FREIHEIT IST EIN PARADIES (S.E.R. – Svoboda eto rai)

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Sowjetunion 1988/89
Regie, Drehbuch: Sergei Bodrow
Produzent: Mosfilm
Kamera: Juri Schirtladse
Musik: Alexander Raskatow
Darsteller: Wladimir Kosyrew, Alexander Burejew, Swetlana Gajtan
72 min

Road Movie über einen pubertierenden Heimjungen

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Als Sergei Bodrow nach zehn Jahren als Drehbuchautor selbst Regisseur wurde, wollte er sich seinem pubertierenden Sohn mit Filmen nähern, die auch den Nachwuchs interessieren könnten. Seine Prämisse war „Einfache Filme über einfache Menschen.“ Schon sein Debüt DIE NICHTPROFESSIONELLEN konzentrierte sich auf die Ziellosigkeit von postpubertären Musikern. FREIHEIT IST EIN PARADIES ist sein Beitrag zur Sinnsuche vieler Jugendlicher, die in der Glasnostübergangsphase zwischen Angst und Hoffnung aufwuchsen. Lösungen lieferte Bodrow in beiden Filmen nicht, lediglich die Gründe für die Misere.
1988 durfte Bodrow in FREIHEIT IST EIN PARADIES als einer der ersten russischen Regisseure das „Innenleben“ von Heimen für schwer erziehbare Jugendliche zeigen. Deren militärische Struktur liefert schon auf den ersten Blick einen der Hauptgründe für den Niedergang des „sozialistischen“ Systems: Freiheit ist nicht nur in diesen Anstalten lediglich ein Traum. Schon in der Jugend wird nicht der Glaube an den Gemeinschaftssinn gefördert, sondern die Anpassung an ein hierarchisches System, das jeden Ausbruchsversuch, psychisch wie physisch, nicht duldet.
Der 13-jährige Sascha ist ein Heimkind, dessen Vater selbst in einem Arbeitslager einsitzt. Sascha scheint ihn nie kennengelernt zu haben. Deshalb bricht er immer wieder aus dem Heim aus, um ihn aufzuspüren. Auf seinen Roadtrips begegnet ihm das andere Russland: alleinerziehende Mütter, Wanderarbeiter, Trunkenbolde, viel Einsamkeit, Trostlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Seine Odyssee durch die Sowjetunion lebt dabei weniger von Dialogen, sondern ganz viel von der Stimmung seiner Bilder. Als Sascha endlich seinen Vater ausfindig macht, führt das Wiedersehen der Beiden im Gulag zwar nicht zur erwünschten Familienzusammenführung, aber zumindest zu einem Funken Hoffnung, bevor Sascha erneut in sein Internat zurückgebracht wird.

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Der Einfluss amerikanischer Road Movies auf Bodrow ist wie schon bei seinem Erstling DIE NICHTPROFESSIONELLEN auch in FREIHEIT IST EIN PARADIES deutlich zu spüren. Beides sind Bestandsaufnahmen zerrütteter menschlicher Überreste und den unendlichen Weiten russischer Landschaften. Wie auch Dennis Hopper in EASY RIDER erweist sich Bodrow als genauer Beobachter sozialer Probleme. Doch im Gegensatz zu EASY RIDER kann Bodrow nicht mit Gegenkonzepten als Anker für seinen Streuner aufwarten. Die meisten Menschen, denen Sascha begegnet, sind noch mehr Gefangene als er selbst. Eine Verwandte, die ihn bei der Polizei verpfeift, damit sie ihn endlich wieder los ist, um auf der Partnersuche keinen Klotz am Bein zu haben, oder Wachmänner, die ihn von einem Schlafplatz vertreiben oder gleich einen Schäferhund hinterherjagen, um selbst keine Probleme zu kriegen. Der Junge ist ausschließlich auf sich selbst und sein deformiertes Wertesystem angewiesen. Die wärmste und gleichzeitig traurigste Szene des Films ereignet sich, als Sascha auf einem Schiff von einem gleichaltrigen Mädchen angesprochen wird, weil sie erste Knutscherfahrungen sammeln will. Sascha macht aus Neugier mit, interessiert sich aber nicht wirklich dafür, da seine Sozialisation so etwas nicht kennt. Und schon bevor er zum Reflektieren Zeit hat, muss er wieder flüchten.
FREIHEIT IST EIN PARADIES war einer der erfolgreicheren Chernukha-Filme auf internationalen Festivals. Bodrow galt zurecht als vielversprechender sozialkritischer Nachwuchs. Allerdings traten seine Ambitionen durch US-Genre-Anbiederungen in seinen Folgefilmen KARTENBETRÜGER (1990) und ICH WOLLTE ENGEL SEHEN (1992) arg zurück. Erst mit seinem Post-Perestroikafilm GEFANGEN IM KAUKASUS (1996) besann er sich wieder auf seinen ursprünglichen Anspruch.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 2+

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
DIE NICHTPROFESSIONELLEN (Sergei Bodrow)
KARTENBETRÜGER (Sergei Bodrow)
ICH WOLLTE ENGEL SEHEN (Sergei Bodrow)
mochten

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