… UND VOR LUST ZU STERBEN (… Et Mourir De Plaisir)

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Frankreich/Italien 1960
Regie: Roger Vadim
Vorlage: Sheridan le Fanu (Novelle)
Adaption: Claude Brulé, Claude Martin
Drehbuch: Roger Vadim, Roger Vailland
Produzent: Raymond Eger
Kamera: Claude Renoir
Musik: Jean Prodromides
Darsteller: Mel Ferrer, Elsa Martinelli, Annette Vadim
79 min

Die Großmutter des Sexvampirfilms

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In einer Rahmenhandlung erzählt ein Arzt von der psychischen Störung der adeligen Carmilla von Karlstein. Sie und ihr Cousin Leopoldo sind die Nachfahren der mutmaßlichen Vampirin Millarca. Als bei einem Feuerwerk zur Verlobung von Leopoldo und seiner Geliebten Georgia versehentlich die Gruft von Millarca freigelegt wird, identifiziert sich Carmilla immer mehr mit ihrer Vorfahrin und knabbert bald an ihrem Dienstmädchen Lisa, Georgias Leopold und auch noch an Georgia selbst herum…
… UND VOR LUST ZU STERBEN, UNSER MANN IN RIO und DIE STRASSE NACH SALINA sind wohl die international herbeigesehntesten Euro-Sleaze-DVDs überhaupt. Zumindest bei Ersterem ist der Traum wahr geworden und dann sogar noch in Deutschland. „Media Target“ bzw. „Big Ben Movies“ hat Weihnachten vorverlegt und die DVD des Jahres 2014 schon im Februar veröffentlicht.
Schon 1960 inszenierte Schweinkram-Vorreiter Roger Vadim seine Blaupause zu den Sexvampirfilmen eines Jean Rollin. 54 Jahre ist das jetzt her und wer sich mit den Freizügigkeiten der Filmgeschichte um 1960 etwas auskennt, wird verstehen, dass Vadim es hier nicht sonderlich krachen lassen konnte: Eine blutbesudelte Brust, eine lesbische Kussszene und ein überbelichteter nackter Busen in einer Traumsequenz sind heute eher ein Fall fürs Sonntagnachmittags-Fernsehen als für Moralapostel.
Derartige „Ruchlosigkeiten“ sind aber sowieso eher Nebenschauplätze in Vadims optisch opulentem Technirama-Genuss, der inhaltlich zwar um 1960 spielen soll, dessen Kostüme aber eher dem 19.Jahrhundert verhaftet sind. Der später international viel beschäftigte Kameramann Claude Renoir zauberte hier Gemälde aus dem Hut, die es in ihrer Farbenpracht mit den besten Momenten des Kameramanns/Regisseurs Mario Bava aufnehmen können. Die Vorlage, die Novelle „Carmilla“ von Sheridan le Fanu, wurde von Vadims Drehbuch eindeutiger in Richtung Bisexualität gedreht, ansonsten passiert in … UND VOR LUST ZU STERBEN nicht wirklich viel mehr. Der Film ist denn auch eher Nachhilfeunterricht in Sachen Filmkunst um 1960 als potenzielle Befriedigung für Exploitationfans. Jene werden von der Banalität und Simplizität der Geschichte gelangweilt sein und den ganzen Bohei um diese Veröffentlichung nicht verstehen.

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Die DVD selbst geht trotz fehlender Hintergrundinformationen okay, gemessen daran, dass es sowieso keinen Vergleich gibt. Das Bild selbst scheint nicht vom Originalnegativ zu stammen, sondern eher von einer gut erhaltenen Kopie, inklusive erstaunlich geringer Materialschäden, die sich über das halbe Jahrhundert angesammelt haben. Die Farben des Films knallen fast schon zu sehr und die Tonspur rauscht vor allem im französischen O-Ton beträchtlich. Aber das stört nicht wirklich. Im Zuge schwindender 35mm-Projektionen sind solche ehemaligen K.O.-Kriterien längst keine mehr, sondern eher authentische Zeitdokumente. Genauso wie auch das Kratzen einer Schallplatte längst kein Ärgernis mehr, sondern Wunschdenken ist.
Trotz all der Euphorie sollte allerdings auf ein kleines Zensurproblem hingewiesen werden: 1960 und blanker Busen? Nicht in Deutschland. In der berüchtigten Traumsequenz wurde ein fünfsekündiger Ransprung auf eine nackte Frau auf einem OP-Tisch entfernt, in der ein Halsschnitt mit einem Skalpell angedeutet wird. Was sonst noch bis zur 85- bzw. 87-minütigen Ur-Version fehlt, wird in (ferner?) Zukunft eine informativere Veröffentlichung zeigen müssen, da es in verschiedenen Ländern andere Schnittversionen und/oder andere Zensureingriffe gab. Zum Beispiel wird die Rahmenhandlung im Flugzeug in der deutschen und französischen Version von einem Arzt erzählt, der Carmillas Erlebnisse als Wahnvorstellungen erklärt, wohingegen in der amerikanischen und italienischen Version alle Arztszenen im Flugzeug entfernt wurden. Stattdessen führt ein säuselnder Voice-Over von Millarca in den Film ein und am Ende des Films erklärt erneut Millarcas Voice-Over, dass ihr Geist nach dem Tod Carmillas jetzt in Georgia gefahren ist. Zudem wurden hier die Nebenhandlungen um die Kinder des Hauses entfernt. Von der schwarz-weißen Traumsequenz (mit rot eingefärbten Handschuhen/Blutszenen) gibt es Versionen, die teilweise komplett in Farbe sind, die anrüchigen Stellen weisen in allen Versionen andere Schnittfolgen auf und dann ist da noch die Nahaufnahme einer verblassenden Rose, die es auch nur in manche Versionen geschafft hat.
Nichtsdestotrotz, wer ein sehr unaufgeregt langsames, aber stimmungsvolles Stückchen Filmgeschichte in satten Farben genießen kann, sollte sich diese limitierte DVD besorgen, bevor sie die Sammler in aller Welt weggekauft haben.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
BARBARELLA (Roger Vadim)
NUR VAMPIRE KÜSSEN BLUTIG (Jimmy Sangster)
THE BLOOD SPLATTERED BRIDE (Vicente Aranda)
mochten

Die fehlende Halbnahe (in der 4:3-US-VHS vorhanden)
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Diverse Poster
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… UND DER O.S.T. (HQ)
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