HOTEL „ZUM VERUNGLÜCKTEN ALPINISTEN“ („Hukkunud Alpinisti“ hotell)

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UdSSR (Estland/Russland/Kasachstan) 1978/79
Regie: Grigori Kromanov
Drehbuch : Arkadi und Boris Strugazki (gleichnamiger Roman)
Produktion: Veronika Bobossova, Raimund Felt
Kamera: Jüri Sillart, Ago Ruus, Jaan Saar
Musik: Sven Grünberg
Darsteller: Uldis Pucitis, Jüri Järvet, Lembit Peterson, Nijole Ozelyte
80 min

Sphärische Synthie-Klänge in einem estnischen Sci-Fi-Klassiker

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Polizeiinspektor Glebsky wird in das abgelegene Berghotel „Hukkunud Alpinisti“ gerufen. Im Hotel wird ihm mitgeteilt, das es wohl nur ein Fehlalarm war. Glebsky bleibt über Nacht und lernt die etwas absonderlichen Hotelgäste kennen. Nachts schneidet eine Lawine das Hotel komplett von der Außenwelt ab. Als auch noch ein Mord passiert, scheint der Fehlalarm doch keiner gewesen zu sein…
Die Erklärung für die seltsamen Ereignisse liefert schon ein Blick auf die Drehbuchautoren Arkadi und Boris Strugatzki, sodass der schlussendliche Spoiler leider schon in den Anfangscredits mitgeliefert wird.
Die gleichnamige Vorlage der Strugatzki-Brüder erschien zwar schon 1970, wurde aber 1975 erst ins Estnische übersetzt. Im Dezember 1976 schrieb Regisseur Kromanov im Auftrag des Tallinnstudios die Brüder Strugatzki an, ihren Roman zu einem Drehbuch umzuarbeiten. Nach langwierigem Hin und Her mit Behörden sowie internen Diskussionen um verschiedene Fassungen zwischen Regie und Autoren, konnte schließlich im September 1978 die Drehphase beginnen.
Das Hotel wurde im kasachischen (!) Hochgebirge, also nicht gerade um die Ecke von Estland, in 2300m Höhe gebaut. Aufgrund der Lage musste das gesamte Material mit Hubschraubern hochgeschafft werden, was die Produktionskosten mal eben verdoppelte. Das fertige Produkt war mit 17,5 Millionen Zuschauern ein ziemlicher Erfolg in der Sowjetunion, die Filmrechte wurden in 28 Länder verkauft, hauptsächlich nach Asien und Afrika, aber z.B. auch nach Frankreich und in die DDR.

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Kameratechnisch wäre zu erwähnen, dass das typische 70er-Hektomat-Gezoome zwar in den Innensets (die in einer estnischen Tennishalle gebaut wurden) akzeptabel ist, aber den Genuss der teilweise wirklich schönen Außenaufnahmen etwas schmälert. Hier entschädigen aber die glitzernden Sonneneinstrahlungen in die Kameralinse.
Auch über die Besetzung der Hauptrolle mit einem typischen russischen Klischee-Kommissar-Gesicht, dessen hölzerner Tanzstil übrigens am Besten sein Naturell definiert, kann gestritten werden. Tja, und die Geschichte? Nicht der Hammer, denn auch ohne Credits ist schnell klar, wie das Häschen laufen wird. Die Moral von der Geschicht, dass das menschliche Wesen dank seines dekadenten Triebs nicht wirklich errettenswert ist, ist zwar sehr strugatzkisch, aber immer wieder lobenswert. Wieso aber Kult? Es ist, wie so oft, die Musik. Ein guter Score erhöht eben die Review-Frequenz. Im Falle von HOTEL „ZUM VERUNGLÜCKTEN ALPINISTEN“ ist es die subtile Ebene der Filmkunst, hier also Ausstattung, natürliche Kulisse und Musik (wobei der Bombastalarm des O.S.T. die Grenze zum Subtilen des Öfteren sprengt).
Denn entscheidend zum Erfolg des Films trug der Soundtrack bei, für den der damals erst 22-jährige Este Sven Grünberg engagiert wurde. Der war Mitbegründer von „Mess“, der ersten Prog-Rock-Synthie Band der Sowjetunion. Trotz ihres kurzen Bestehens von 1974 bis 1976 und auch, weil sie in dieser Zeit vom Apparat eher nicht gemocht wurden und deshalb keine einzige Platte veröffentlichen konnten, avancierte Mess zur Kultband und zu den Wegbereitern elektronischer Musik hinter dem eisernen Vorhang (Grünberg brachte schließlich zunächst 1980 eine EP mit Stücken von Mess heraus, ein Album mit Originalsongs von Mess erschien erst 1996, der Soundtrack zu HOTEL „ZUM VERUNGLÜCKTEN ALPINISTEN“ sogar erst 2001). Das rustikal-futuristische Hotel-Set plus die Musik von Grünberg sind ein Traum für Retro-Fetischisten. Das hört sich logischerweise heute an wie End-70er-Synthiescore a la Timm Thaler, passt aber wie Faust auf Auge zur Kälte auf allen Ebenen.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
SHINING (Stanley Kubrick)
STALKER (Andrei Tarkowski)
DER DRITTE PLANET (Alexander Rogoschkin)
mochten.

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