DIE ARCHITEKTEN (The Architects)

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Deutsche Demokratische Republik 1989/90
Regie: Peter Kahane
Drehbuch: Thomas Knauf, Peter Kahane
Produzent: Herbert Ehler
Kamera: Andreas Köfer
Musik: Tamas Kahane
Darsteller: Kurt Naumann, Rita Feldmeier, Uta Eisold
103 min

Autokannibalistische DDR-System-Kritik

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Ein Architekt bekommt die Chance mit einer handverlesenen Truppe ein menschenfreundlicheres Konzept für eine geplante Satellitenstadt zu entwerfen. Doch nach und nach werden die konstruktiven Pläne des Kollektivs von staatlicher Stelle auf Altbewährtes zurechtgestutzt, bis sich seine Kollegen immer mehr aus dem Projekt rausziehen und darüber auch noch seine Ehe kaputt geht.
Ich wollte ihn mögen, vorsätzlich, ohne ihn gesehen zu haben. Ich dachte: Die Russen haben so wunderbare Regime-Kollaps-Filme gemacht, da kann DIE ARCHITEKTEN nur gut sein, vor allem mit der Trabantenstadt-Prämisse, die ich ja am Osten so liebe. Aber die Enttäuschung war bitter, nicht so sehr, weil der Film schlecht ist. Denn das ist er im Rahmen des gesamtdeutschen Filmschaffens nicht. Aber eben nur darauf bezogen.
DIE ARCHITEKTEN ist einer der letzten DDR-Filme mit typischer DDR-Thematik, sogar einer, der das Maul aufmachen durfte. Die Themen des Films sind zwar DDR-bezogen, die Umsetzung aber ein universaldeutsches Problem, denn während der Betrachtung des Films machte sich bei mir eine erschreckende Erkenntnis breit: Selbst 40 Jahre getrennte Welten haben auf beiden Seiten der Mauer das gleiche dialoglastige, bilderfeindliche Un-Kino geschaffen. Da muss nicht die DEFA-Ausrede mit „sozialistischer“ Diktatur des Inhalts herangezogen werden, denn der Westen brauchte keine SED, um genauso erbärmlich zu sein. Auch gilt die Ausrede nicht, dass das Drehbuch schon 1987 geschrieben wurde. Die Dreharbeiten begannen Anfang Oktober 1989, als zeitgleich schon Hunderttausende auf die Straßen gingen, die Schlussszene am Brandenburger Tor entstand sogar gerade noch vier Tage vor der Öffnung. Die Macher sahen, was passiert, wo war da Kreativität und Spontanität während der Dreharbeiten? Wieso überwindet ein ganzes Volk die Angst vor „denen“, aber nicht die künstlerische Speerspitze? Da rennt ein ganzes Volk zurückwinkend an einem Filmteam vorbei, das starr auf seinem Konzept beharrt. Die Crew muss ja nicht – im wahrsten Sinne des Wortes – den Demonstranten hinterherlaufen, einfach nur etwas mehr Mut zu formaler spontaner Kreativitäts-Infizierung innerhalb des filmischen Konzepts wäre wünschenswert gewesen.

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Zugegeben, ich bin verwöhnt von manch gutem Perestroika-Kino der Sowjets, aber was genau macht DIE ARCHITEKTEN so typisch deutsch, so grauenhaft statisch? Ich gestehe dem Film seine verbale Systemkritik zu, die bestimmt einiger Dialoge bedarf, um das Grauen zu erklären, ich gestehe ihm auch zu, dass der Machtapparat seine Entscheidungen nicht auf Berghügeln traf, sondern in kargen Büroräumen. Dass allerdings räumliche Beschränkungen beim Drehen von Büroszenen in deutschen Filmen nicht zwangsläufig langweilig sein müssen, zeigt z.B. der hervorragende Cinemascope-Psychothriller DER LETZTE ANGESTELLTE. Doch wo sind die Bilder in DIE ARCHITEKTEN? Warum müssen die Darsteller 85% des Films in irgendwelchen Räumen eingesperrt sein, warum müssen die immer innen diskutieren? Muss Beziehungsstress unbedingt in der Bude ausgetragen werden? Muss ich die Architekten immer vorm Reißbrett ihre Grabenkriege ausfechten lassen? Wieso sich nicht mit „natürlichen“ Außenaufnahmen retten? Warum kann der Architekt mit seiner Frau nicht auf einer Straße entlang gehen, in einer Totalen, mit schrecklichen Hochhäusern, die ihren Dialog erdrücken, und das ohne Nahaufnahmen, reicht das nicht an Bedrohung? Warum können die sieben Samurai-Architekten nicht auf Baustellen rumstehen und streiten, mit eventuell untersichtiger Cadrage mit Plattenbauten im Hintergrund? Das Ding heißt DIE ARCHITEKTEN, Mann! Das schreit nach Harmonie von Form und Inhalt!
Da ist eine große Chance vertan worden, wie man so schön sagt. Die gute deutsche Ordnung hat die Kreativität mürbegemacht und macht den Film DIE ARCHITEKTEN selbst zu seinem schärfsten Kritiker. Demzufolge sind auch die Screenshots hier irreführend, denn sie entstammen den 15% der Lauflänge (16 von 103 Minuten), welche nicht innen spielen und mit flachen Bildern aufwarten, die zu keiner Sekunde kinotauglich sind. DIE ARCHITEKTEN ist in seiner „Vorsicht“ weder Arthouse noch Exploitation. Es ist einfach nur ein Fernsehfilm, der ein Bäuerchen bei geschlossenem Mund mit etwas Mageninhalt füllt.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung: weder noch

Schulnote: 5

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
ungern ins Kino gehen.

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