel haben, was die selbstbewusste Reiko verneint: „Bevor ich jemandem gehöre, löse ich liebe meine eigene Gang auf.“ Doch sogar für Reiko gilt die Pseudo-Tough-Girl-Diskrepanz zwischen Schein und Sein, da sie, weil doch irgendwo Mädchen, im weiteren Verlauf des Films hin- und hergerissen ist zwischen Bubi Eiji und Halbstarkem Jiro.
Jiro wiederum will Teil der Akimoto-Gang werden. Das sind die Ober-Yakuza im Viertel und die haben ihre Finger natürlich überall drinne.

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Dann kommt Handlung 1 in Gang. Die ist der Vorwand, die obligatorische Quotenvergewaltigung im japanischen Exploitationfilm unterzubringen. Warum? Damit sie eben stattfindet; und dann natürlich so beiläufig und somit geschönt dargestellt wie in den meisten japanischen Exploitationfilmen. Besonders ärgerlich an der Szene ist die Begründung für dieses Machtspielchen: Die Nachwuchssängerin Yuki Shinohara (Masumi Jun) ist zum Popsternchen aufgestiegen und distanziert sich jetzt von alten Freunden. Für Hiromi schämt sie sich und auch von Jiro will sie nichts mehr wissen, obwohl er für sie einen Diebstahl begangen hat. Nicht klug, Yuki. Denn das schafft beleidigte Leberwürste. Der erste Plan für Diskreditierung ist ein Erpressungsversuch: Yuki bumst des Öfteren mit einem Kongressabgeordneten, den sie verruchterweise im Bett auch noch mit „Papa“ betitelt. Jiro, Jun, Hiromi und Saseko machen heimlich Tonbandaufnahmen und Fotos von diesen Liebesspielchen (Saseko wird dabei übrigens so notgeil, dass sie schweißtriefenderweise fast noch das Gestöhne der Kopulierenden übertönt). Doch die Erpressung geht in die Hose, da der Kongressmann ausgerechnet den Schutz der Akimoto-Gang geniest, was Jiro jetzt, da fünfte Kolonne, etwas von seinem Traumziel, ein Oberböser zu werden, abbringt. Nichtsdestotrotz, die Scheiß-Yuki muss erniedrigt werden: Also macht Jun quasi stellvertretend für beleidigte Leberwurst Nr.1 Hiromi (ohne Einverständnis von Sukeban Reiko) einen Alleingang, um Yuki erneut zu diskreditieren. Jiro, beleidigte Leberwurst Nr.2, macht da natürlich mit: Yuki wird entführt, in einem Aufzug rauf- und runterfahrenderweise auf Jiro’s Geheiß hin von drei Mitgliedern seiner Gang nacheinander vergewaltigt, während Jun vorm Aufzug Schmiere steht. Klassenziel erreicht, die Presse freut sich nicht über den geschändeten Popstar. Reiko ist jetzt sauer auf Jun. Doch es kommt noch dicker: Als Reiko nach der berüchtigten Exploitation-De-Luxe-Motorradfickszene (dazu gleich mehr) statt mit einem wichtigen Klienten für Jiro lieber einer Kopulation-inklusive-Knutschen mit Eiji frönt, ist sie bei ihren Athenern unten durch, da sie selbst als Chefin gegen die eigenen Dogmen verstoßen hat. Jetzt muss sie im obligatorischen Catfight mit Jun um die Machterhaltung kämpfen, selbstverständlich inklusive T-Shirt-Vom-Leib-Reißerei. Wohlgemerkt, nur Reiko steht zum Schluss barbusig da, Jun lediglich ramponiert. Anscheinend hatten selbst zur damaligen Zeit nicht alle Darstellerinnen so wenig Probleme mit Nacktheit wie Ike oder Sugimoto (Weitere Teile der Serie werden das noch zeigen). Jedenfalls gewinnt Reiko, und Jun verlässt vor lauter Schmach die Gruppe. Zum Abschied trällert, wie schon erwähnt, Hiromi ein dermaßen rührseliges Abschiedsliedchen (u.a. mit Textzeilen wie „Ich trauere mit meinem schmerzerfüllten Herz, da ich geliebt, aber allein gelassen werde“), dass das damalige Prollpublikum vor Ultra-Empathie bestimmt Rotz und Wasser geheult hat.
Wir sind in der 70. Filmminute angelangt (ein paar Irrungen und Wirrungen bis dahin habe ich dennoch vernachlässigt) und jetzt geht’s richtig rund. Vorher muss aber noch auf eine etablierte Nebenhandlung eingegangen werden: Die nimmt den „Motorcycle-Boy“ aus Coppolas RUMBLE FISH vorweg: Doi, auch genannt „Masaya, der Schlächter“ saß für die Akimoto-Gang fünf Jahre ein und erfährt nach seiner Entlassung vom Boss, dass seine alte Flamme Rie ein Töchterchen hat: „Zeit, dem sündhaften Treiben abzuschwören“, denkt sich Doi und will lieber Familie spielen als Leute abschlachten. Doch für seinen Boss Akimoto soll er noch einen letzten Job erfüllen, dann sei er frei…

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Norifumi Suzukis erster Sukeban hat eine etwas wundersame Erzählstruktur und trotz viel Rumms und Bumms erstaunlich viel Zeit für einiges an Dialogseiten. Während in den ersten 70 Minuten sehr viel Zeit mit Milieu- und Figurenzeichnung verbracht wird, quetscht er noch einen weiteren Handlungsstrang, nämlich die für Toei übliche Standardkrimihandlung inklusive Schlägerei, Entführung, Mordundtotschlag, Erpressung und Autoverfolgungsjagd komplett in die letzte Viertelstunde. Hier ist dann auch der japanische Regieroutinier zu erkennen, denn QUEEN BEE’S COUNTERATTACK ist immerhin Suzukis 16. Spielfilm (in sechs Jahren). Wirklich im Stakkatotakt werden die Schablonen runtergerotzt. Am Ende sind alle Männer tot, die Guten wie die Bösen, und die sechs Girlies ziehen wieder durch die Straßen, bereit für neue Sünden in ihrem jugendlichen Leichtsinn.
All das hört sich relativ wirr an, doch anders als sein Ultrascheißegal-Kollege Teruo Ishii verliert Suzuki nie den Überblick, die Geschichte bleibt in ihrer anarchischen inneren Logik durchaus stringent und nachvollziehbar. Norifumis Lieblingsfetisch, das Verhöhnen von Religionen, wird zwar ausgelassen, doch alle etablierten Fäden laufen zusammen oder greifen ineinander. Selbst die etwas abrupt etablierte Motorradfick-Szene wird in die Handlung eingebunden. Bubi Eiji leitet die Szene denn auch sehr salopp ein: „Die Zeiten von Autosex sind vorbei, jetzt wird auf dem Motorrad gefickt!“ Die sechs Athenerinnen (lediglich Hiromi fehlt: Hatte sie an dem Tag drehfrei oder gab es nur sechs Motorräder? Man weeß et nisch) liegen nackt auf den Motorrädern, die Jungs packen ihr Würstchen rein und dann wird losgefahren. Wer zuletzt abspritzt, gewinnt. Und wer gewinnt? Bubi-Chef plus Reiko natürlich.
Das ist symptomatisch für den Comic-Touch des ganzen Films. So ganz ernst zu nehmen ist das alles nicht. Ist eben „Good Unclean Fun“ für niedere Triebe und ein etwas tumbes Stammpublikum. Erfreulicherweise gewinnt in QUEEN BEE’S COUNTERATTACK Norifumis berüchtigter Bauerntrampelhumor nur manchmal die Überhand: Das Grimassieren der Kaufhausdetektive ist einfach zum Kotzen und ein kleinerer Gag, in dem Saseko mit Hupengelocke einen Volltrottel überzeugt, für sie zehn Autoreifen zu stehlen, um sie pimpern zu dürfen, nervt leider ähnlich gigantisch.

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Ansonsten nimmt Suzuki seine Frauen sehr ernst. In kleineren Szenen schwingt da eine fast harmonische weibliche Gegenentwurfswelt zu den schwanzgesteuerten Hahnenkämpfen der Jungswelt durch. Dass ausnahmslos alle Männer deshalb das Zeitliche segnen, passt da ganz gut in Norifumis Weltbild, der da mal sagte: „Sieh dir doch mal die heutigen Männer an; eigentlich sind sie schon ziemlich nutzlos, oder?“
Castingtechnisch bliebe zu erwähnen, dass Reiko Ike nicht nur das Titelied „Sukeban Burusu“ singt. Es ist auch ihre zweite Hauptrolle nach HOT SPRINGS MIMIZU GEISHA, das nur eine plumpe Sexkomödie war. QUEEN BEE’S COUNTERATTACK war schon der Prototyp für die Rollenfigur, die Ike fest in eine Schublade einzementierte: Die selbstbewusste Powerfrau, der man ihre (damals) 17 Jahre Lebensalter nicht wirklich ansieht (sie wusste eben schon lange vor Traci Lords, wie man einen Ausweis fälscht, in ihrem Fall von 1954 zu 1953); anders als ihre volljährige und (auch im wirklichen Leben) beste Freundin, die noch arg unter einer postpubertären Quellfresse leidende Miki Sugimoto, die hier nur zwei eigene Szenen bekam. Reikos Kontrahentin Yukie Kagawa, die anscheinend wegen ihrer Präsenz in einigen von Ishiis vorherigen Ero-Guro-Schinken gecastet wurde und die sehr überzeugend Reikos Rivalin verkörperte, war nach diesem Sukeban-Film nur noch sporadisch im Pinky Violence vertreten. Masumi Jun feierte hier mit der größeren Nebenrolle des Pop-Idols Yuki ihren Schauspielereinstand, wurde aber nur noch für weitere Nebenrollen bei Toei gecastet, bis ihr im Sommer 1972 der Kragen platzte: Sie wanderte rüber zu Nikkatsu und bekam dort endlich einige Hauptrollen.
QUEEN BEE’S COUNTERATTACK ist ein überaus gelungener Einstieg in den anarchischen Sukeban-Popkosmos des Norifumi Suzuki. Es fehlen zwar trotz vereinzelter Ausnahmen seine sonst liebevoll komponierten Cadragen, doch das macht er – im Rahmen des trivial Möglichen – mit einigen Publikumsprovokationen und interessanten Frauenfiguren wett. Dass das natürlich eher Kurzweil für Männer oder Frauen jenseits von Alice Schwarzer bleibt, muss wohl nicht hinzugefügt werden.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 30:70

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
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mochten

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