DIE WEIBCHEN (Little Women)

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Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien 1970
Regie: Zbynek Brynych
Drehbuch: Manfred Purzer
Produzent: Luggi Waldleitner (Roxy-Film, Capitole Film, Copro-Film)
Kamera: Charly Steinberger
Musik: Peter Thomas
Darsteller: Uschi Glas, Francoise Fabian, Gisela Fischer, Judy Winter
75 min

Brynychs anarchisch-feministische Phantasmagorie

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1970 durfte sich der tschechische Regisseur Zbynek Brynych ein bisschen in der deutschen Fernseh- und Filmlandschaft austoben, wobei dem Spinner wegen seiner Etablierung innerhalb der „Česká nová vlna“ (der tschechischen Nouvelle Vague) ungeahnte kreative Freiheiten eingeräumt wurden. Zusätzlich zu drei KOMMISSAR-Folgen schüttelte er in diesem einen Jahr nebenbei noch drei Kinofilme aus dem Ärmel, die sich von Film zu Film immer mehr von den damaligen deutschen Sehgewohnheiten entfernten. Wie gut diese drei Filme wirklich sind, bestätigen die drei Filmdienst-Kommentare aus der damaligen Zeit, weshalb sie hier in Klammern angeführt werden.
Ende Juni 1970 erschien OH HAPPY DAY („Zum Davonlaufen langweilig“, fd), die leicht gewagte Selbstfindung eines pubertierenden Mädchens in der Freie Liebe-Hochzeit Münchens, Ende September der mutigere ENGEL, DIE IHRE FLÜGEL VERBRENNEN („Schlimm missglückte Kolportage“, fd), der etwas schizophren zwischen Fernsehkrimi-Routine und psychodelischen Pop-Provokationen schwankte, und schließlich an Weihnachten DIE WEIBCHEN („Missglückter Versuch einer Satire; nur auf Schaueffekte ausgerichtet, langweilend und lächerlich“, fd), bei dem sich Brynych um nichts mehr zu scheren schien. Kein Wunder, musste der tschechische Anarcho-Botschafter doch wieder zurück in die Panzerterrorheimat und durfte vier Jahre nicht mehr ausreisen (um danach wieder ganz unbekümmert einige DERRICK- und DER ALTE-Folgen mit seinem eigenwilligen Charme aufzuwerten).
DIE WEIBCHEN ist Brynychs anarchisch-feministische Phantasmagorie: Das lässt uns schon der fischäugige Point of View des „Schätzchens“ Uschi Glas aus einem Zugfenster erahnen. Die ist nämlich als Eve auf dem Weg in das Kurbad Bad Marein, um sich etwas vom Großstadtstress zu erholen. In dem dortigen Sanatorium muss sie ohne Umschweife feststellen, dass die ausschließlich weiblichen Patientinnen nicht alle Tassen im Schrank haben und – so viel Spoiler muss dank des hirnrissigen italienischen Titels FEMMINE CARNIVORE schon sein – gerne Männer zu Dosenfutter verarbeiten. Unterstützt werden sie dabei von einem Igor-Typen, der hier Adam heißt, und dem Dorfkommissar, der nur deshalb nicht auf dem Speiseplan steht, weil er alkoholisch ähnlich verseucht wie Lemmy von Motörhead ist. Uschi gefällt das da natürlich nicht: Nur allzu gerne würde sie dem Sündenpfuhl dieser Gottesanbeterinnen, die Solanas SCUM-Manifest etwas zu wörtlich nehmen, entfliehen, doch ihre Ausbruchsversuche werden immer wieder vereitelt.

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DIE WEIBCHEN ist einfach anders, sogar im Umfeld des damals relativ ungehobelten deutschen Films. Hier weht kein Oberhausener Manifest-Frührentner-Kunstmief, sogar der pragmatischere neue Wind der Münchner Gruppe-Rebellen Thome, Gosov, Spils oder Lemke wird hinter sich gelassen. Brynych geht noch einen Schritt weiter: Die Kamera ist frech, sogar richtig frech. Fast alle Szenen wurden von Kameramann Charly Steinberger mit extremen Weitwinkelobjektiven, einige sogar mit dem schon genannten Fischauge, gedreht, was den Psycho-Charakter des Films und seiner Entstehungszeit noch mehr hervorhebt. Die Musik stammt (wie bei den Vorgängern) von Maestro Peter Thomas und das Drehbuch von Manfred Purzer loopt sich durch die Laufzeit. Sobald DIE WEIBCHEN diese Möbiusschleife hinter sich lässt, wird Jodorowskys Pilz-Pimmel abgeschnitten, bevor er seine weiße Suppe rausspritzen kann. Denn Männern ist hier keine lange Haltbarkeit vergönnt. Und wenn dann bei einer Protestveranstaltung die Frauen ihre sekundären Geschlechtsmerkmale zur Schau stellen, ist das nicht nur die damals bedrogt-naive Befreiung von den bürgerlichen Normen, sondern dank Kameraoptik so schön bizarr, dass selbst Wenzel Storchs SOMMER DER LIEBE, das Über-Meisterwerk des deutschen Films, wie eine einzige WEIBCHEN-Verbeugung wirkt.
Bei all der Lobhudelei sollte aber ein Wermutstropfen nicht aus den Augen gelassen werden: Das alles ist sehr gewagt innerhalb des westdeutschen Kinos. Wird jedoch die cineastische Betrachtungsweise auf den filmischen Planeten zu jener Zeit, wie z.B. Jodorowsky, Makavejev oder Terayama, ausgeweitet, ergeht es dem Film DAS WEIBCHEN wie seiner Eve: Es ist eben nur ein Ausbruchsversuch. Wer ausgiebige Splatter-Einlagen erwartet, sollte lieber auf Morrisseys drei Jahre später gedrehten ANDY WARHOLS FRANKENSTEIN ausweichen. Und auch die Lechzer seien gewarnt: Es gibt zwar eine Duschszene mit der Uschi, doch außer nassem Haar und Beinen vom Knöchel bis zum Knie ist da nichts zu sehen. Denn „uns Uschi“ ließ sich zwar für DIE WEIBCHEN breitschlagen, geizte aber mit Blankzieherei. Doch genau aus diesem Grund ist sie die Idealbesetzung für Eve, weil die Filmrolle schon damals ganz gut die öffentliche Person Glas traf.
DIE WEIBCHEN war, wie auch die beiden Vorgänger, ein dermaßen großer Flop, dass Brynych in Deutschland nur noch fürs Fernsehen arbeiten durfte. Zumindest schaffte es Michael Verhoeven im selben Jahr, dass dank seines Films O.K. die Berlinale ihren größten Skandal erlebte. Herr Brynych, warum hast du den Männern im Film keine G.I.-Uniformen angezogen? Was wären da dank Skandal noch für Kinofilme gekommen!
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 2+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
EMPEROR TOMATO KETCHUP (Shuji Terayama)
EL TOPO (Alexandro Jodorowsky)
W.R. – MYSTERIEN DES ORGANISMUS (Dusan Makavejev)
mochten

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