VENUSBERG (Suspect)

ven0
Bundesrepublik Deutschland 1963
Regie, Drehbuch: Rolf Thiele
Produzent: Franz Seitz
Kamera: Wolf Wirth
Musik: Rolf Wilhelm
Darsteller: Nicole Badal, Monica Flodquist, Ina Duscha, Claudia Marus, Marisa Mell, Christina Granberg, Jane Axell
86 min

Provokanter Sex-Kunst-Hybrid

ven1
ven2
Sieben Frauen trudeln nacheinander in ein verschneites, bayrisches Landhaus ein. Sie alle waren oder sind scheinbar Mätressen des Gynäkologen Alphonse. Die Frauen sind unter sich, andere Männer sind dort gemäß der Hausregeln nicht erlaubt. Sie alle warten auf ihren Godot, der nie erscheint, vergnügen sich am Pool, diskutieren diverse Abtreibungsprobleme, begehen Selbstmordversuche oder telefonieren mit abwesenden Männern. An die Hausregeln wird sich anscheinend nur gehalten, wenn der Pascha anwesend ist, denn eine der Frauen bringt eine männliche Liebschaft über Nacht mit (und schlägt sich in einer amüsanten Szene das Hirn beim Vögeln auf). Es wird gewartet und gewartet, bis nacheinander die Frauen wieder abreisen. Zurück bleiben das Landhaus und der geschönte Blick auf Frauenthemen anno 1963.
VENUSBERG mag vielleicht heute vergleichsweise harmlos erscheinen, doch vor 50 Jahren hatte der Film schon arg mit der FSK zu kämpfen, bis er schließlich nach einigen Startverschiebungen und Abänderungen veröffentlicht wurde: Zum Beispiel war es damals nicht üblich, das Thema Abtreibung so nonchalant zu behandeln wie hier. Denn Skrupel darüber gibt es wenig, eher frech beiläufig und selbstverständlich wird das von den Frauen abgehakt. Generell scheinen sich die Frauen hier mit Ausnahme des Fotomodels Lola größtenteils emanzipiert zu haben. Diverse Grabenkämpfe und Stutenbissigkeiten um Alphonse sind zwar noch vorhanden, doch die freie Liebe hat auch im Münchner Hinterland Einzug gehalten: Männer sind sexueller Zeitvertreib, nicht mehr, nicht weniger. Was bei all der Emanzipationsbewegung allerdings doch etwas stört, ist die grenzenlose Hingabe zum Superhecht Alphonse. Denn als er sich ankündigt, putzen die Frauen sich und das Haus heraus. Dass er nicht erscheint, ist im Rahmen des hier gezeigten filmischen Universums nicht verwunderlich. Trotzdem treibt Alphonses Abwesenheit eine der Frauen zu einem Selbstmordversuch, dem mit einer detaillierten Magenspülung entgegen gewirkt wird, was die meisten Zuschauer 1963 nicht erfreut haben dürfte. Generell strotzt VENUSBERG nicht nur mit dieser Szene vor vorsätzlichen Provokationen auch jenseits des Verbalen: Zu schelmischer Musikbegleitung wird das Köpfen und Ausnehmen von Hühnern gezeigt, ein bisschen lesbische Liebe angedeutet und zögerlich mit der Nacktheit der Frauen unter Nachthemden oder im Pool kokettiert. Und eine beschlagene Glasscheibe gibt hinter Herzchengemale die eine oder andere Frauenbrust frei. Vor allem letztere Spielerei ist ein Beispiel für Wolf Wirths hervorragende Kameraarbeit, die ansonsten wunderbar mit Spiegelungen und Gegenlicht glänzt. Auch dass Männer nur als Schatten oder Stimmen den Film bevölkern, ist ein konsequenter visueller Umgang mit der Frauen-allein-zu-Haus-Thematik.

ven3
ven4
Eher anstrengend ist das wörtliche Zitieren anerkannter Schriftsteller wie Gottfried Benn oder Simone de Beauvoir sowie der bisweilen penetrant künstliche Dialog oder Offkommentar. All das wurde hoffentlich nur in das Drehbuch geschrieben, um biedere Unkenrufer zu beschwichtigen. Das schmälert doch ganz arg die frech-natürlichen und sehr selbstironischen Sprüche der Frauen, die sogar 50 Jahre später noch erstaunlich bissig sind. Es war eigentlich auch unnötig, da die Zensur sowieso eingriff. Rückblickend muss der FSK jedoch fast gedankt werden, denn das Übertönen der Textstelle „Sein zweitwichtigster Körperteil“ im Satz „Für mich fängt der Mann mit dem Kopf an, dann kommt lange nichts, dann sein zweitwichtigster Körperteil und dann erst seine Million!“ mit einer Kuckucksuhr ist ungefähr so kontraproduktiv und selbstentblößend wie das Zensieren des Wortes „Spend“ im Rolling-Stones-Lied „Let’s Spend The Night Together“, da sich das Publikum schon damals weitaus Schlimmeres zusammenreimte. Dankbarerweise wird somit zusätzlich der Kunstcharakter des Films forciert, denn die Zensur selbst nimmt eigentlich Godards Idee aus WEEKEND schon vorweg, in dem er die detaillierte Schilderung eines sexuellen Abenteuers an den prägnanten Stellen mit überlauter Musik vertuschte.
VENUSBERG beweist deutlich, dass es der deutsche Film im Jahre 1963 durchaus mit japanischen Sex-Kunst-Mutanten wie Koji Wakamatsu (der zur selben Zeit lediglich Frauenrücken nackt zeigen durfte) in Japan aufnehmen konnte. Und der Mut, 1963 einen reinen Frauenfilm mit Frauenproblemen plus männlichem Voyeurismus zu drehen, kann sowieso nicht hoch genug honoriert werden.
reda

ven5
ven6
Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 2+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
DAS SCHWEIGEN (Ingmar Bergman)
VIRIDIANA (Luis Bunuel)
GESCHICHTEN HINTER WÄNDEN (Koji Wakamatsu)
mochten

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s