SOMMER DER LIEBE

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Bundesrepublik Deutschland 1989-1992
Regie, Produzent, Kamera, Drehbuch: Wenzel Storch
Musik: Diet+Iko Schütte, The Butterflies, The Details
Darsteller: Jürgen Höhne, Alexandra Schwarzt
84 min

Der beste deutsche Film seit immer

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1993 dürfte es gewesen sein: In Düsseldorf lief SOMMER DER LIEBE im Metropol, 8- oder 16mm mit Zwangspause wegen Spulenwechsel, und im Stadtgartenkino Köln MONTANA SACRA von Jodorowsky auf 35mm. So viel Frechheit (andere würden es Vision nennen) war für manche zu viel des Guten. Ich war begeistert, weil ich in dem einen Jahr doppelt gesehen habe, was Kino alles sein kann und muss. Beides waren spottbillige Filme. Jodorowsky drehte im Billiglohnland Mexiko und Storch in Deutschland, das leider Petzi-Bücher und EUROPA-Hörspiele noch immer knapp hinter Goethe und Beethoven einsortiert, weshalb Storch froh sein konnte, vom Filmbüro Hamburg und der Filmstiftung NRW ein bisschen Klimpergeld abzustauben.
Wieder und wieder hat der Autor dieser Zeilen danach vor allem von SOMMER DER LIEBE im Freundeskreis geschwärmt, und als es 2011 endlich eine DVD gab, war die Enttäuschung bei manchem groß: „Das ist ja nur Trash“ musste ich mir anhören, und das von Leuten, die Filme nur synchronisiert gucken, weil sie angeblich nicht Bild und Text gleichzeitig verarbeiten können. Thema erledigt, selbiges Volk bitte nicht weiterlesen und weiterhin KRIEG DER STERNE synchronisiert, weil sonst unkapierbar, ansehen.

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Die Handlung mal kurz vom PRINZ zusammengefasst:„Alter Fettwanst hüpft mit Blumenkindern im 70er-Jahre-Styling über die Wiese und brabbelt Schwachsinn.“
Grob ist es das, aber warum halte ich diesen „Amateurscheißdreck“ für den besten deutschen Film, der je gedreht wurde?
Weil er mehr Hippie ist, als es die Hippies jemals waren und deshalb in einem Double Feature mit Hendricksons MANSON wunderbar funktionieren würde,
weil jeder Synchronregisseur oder Untertiteler vor „schocken“ Ausdrücken gnadenlos scheitern würde,
weil er Splatter und Trash mit Kinderbüchern paart,
weil er nicht der typische „Hinterwäldler dreht Amateur-Metzel-Film“ ist,
weil er auf die Kirche kackt,
weil er Nebenstränge aufbricht und nicht zu Ende bringt,
weil er heute ein doppeltes Zeitdokument ist: Inhaltlich über die 68er, technisch über die Subkultur-Film-Ambitionen der Mitt-80er bis Anfang-90er,
weil er sogar einen besseren Soundtrack als FIGHT CLUB und DREDD hat,
weil er Hans Paetsch als Erzählerstimme breitschlagen konnte,
weil er das perfekte Bindeglied zwischen Kindheit und transgressivem Erwachen meiner Generation bildet (es stimmt: Vielleicht würden heute 20-jährige den Film nicht verstehen),
weil eine Liebe und Hingabe im Detail steckt, wie sie nur mit wenig Geld möglich ist,
weil er exzessiv beweist, dass das Kleine das wirklich Große ist und Ideen ALLES sind,
weil er auf kommerziell verwertbare Regeln kackt,
weil er alles-liebend und alles-feindlich ist,
weil er Scheiße zu Gold macht,
weil er charmant, asozial, geistreich, verspielt, witzig, genial und saudumm ist,
und weil er den besten Schlusssatz im Kino ever hat: „Wer es versteht, in den Herzen seiner Mitmenschen eine zarte Saite zum Klingen zu bringen, für den wird der Sommer der Liebe nie zu Ende sein.“
Summa summarum: Weil er alles verkörpert, was dem kommerziellen Film fehlt: Mut, Reichtum und Energie.
Deshalb. Und jetzt mal ich mich schwarz an und singe Negerlieder.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 1+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
DIE REISE INS GLÜCK (Wenzel Storch)
MANSON (Robert Hendrickson)
MONTANA SACRA (Alexandro Jodorowsky)
mochten.

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Ein Gedanke zu „SOMMER DER LIEBE

  1. Einer der letzen großen Schöpfergestalten unserer trist-teutonischen Filmlandschaft. Der Gott jeglicher Ausstattungs-Extravaganza. Cineast vom Ast. Leider hat er ja in dem Interview welches er dem Manifest gab, durchklingen lassen er würde das Kinomachen jetzt endgültig an den Nagel hängen. Das wäre natürlich ein herber Verlust. Schluchz!

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