MISTER FREEDOM (Mr. Freedom)

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Frankreich 1967/68
Regie, Drehbuch: William Klein
Produzent: Guy Belfond, Christian Thivat, Michel Zemer
Kamera: Pierre Lhomme
Musik: Michel Colombier, Serge Gainsbourg
Darsteller: John Abbey, Delphine Seyrig, Donald Pleasence
92 min

Radikale Satire auf amerikanische Außenpolitik

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William Klein ist eigentlich Fotograf und hat neben zahlreichen Dokumentationen nur drei Spielfilme gedreht. Und wie es sich für einen Fotograf gehört, sind seine Filme visuell hervorragende Abendunterhaltungen mit sozialkritischen Untertönen. Im Falle von MISTER FREEDOM darf das Wort „Unterton“ allerdings durch den Begriff „Panzerfaust“ ersetzt werden: Hier bleibt kein Stein auf dem anderen. Dieser Panzerfausthumor war bei seinem zweiten Spielfilm so nah am Puls der Zeit, dass die Weltpremiere in Frankreich wegen der 68er-Aufstände bis ins Jahr 1969 hinausgezögert wurde.
Kleins MISTER FREEDOM ist das, was „Superman“ eigentlich schon immer war: Die Karikatur eines faschistischen Superhelden, der alles außer den Vereinigten Staaten von Amerika verachtet und niedermacht. William Klein komponierte Bilder, die sehr deutlich in den drei Farben der amerikanischen und französischen (denn von dort kamen die Produktionsgelder) Flagge schwelgten.
Herr Freedom hat als Superheldenkostüm die Wiege des amerikanischen Sportsgeistes gewählt: eine Football-Montur. Nach dem Motto „Demokratie braucht kein Mensch“ befreit er die ganze Welt von unamerikanischem Gedankengut. Freedom fliegt nach Frankreich, macht dort in bester US-Wahlkampfmanier Wind gegen eine kommunistische Invasion und vor allem gegen den bösen Moujik Man (Philippe Noirot als Michelin-Männchen in Rot) und dem Red China Man, einem riesigen aufgeblasenen Drachen, der in seiner Konsistenz und Widerstandsfähigkeit dem Gespensterballon des Yps-Heftes ebenbürtig ist.

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MISTER FREEDOM ist eine amerikafeindliche Satire, die sich gewaschen hat. Sympathisch ist an dem Superhelden eigentlich nichts. Schon an seinem Slang ist die politische Gesinnung und der geistige Horizont zu erkennen: Frauen sind Futter fürs Ego, die Gegner allesamt Trottel. Aber weil ich ultra-asoziale Helden schon immer mochte, liebe ich auch diese gescheiterte Existenz. MISTER FREEDOM nimmt Alan Moores Comic-Roman „Watchmen“ schon lange vorweg und es würde mich nicht wundern, wenn für den Popkulturschwamm Moore der Herr Freedom die Hauptinspiration zu seiner Figur des „Comedian“ gewesen wäre. Gnadenlos gute Unterhaltung wird hier zwar geboten, aber leider geht diesem Panoptikum mangels Handlung in der zweiten Hälfte langsam die Luft aus. Es reicht eben leider nicht, immer nur mit dem Hammer aufs Hirn des Publikums zu hauen, denn das kriegt statt Beulen irgendwann eine Hornhaut. Spaß machts dennoch, wenn man bereit ist, sich nicht nur mit der amerikanischen Flagge den Arsch auszuwischen. Da der Film neben Uncle Sams Kolonialismus auch die Unfähigkeit der radikalen Linken aufs Korn nimmt, regnete es vor allem von der politischen „Lachen verboten“-Fraktion Kritik. Zusätzliche Ironie des Schicksals: Der Begriff Nouvelle Vague war gerade unglaublich in Mode, weshalb Klein dazu gezählt wurde, obwohl ihm diese Strömung wegen ihres intellektuellen Anspruchs und ihrer Bilderarmut nicht wirklich zusagte.
Musikalisch hatte zusätzlich zur obligatorischen Gastrolle Serge Gainsbourg mal wieder seine Finger drin, wie so ziemlich in jedem Film, der damals Frankreich und Popkultur vereinte: eine Penetranz, die in der Filmgeschichte einzigartig ist. Irgendwann kann man die Fresse einfach nicht mehr sehen.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 3+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
WATCHMEN (Zack Snyder)
TERROR 2000 (Christoph Schlingensief)
DIE REISE INS GLÜCK (Wenzel Storch)
mochten

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