DIE NADEL (Igla)

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UdSSR 1988
Regie: Rashid Nugmanov
Drehbuch: Alexander Baranov, Bakhyt Kilibayev
Produzent: Kazakhfilm
Kamera: Murat Nugmanov
Musik: Viktor Tsoi, KINO
Darsteller: Viktor Tsoi, Marina Smirnova, Pyotr Mamanov
77 min

Arthouse plus Drogen plus Undergroundmusik plus kasachische Identitätssuche ist gleich DER Glasnost-Kultfilm

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It’s a simple Story: Der supercoole Moro kehrt nach einigen Jahren in der Großstadt in sein kasachisches Wüstenkaff zurück. Seine Freundin dort ist mittlerweile heroinabhängig. Moro überzeugt sie zum kalten Entzug in der kasachischen Einöde und legt sich danach dank Martial-Arts-Stählung auch körperlich mit den einheimischen Mafiadealern an, was ihm gesundheitlich nicht gut bekommt. Ende.
Postmoderne, Postpunk und Neoromantik waren die Stichworte, mit denen ein Paukenschlag namens IGLA 1988 umschrieben wurde. Der 34-jährige Kasache Rashid Nugmanov, Schüler eines gewissen Sergei Solowjow, traf mit seinem Arthouse-meets-Drugs-meets-Undergroundmusic-meeets-Kasach-Identity genau den Geschmack des sowjetischen Nachwuchses. 20 Millionen Zuschauer allein in den ersten drei Monaten und unzählige Bootlegs des Soundtracks machten den ersten Vertreter der „Kasakh New Wave“ zu einem russischen, äh kasachischen AUSSER ATEM.
Lobhudelei jetzt mal außen vor: Ein bisschen Schiss hatte ich schon vor dem Film. Glasnost-Kultfilm kann durchaus auch heißen: Ein sowjetfeindliches Prollfest für kleine Geister. Diese Ängste wurden zumindest nicht bestätigt. IGLA ist anders als die üblichen Rosskuren, nämlich ein fast meditatives Prollfest, das bisweilen sehr unkonventionell mit kurzen Experimentalfilmmomenten aufwarten kann. Die Kulisse ist u.a. der damals erst zu 99% ausgetrocknete Aralsee. Totgeschwiegene Drogenprobleme werden nicht ausgeblendet, sondern akzeptiert, und das ohne moralischen Zeigefinger. Viel zum Kultfaktor trägt natürlich die Musik bei: Die stammt von der Kultband Kino, den obersten Undergroundhelden der damaligen Zeit. Ethnisch ist IGLA Multikulti auf allen Ebenen: Der Film ist hauptsächlich in Russisch gedreht, spielt überwiegend in Alma-Ata in Kasachstan, wurde inszeniert von einem Kasachen, der kein Kasachisch mehr konnte, mit einem russisch-koreanischen Hauptdarsteller (Viktor Tsoi, dem Sänger von Kino) aus Leningrad. Neben den „Hits“ von Kino dudelt zusätzlich englische und italienische Popmusik sowie deutsche Jodelmusik im Hintergrund.

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Mit dem Hype-Verständnis tue ich mich dennoch schwer, da das Bild mal wieder Scheiße aussieht, die Actionszenen lausig choreografiert und die Darsteller auch nicht hervorragend sind, aaaaber es ist ein Debüt. Was muss das 1988 für Sowjetbürger, vor allem den Jugendlichen, nach zig Jahren Friede-Freude-Eierkuchen-Extrem-Propaganda für ein CITIZEN KANE gewesen sein! Moro, der scheiternde Kung-Fu-Punk-Esoteriker, ist der Stoff, aus dem Kultfilme sind. Jetzt hab ich’s begriffen, aber ASSA war trotzdem besser.
P.S: Die George-Lucas-Demens hat im Jahre 2010 auch Rashid Nugmanov ereilt. Unter dem Titel IGLA REMIX erschien eine remasterte und um nachgedrehte Szenen ergänzte Fassung von IGLA. Die neuen Szenen fallen sofort auf, weil unpassend modern mit sauberem Bild. Der ganze Film ist viel hektischer geschnitten, verkürzt sogar Szenen und vermindert somit die ruhige Grundstimmung. Das Bild sieht nur marginal besser aus. Zusätzlich wurde einfach hineingezoomt, um vom klassischen sowjetischen 4:3-Format auf das moderne Zwangsformat 1,85:1 zu kommen. Als Krönung wurde das Ende umgestellt, sodass Moro im Schnee jetzt nicht in seinen eigenen Tod trottet, sondern zum Drogendealer. Wie auch bei George Lucas waren die Fans begeistert. Bildvergleich siehe unten.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 2+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
ASSA (Sergei Solowjow)
KLEINE VERA (Vasili Pichul)
ASSA 2 (Sergei Solowjow)
mochten

Aralsee 1988 vs.2010
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Schneefluppe 1988 vs.2010
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Poster 2010
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