INTERGIRL (Interdevochka)

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Sowjetunion/Schweden 1989
Regie: Piotr Todorowski
Drehbuch, Vorlage: Wladimir Kunin
Produzent: Mosfilm
Kamera: Valeri Schuwalow
Musik: Piotr Todorowski
Darsteller: Jelena Jakowlewa, Thomas Laustiola, Larissa Malewannaja
143 min

Heuchlerisches Sozialdrama der Perestroika

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INTERGIRL ist die Verfilmung von Wladimir Kunins gleichnamigen Bestseller, der erst ein Jahr vorher erschienen war. Krankenschwester Tanja bumst als Interdevotschka ausländische Geschäftsmänner gegen Devisen. Als sie sich dabei einen schwedischen Ingenieur aufreißt, will sie ihre sieben Sachen packen, um dem Milieu und dem Land Adieu zu sagen. Doch Papa, der sich nie um sie geschert hat, will eine „Ablöse“ für Tanjas bevorstehende Ämtergänge. Also muss sie immer wieder als Nutte ran. Schließlich hat sie die Kohle zusammen, kann heiraten und nach Schweden ziehen. Da sie aber dort nicht arbeiten kann, langweilt sie sich zu Tode und vermisst Mütterchen Russland immer mehr. Wie es sich für eine Klischeegeschichte gehört, wird sie auch noch von ihrer Vergangenheit eingeholt: Ihre kleine Schwester tritt zu Hause in ihre Fußstapfen, und als ihre Mutter erfährt, wie Tanja ihr Geld verdient hat, begeht sie Selbstmord. Auch Tanja segnet in einem Open End das Zeitliche.
Saubere kapitalistische Kälte versus warme Ranzigkeit in der Heimat: Das einzige, was aus diesem Film bildungstechnisch mitgenommen werden kann, ist, dass die sog. Intergirls für ihre Aktivitäten nicht belangt werden konnten, da es in der Sowjetunion rechtlich offiziell keine Prostitution gab.

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So frisch KLEINE VERA war, so altbacken war INTERGIRL ein Jahr später. Chernukha war jetzt angesagt, das System musste in den Dreck, das hatte sich auch in der Filmindustrie herumgesprochen. INTERGIRL ist pseudokritisches, heuchlerisches Rentnerkino, das noch nicht einmal den Mumm hat, sein vorhandenes Exploitationpotenzial auszuschlachten. Gute Filme schaffen einen Spagat, schlechte Filme lassen einen künstlerischen Ansatz missen oder bewegen sich wie die meisten „sozialkritischen“ deutschen Filme im Rahmen eines Betroffenheitskinos, das mit einem Zeigefinger endet. So bekommt der Zuschauer die Lösungen gleich unbewusst mitliefert, damit die „Kritik“ möglichst schnell verdrängt werden kann. Und diese Form von Bevormundung durchzieht auch INTERGIRL.
Man nehme einen etablierten Regisseur (technische Erfahrung), adaptiere einen Bestseller über Prostitution (potenzieller Zuschaueransturm, weil anrüchig), achte darauf, dass Schweinkram vom Heftigkeitsgrad eines LOLITA (auch im Bezug auf dessen Erscheinungsjahr) von Kubrick drinne ist (Penis? Hihihi!) und schon freut sich die Hausfrau, genauer genommen vierzig Millionen Sowjetbürger.
INTERGIRL war der letzte große Blockbuster des zerbröselnden Systems. Seine filmgeschichtliche Relevanz ist z.B. daran zu erkennen, dass er nicht einmal einen Eintrag in der ofdb, der deutschen Online-Filmdatenbank, hat. Ganz so schrecklich ist er jetzt nicht, er hat schon seine Momente, wenn er den Alltag in der damaligen Sowjetunion zeigt, doch in jeder Sekunde blitzt die filmerische Routine durch. Apropos Routine: Da es allgemein bekannt war, dass das technische Equipment in der UdSSR unterirdisch war, konnte hier dank schwedischer Koproduzenten auch westliches Equipment benutzt werden, sodass diese Routine auch technisch mit narkolepsiefördernder Langeweile einzementiert werden konnte.
Schlimm, ganz ganz schlimm.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung: Weder noch

Schulnote: 5

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
3096 TAGE (Sherry Hormann)
DAS LEBEN DER ANDEREN (Florian v. Donnersmarck)
DER BAADER MEINHOF KOMPLEX (Uli Edel)
mochten.

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