DAS ASTHENISCHE SYNDROM (Astenicheskiy sindrom)

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Sowjetunion 1989
Regie: Kira Muratowa
Drehbuch: Sergei Popow, Alexander Tschernych, Kira Muratowa
Produzent: Nadja Popowa
Kamera: Wladimir Pankow
Darsteller: Sergei Popow, Olga Antonowa, Natalja Busko, Galina Sachurdaewa
146 min

Kunstfilm über den Kollaps der Sowjetunion

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Das heilige Dreigestirn der filmischen Perestroika waren (international) der sozialkritische KLEINE VERA von Vasili Pichul und die beiden künstlerischen Rundumschläge ASSA von Sergei Solowjow und DAS ASTHENISCHE SYNDROM von Kira Muratowa. Alle drei Filme strotzten vor angestauter Wut über ein politisches System, das schon lange an allen Ecken und Enden knirschte. Die Resultate waren in ihrer Frustansammlung denn auch alle jenseits der Zwei-Stunden-Grenze angesiedelt. Während KLEINE VERA eher melodramatisch und ASSA eher trivial den rebellischen Nachwuchs ansprachen, befriedigte DAS ASTHENISCHE SYNDROM das Bedürfnis der intellektuellen Sowjetabtrünnigen. Kira Muratowa war als Künstlerin filmisch schon seit Anfang der 60er im Rahmen der repressiven Möglichkeiten der Sowjetunion aktiv. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten, denn entweder wurden ihre Werke dort verstümmelt oder verschwanden im Giftschrank. Ihr Hauptinteresse galt immer den kleinen Leuten, ihr Filmstil war eher fragmentarisch, nonlinear, inklusive des ganzen künstlerischen Humbugs, der einen Kunstfilm eben vom Arthousefilm trennt. Von der sowjetischen Führung wurde das als elitär und zu persönlich verdammt, eine Meinung, die sich leider auch mit meiner deckt.
Hässlichkeit ist Muratowas Leitmotiv. Das spiegelt sich schon in der Form wieder. Der Film sieht aus wie auf dem Schrotthaufen der Filmgeschichte gefunden. Extrem körnige Bilder und wenn da mal Farbe durchblitzt, ist diese so ausgebleicht, als wäre das Filmmaterial in der hinterletzten Suppe eines maroden Filmstudios entwickelt worden. Muratowas Erzählung ist kollektiv, lediglich die Figur eines Lehrers begleitet den Zuschauer bisweilen durch eine menschliche Kraterlandschaft des kollabierenden sowjetischen Systems. Alle Darsteller pendeln zwischen Apathie und Hysterie, vor allem aber Letzteres. Es wird geschrien, geschlägert, auf Übelste geflucht und geheult. Hier sind alle am Ende.

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Der allerschönste technische Kniff erscheint in den ersten Sekunden des Films. Nach kurzem VHS-artigem Krisseln, das an Videoraubkopien der 80er erinnert, erscheinen die Credits auf einem ranzigen filmischen Bild, was aber zuerst nicht verwunderlich erscheint, da die meisten sowjetischen Filme mit miserablem technischen Standard und Verschlissenheit glänzen. Die nächste halbe Stunde begleiten wir in Schwarzweiß eine Frau, die nach dem Begräbnis ihres Mannes jeglichen Respekt vor ihrer Umwelt verloren hat. Sie beleidigt Leute auf der Straße, zettelt sogar Schlägereien an. Auch zuhause randaliert sie. Einmal nimmt sie einen total besoffenen Russkie mit nach Hause, versucht Sex zu haben, kriegt wieder einen Anfall und schmeißt ihn raus.
Dann wird der Film farbig im Rahmen seines Farbanspruchs. Der Schwarz-Weiß-Film wurde in einem Kino gezeigt, die Zuschauer verlassen kopfschüttelnd den Saal. Der Regisseur versucht zu beschwichtigen, dass der gezeigte Film in bester Tradition einer Muratowa oder eines Solowjow oder Sokurow entstanden sei. Und schon sind wir beim Kernproblem von Muratowas Rosskur. Die nächsten zwei Stunden gestalten sich anfangs noch interessant, jedoch macht sich nicht das asthenische Syndrom beim Zuschauer breit, sondern immer mehr das Sokurow-Syndrom: Renitente Kunstkacke weit jenseits der tolerierbaren Schmerzgrenze. Das Elend in der Sowjetunion wird ausgebreitet, an Einzelschicksalen aufgezeigt, stilistisch pendelnd zwischen Dokumentation und überlangem Verweilen in Momenten, wie z.B. das gefühlt zehnminütige Abfilmen von Hundewelpen in Käfigen.
Exemplarisch für diese Wankelmütigkeit ist das Panoptikum von der 60. bis zur 80. Minute: Eine Frau jammert, dass sich drei Leute einen Eimer zum Scheißen teilen müssen, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter auf der Warteliste für eine neue Wohnung vom 9. auf den 493. Platz gerutscht ist und dass ihre tote Mutter immer noch den Kühlschrank abbezahlen muss; Gekreische auf einem Fischmarkt, in eine Schlägerei mündend; das Ausnehmen eines Fisches; der verzweifelte Lehrer vor seiner desinteressierten Klasse, was auch in einer Schlägerei Lehrer-Schüler endet; das Hänseln eines Behinderten; das Zerschmeißen einer Fensterscheibe, hinter der eine Familie apathisch in die Kamera guckt, die dort auf engstem Raum wohnt sowie eine Prügelszene zwischen einem Vater und seiner Tochter. So geht das zwei Stunden dahin, bis die U-Bahn mit dem narkoleptischen Lehrer Richtung Nirgendwo fährt.
Sehr ambitioniert, aber sehr anstrengend – und das nicht wegen der Verfallsbilder. Wichtig ist dennoch die internationale Anerkennung für DAS ASTHENISCHE SYNDROM, wie z.B. der Silberne Bär in Berlin, doch erscheint so eine Entscheidung eher wie ein Pro-Forma-Preis für das Lebenswerk. Muratowa ist ihre künstlerische Hartnäckigkeit definitiv hoch anzurechnen, doch elitärer Humbug bleibt es trotzdem. „Menschen wollen das nicht sehen. Menschen wollen nicht darüber Nachdenken“, steht im einzigen Zwischentitel von DAS ASTHENISCHE SYNDROM. Ich sehe mir so etwas gerne an, aber keine zweieinhalb Stunden.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 3

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
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