MINAZUKI

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Japan 1999
Regie: Rokuro Mochizuki
Drehbuch: Haruhiko Arai
Vorlage: Mangetsu Hanamura (gleichnamiger Roman)
Produzenten: Hiroshi Hanzawa, Taketo Niitsu, Yutaka Tsunoda
Kamera: Koichi Ishii
Musik: Koji Endo
Darsteller: Eiji Okuda, Kazuki Kitamura, Takami Yoshimoto, Keiko Oginome, Takashi Saito.
114 min

Sex, Gewalt und Sehnsucht, ein Road Movie über Basic Instincts

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MINAZUKI ist einer von viel zu vielen potenziellen Kultfilmen, die diesen Status nicht für sich beanspruchen können, da ihnen für dieses Prädikat die schiere Menge an Zuschauern fehlt. Dabei ist alles da, was das Herz begehrt. Die erste Hälfte des Films enthält gerade so viel Sex- und Gewaltnaturalismus, dass sich der Durchschnitts-Arthouse-Fuzzi im Sessel windet, wohingegen die zweite Hälfte derart ruhig, fast melodramatisch erzählt wird, dass der Exploitation-Fan aus dem Kino rennt und seine mittlerweile frustsaufende Freundin wieder in den Film schickt und selbst draußen bleibt.
Das größte Plus des Films sind ohne Zweifel die Charakterisierungen seiner Hauptdarsteller: Der typische Ü40er-Büro-Loser Suwa muss gleich in den ersten Filmminuten feststellen, dass ihn seine Frau Sayoko verlassen hat, weil sie nicht die „Ballad of Lucy Jordan“ trällern möchte. Und sie hat zu allem Überfluss auch noch alles Ersparte mitgenommen. Akira, Sayokos Bruder und Yakuzaschläger, versucht Suwa mit einem Puffbesuch aufzuheitern. Das geht nach hinten los, denn Suwa und die Hure Yumi verlieben sich. Das Dreiergespann macht sich nun auf die Suche nach Sayoko, um zumindest das Geld wiederzubekommen.
Soweit, so relativ einfach, doch da MINAZUKI die Literaturverfilmung eines Mangetsu Hanamura-Romans ist, dürfen sich die Zuschauer auf einige Japaneinblicke der unschönen Art gefasst machen. Wem der Name Hanamura nichts sagt, dem sollte mit auf den Weg gegeben werden, dass er ein berüchtigtes Enfant Terrible der japanischen Literaturszene ist. Seine Geschichten wimmeln vor Sex, Gewalt, Genderproblemen und Religionskritik. Mit Letzterem hat MINAZUKI allerdings nichts zu tun, dieses Thema wird ausführlichst verstörend in dem Buch „Germanium Nights: Record of the Kingdom Vol. 1“ behandelt, das skandal-programmatisch (aber international ebenso erfolglos wie MINAZUKI) 2005 als WHISPERING OF THE GODS von Tatsushi Omori verfilmt wurde. MINAZUKI ist nicht so vorsätzlich provokativ wie WHISPERING, weil deutlich komplexer dank der Charakterzeichnung seiner Figuren. Zwar sind die Protagonisten teilweise ähnlich asozial, aber trotz ihrer Schwächen liebenswert.

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Minazuki“ heißt einerseits, dass Sayoko, Akira und Suwa nur Monde seien, also nicht von sich aus leuchten können, sondern nur das Licht reflektieren, während Yumi eine Sonne sei. Minazuki ist auch die Insel, auf die Sayoko mit ihrem neuen Liebhaber geflüchtet ist. Als alle Protagonisten wieder aufeinandertreffen, gibt es an dieser ostsee-ähnlichen Location einige Wendungen, die nicht vorhersehbar waren und eines dieser wunderschönen japanischen Filmenden, die sonst nur Shinji Somai aus dem Hut zaubern konnte.
Besonders erwähnenswert ist noch die Filmmusik von Koji Endo, die die trübe Grundstimmung mit ihrer Fröhlichkeit konterkariert.
Der Höhepunkt in Mochizukis Filmografie wurde zwar in Japan mit einigen Preisen ausgezeichnet, dennoch war eine internationale Festivalauswertung extremst erbärmlich.
MINAZUKI ist eines dieser Meisterwerke, das eine größere Verbreitung verdient hätte: Ein Road-Movie über die essenziellsten Gefühle und Triebe im Menschen; ein weiser Film, den man immer wieder ansehen kann, da er wirklich – trotz relativer Härten – ohne Pathos die Wiederfindung eines verlorenen Ichs zeigt; fast wie Spielbergs HOOK, nur definitiv nicht für dessen Zielpublikum.
P.S.: MINAZUKI, WHISPERING OF THE GODS und BEAUTIFUL HUNTER (ein Teil der siebenteiligen Girls’n’Guns-Reihe XX) sind die Filme, die es immerhin halbwegs aus Japan raus geschafft haben, sieben weiteren Hanamura-Verfilmungen (u.a. von Banmei Takahashi und Shoji Tanaka) ist dies noch nicht gelungen.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
WHISPERING OF THE GODS (Tatsushi Omori)
HUMANITÄT (Bruno Dumont)
HOOK (Steven Spielberg)
mochten.

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