ROTE SONNE (Red Sun)

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Bundesrepublik Deutschland 1969/70
Regie, Produzent: Rudolf Thome
Drehbuch: Max Zihlmann
Produzent: Heinz Angermeyer
Kamera: Bernd Fiedler
Musik: Tomasso Albinoni, The Nice, Small Faces
Darsteller: Marquard Bohm, Uschi Obermaier
87 min

Zwiespältiges Kunstprodukt zwischen Godard, Hollywood und dem Neuen Deutschen Film

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Rudolf Thomes 350.000 Mark teurer zweiter Langfilm ROTE SONNE wurde zwar schon im August 1969 abgedreht, musste aber wegen der Insolvenz des ursprünglichen Verleihs ein Jahr auf seine offizielle Veröffentlichung warten. Im September 1970 lockte der Film dann immerhin 15.000 Zuschauer in die Kinos, wurde gefeiert oder abgelehnt und versank wieder in der Versenkung. Über die Jahre entwickelte er sich dann immer mehr zum Kultfilm aufgrund seiner ungewöhnlichen Thematik: In ROTE SONNE haben sich vier junge Frauen gegen die Männerwelt verschworen. Nach ein bisschen Pimperanto müssen die Liebhaber innerhalb von fünf Tagen beseitigt werden. Als sich Peggy in den asozialen Thomas verliebt, gerät das selbst auferlegte Dogma der Gruppe ins Wanken.
Godard und Hawks waren die Haupteinflüsse für Thome, dem der Kunstmief des Neuen Deutschen Films gehörig auf den Zeiger ging. Das ist mehr als offensichtlich in ROTE SONNE. Dort wird der Einfluss von Godard jedoch etwas arg penetrant ausgespielt, die Hawks’schen Versatzstücke hingegen lediglich heruntergeleiert
Die Anbiederung an den Übergott der Nouvelle Vague zeigt sich nicht nur in der reduzierten Ausstattung bei den Innenaufnahmen, sondern in der wirklich dreisten Musik-„Hommage“ an dessen DIE VERACHTUNG. Die musikalische Melancholie, die den Godard’schen Film-im-Film extrem aufwertete, macht hier die Hommage zur filmischen Tertiärliteratur. Ansonsten ist ROTE SONNE bis auf die großartigen Schlussbilder nicht nur relativ langweilig gefilmt, sondern plätschert auch erzählerisch vor sich. Jenseits der Ausgangsbasis, dem Solanas-inspirierten Auslöschen der Männer einfach aus Prinzip, bedient Thome nur die gängigen Krimi-Klischees zu jener Zeit.

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Zumindest ist die Anti-Glas-Uschi auch heute noch schön anzusehen, aber ikonografisch ist da dann wiederum zu wenig DIE GESCHICHTE DER NANA S.-Verramschung. Das hätte wohl K1-Guru Rainer Langhans sowieso vereitelt. Der handelte nämlich aus, dass Uschi neben damals üppigen 20.000 DM vertraglich zugesichert bekam, dass ihr „freier“ Liebhaber am Set Anstands-Wauwau spielen durfte. Diese Anekdote ist auch eine treffende Überleitung zu den Pluspunkten des Films: Mit Thomas und Peggy trifft Thome den damaligen Zeitgeist ziemlich gut. Der Unsympath Thomas ist so repräsentativ für die linken Machos der 68er wie der revolutionäre Rückschritt Peggys. Genau die, die in der besten Szene des Films kaltblütig und nebenbei ein männliches Opfer erschießt, fällt in ihre Konditionierung zurück. Unter den nackten Körpern klebt eben immer noch der Muff von 1000 Jahren. Positiv hervorzuheben ist auch, dass es keine wirkliche Begründung für das Gottesanbeterinnen-Verhalten der Frauen gibt, was die Frauenfiguren zwar unbeholfen, aber auch unberechenbar macht. Etwas zwischen den Stühlen gestalten sich die Dialoge: Einerseits ist da diese Rebellion gegen die Kopflastigkeit des Neuen Deutschen Films, andererseits driften Max Zihlmanns Dialoge bisweilen sehr in vorsätzliche Künstlichkeit ab. Dieses Urteil mag allerdings nur bedingt haltbar sein, da ich als Nachgeborener diese Phase der deutschen Geschichte nicht miterlebt habe. Was ich heute als gestellt betrachte, könnte damals durchaus der gängige Szenejargon gewesen sein.
So sehr ich ihn auch mögen möchte, aber ROTE SONNE bleibt für mich eine zwiespältige Angelegenheit: Ich habe den Film das erste Mal 30 Jahre nach seinem Erscheinen gesehen und war nicht wirklich begeistert. 43 Jahre später habe ich die gleichen Probleme. Vielleicht ist der Film einfach auf jeder Ebene zu sehr der Mode seiner Zeit verhaftet, als dass er heute noch funktionieren könnte. Und Kultfilme sind für eine bestimmte Zielgruppe Kult, für andere eben langweilig.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 3

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
VENUSBERG (Rolf Thiele)
DIE WEIBCHEN (Zbynek Brynych)
ZERO YEARS (Nikos Nikolaidis)
mochten

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