SOLARIS

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Sowjetunion 1971/72
Regie, Drehbuch: Andrei Tarkowski
Vorlage: Stanislaw Lem
Produzent: Mosfilm
Kamera: Wadim Jussow
Musik: Eduard Artemjew
Darsteller: Natalia Bondartschuk
170 min

Verhaltener Exploitationer mit ausschweifenden Füllszenen

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Die End-60er-Sexploitationwelle ging auch an Russlands Vorzeigepoeten nicht spurlos vorüber. Beeinflusst von den sündigen Freuden des westlichen Kinos grübelte Andrei Tarkowski, wie er seinen Beitrag zu diesen ruchlosen Manifesten leisten konnte. Ein riskantes Unterfangen, da ihm der sowjetische Zensurapparat spätestens seit ANDREI RUBLOW ganz schön im Nacken saß. 1969: Tarkowski hatte gerade „Solaris“ von Stanislaw Lem gelesen. Der Roman gefiel ihm außerordentlich gut, obwohl sexuelle Eindeutigkeiten eher dünn gesät waren. Doch Lems literarische Utopien waren damals sehr beliebt. Zudem hatten es Literaturverfilmungen generell weniger schwer mit dem sowjetischen Apparat. Das hieß, wenn Tarkowski nur genug Geschichte und Laufzeit um seine Lieblingsszene spinnen würde, würde das, gemessen an der Gesamtlaufzeit, bestimmt marginal erscheinen. Durch welch Hölle an Drehbuchvariationen muss Tarkowski gegangen sein, um seinen Exploitation-Traum zu verwirklichen! Hinzu kam das Besetzungsproblem: Als Erstes stand natürlich Tarkowskis damalige Frau Irma Raush zur Debatte. Doch die hatte schon die weiblichen Hauptrollen in seinen ersten beiden Filmen. Abwechslung tat da Not. Da fiel ihm Ingmar Bergman ein, der schon immer einer seiner Helden war, demzufolge auch dessen Darstellerinnen: Bibi Andersson wurde also angefragt. Die sagte sogar zu, doch Tarkowski entschied sich nach einigem Hin und Her für die 20-jährige Natalia Bondartschuk. Das Räkeln konnte beginnen.

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Zuvor musste aber die wahre Intention aufwendigst kaschiert werden: Gigantische futuristische Studiokulissen wurden aufgebaut und einiges an der Vorlage verändert, was Stanislaw Lem nicht begeisterte. Auch sein bisheriger Stammkameramann Wadim Jussow haderte arg mit Tarkowskis Intentionen (es sollte auch ihre letzte Zusammenarbeit sein, denn Widerworte duldete das Genie eher nie). Tarkowski waren die Einwände egal: Nichts durfte seine Vision bremsen. Die Idee war, mit Szenen, in denen viel seltsames Zeugs geredet wurde, mittels Zuschauerverwirrung Spannung für die Schlüsselszene aufzubauen. Dieser Ansatz kann als misslungen bezeichnet werden, denn die von exzessivem Mundgebrauch eingelullten Zuschauer wurden von Natalias Ekstase dermaßen überrascht, dass sich Tarkowskis angedachte Erotik bei manchem männlichen Zuschauer nur bedingt auf die Lendengegend auswirkte. Und das, obwohl sich das Genie in Sachen Sexploitation-Pop-Sleaze nicht lumpen ließ: Die tragische Figur der Hari (Natalia Bondartschuk) ist in SOLARIS eine Superheldin, die nicht sterben kann, weil ihre Selbstheilkräfte von ihrem runden Meister Solaris gesteuert werden. Schon in einer wegbereitenden Szene, die wunderbar Schönheit und Leid vereint, zerfetzt Hari eine Stahltür. Ihre übermenschlichen Heilkräfte lassen jedoch die durch die scharfen Kanten der Stahltür zugefügten Schnittwunden wieder verschwinden. Aber das ist nur die (vermeintlich) geschickte Einleitung zum Höhepunkt des Films. Als sich Hari viel zu viele Drehbuchseiten später aus Liebeskummer selbst vergiftet, erwacht sie erneut zum Leben. Unter fast spastischen Räkelungen, einem Orgasmus gleich, zuckt sie sich ins Herz ihres Geliebten und des Sexploitationpublikums zurück.
Die berühmte Räkelszene wurde im Sommer 1971 gedreht und dauerte im fertigen Film lediglich zwei Minuten. Das befriedigte die Zuschauer nicht wirklich: Über zwei Stunden für das Vorspiel und eine halbe Stunde Nachspiel waren für diese Essenz etwas überzogen, sodass sich nicht wenige aus dem Publikum fragten: Musste ich mir gerade drei Stunden Gelaber über Gott und die Welt antun, nur um ein bisschen Schweinkram zu sehen? Der Visionär hatte eindeutig sein Zielpublikum verfehlt. Doch auch wenn Tarkowskis Rechnung nicht aufging, hatte er zumindest mit dem Ballast die Intelligenzija befriedigt, die wohlwollend über den Kern des Films hinweg sah, weshalb SOLARIS weltweit für die Füllszenen gefeiert wurde.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 95:5 (der Ehrlichkeit halber)

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
MAGDALENA – VOM TEUFEL BESESSEN (Walter Boos)
STALKER (Andrei Tarkowski)
2001 (Stanley Kubrick)
mochten

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