OHRFEIGEN (Slap In The Face)

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Bundesrepublik Deutschland 1969/70
Regie: Rolf Thiele
Drehbuch: Willibald Eser, Paul Hengge, Peter M. Thouet
Produzent: Herbert Maris
Kamera: Wolf Wirth
Musik: Uli Röver
Darsteller: Curd Jürgens, Gila von Weitershausen, Alexandra Stewart, Nadja Tiller, Kurt Ockermüller
87 min

Treffende Satire auf den 68er-Zeitgeist

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Angefixt vom 11.Hofbauerkongress und vor allem von VENUSBERG machte sich der Autor dieser Zeilen auf die Suche nach weiteren Werken von Rolf Thiele, um seinen extremen Ressentiments, den deutschen Film betreffend, entgegen zu wirken. Und ich muss sagen: Der erste Griff hat mich direkt nicht enttäuscht. OHRFEIGEN ist eine wunderbar eloquente Satire auf die 68er-Bewegung vs. Kapitalismusvertretung, in der beiden Seiten so richtig schön eingeschenkt wird.
Eva ist eine typische 68er Kommunardin. Zusammen mit ihren etwa zehn Kampfgenossen kommt sie in EINER Ente vor dem pompösen Firmensitz des Industriellen Terbanks vorgefahren, zieht sich nackt aus und stürmt eine Mitgliederversammlung des Aktionärs. Der hat scheinbar bei einem Deal für den Schrottwert der Aktien, von denen Eva und ihre Kommune leben, gesorgt. Terbanks ist sofort beeindruckt von der Unverblümtheit des Mädchens und buhlt fortan um ihre Gunst, was natürlich zu diversen Konflikten zwischen den Kommunarden und dem Kapitalisten führt. Auch Terbanks Sohn findet die junge Dame nicht unattraktiv und will sich in die Kommune einnisten. Eva ist jetzt hin- und hergerissen zwischen den beiden Kapitalisten, ihrer linksradikalen Moral und der Verwirklichung ihres Volkswirtschaftsstudiums. Am Ende siegt Evas sozialrevolutionäre Vernunft. Sie erteilt beiden Terbanks eine Abfuhr mit dem Spruch: „Ich lieb nur die im Schatten, ich lieb nicht die im Licht.“

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Thiele provozierte gern und so auch hier: Die ekelhafte Phrasendrescherei der Nachwuchsrevoluzzer wird superb aufs Korn genommen und ist problemlos in die heutige Zeit zu übertragen, in der besonders aggressive Antifa-AktivistInnen sehr schnell ihre Ideale verlieren, sobald sie „irgendein Praktikum bei irgendwas mit Medien“ machen. Die großväterliche, fast tätschelnde Haltung des Oberkapitalisten Terbanks, sr. (Curd Jürgens) bestätigt zwar die herablassende Art seiner damaligen und jetzigen Gesinnungsgenossen, ist aber angesichts des hilflosen Provokationsgeschreis und -getues seiner linken Gegner ein großer Pluspunkt bei der Identifikationssuche des Zuschauers, respektive mich. Ich habe mich des Öfteren bei einem „Jawoll, zeig’s der Göre!“ ertappt und fast ein bisschen geschämt. Besonders schön ist eine Szene, in der die Hippies in Terbanks riesige Villa eindringen, um Eva seinen Klauen zu entreißen. Doch sie ist schon halb korrumpiert. Terbanks Sekretär ruft derweilen die Polizei, doch die wird vom Hausherrn beschwichtigt, nicht auf die Revoluzzer einzuknüppeln. Stattdessen wird ein bisschen Sekt unter den Antiautoritären und den Vertretern der Staatsmacht verteilt und nach erfolgreicher Beschwipsung ein etwas bizarrer Tanz untereinander aufgeführt. Derlei Späßchen gibt es noch einige in diesem filmischen Glanzstück. Ein weiterer Hingucker sind die Kostüme und die Ausstattung, wobei man freilich davon eigentlich nicht sprechen kann, denn es war ja so, wie es hier ist. Das Kaufhaus, in dem Terbanks,sr. und Eva z.B. zum Shoppen gehen, sah vermutlich genauso genial aus, wie es hier zu sehen ist. Und die Klamotten mussten damals zwar auch vom Kostümbildner besorgt werden, aber ein Fundus war dafür bestimmt nicht von Nöten.
Obwohl ich noch ein Thiele-Neuling bin, befürchte ich, dass dieser wirklich kurzweilige, erstaunlich tiefgründige Film eher ein Ausrutscher im Umfeld seiner damaligen Schaffensphase war, auch wenn ich mich über Filme in eindeutig amouröseren Gefilden von ihm bestimmt genauso freue. Denn Schweinkram ist doch nie nicht schlecht. Noch einmal: Bin angefixt: Will mehr.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 2+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
MAGIC CHRISTIAN (Joseph McGrath)
EROTISSIMO (Gerard Pires)
CANDY (Christian Marquand)
mochten

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