SCHWANENSEE – DIE ZONE (Lebedinoe Ozero: Zona)

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Sowjetunion/Kanada/Schweden 1990
Regie, Kamera, Drehbuch: Juri Iljenko
Vorlage: Sergei Paradschanow (autobiografische Gefängnisnotizen)
Produzent, Musik: Virko Balej
Darsteller: Wiktor Solowjow, Ljudmila Jefimenko, Maja Bulgakowa
90 min

Kunstfilm-Allegorie über die Gefängniserlebnisse des Regisseurs Sergei Paradschanow

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Kunstfilme sind generell nicht meins, wenn sie keine Geschichte erzählen, sondern sich lediglich in abstrakten Narzissmen suhlen. SCHWANENSEE – DIE ZONE ist eine Ausnahme, da die Bilder ein einziges nihilistisches Fest sind. Juri Iljenko war Kameramann bei Sergei Paradschanows Klassiker SCHATTEN VERGESSENER AHNEN und wurde direkt danach selbst Regisseur.
Der bekennende Schwule Paradschanow bekam die Repression in der Sowjetunion extrem zu spüren: Er wurde 1973 wegen angeblicher Propagierung von Homosexualität vier Jahre in einen Gulag gesteckt (und 1982 gleich noch einmal für ein Jahr). Wie sein großer Bewunderer Andrei Tarkowski war Paradschanow zwar ein menschlich unangenehmer Narziss, aber ein radikaler Vollblutkünstler, der trotz staatlicher Repression keinen Millimeter von seinem Kunstanspruch abweichen wollte. Er verfolgte diese Visionen dermaßen despotisch, dass sich sein Freundeskreis jenseits der Knast-Solidarisierung sehr ausdünnte. Auch Iljenko hatte seine Probleme mit ihm, blieb ihm aber bis zu seinem Krebstod 1990 treu, bebilderte seine Gefängnisnotizen und zeigte ihm noch am Sterbebett die düstere Hommage.

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Drei Tage vor seiner Entlassung flüchtet ein nicht namentlich genannter Mann aus einem Gulag und versteckt sich in einem Hammer-und-Sichel-Monument in der Nähe des Gefängnisses. Als er seine Flucht fortsetzen will, wird er von einer Horde Halbstarker verprügelt und schleppt sich wieder in das Monument. Dabei wird er von einer Anwohnerin gesehen, die ihn gesund pflegt: Die Beiden verlieben sich, was ihren Sohn eifersüchtig macht, der das Monument als sein Spielplatzversteck ansieht. Er verpfeift den Flüchtigen. Der Namenlose wird wieder in den Gulag gesperrt und begeht einen Selbstmordversuch.
Was sich hier eigentlich ganz klassisch anhört, wird im Film nicht so linear erzählt. Dialoge sind dünn gesät, der Film lebt ausschließlich von seinen Bildern. Dass der Drehort tatsächlich der echte Gulag des Paradschanow war, dürfte Glasnost zuzuschreiben sein, denn erst ein Jahr zuvor wurde von Sergei Bodrow sr. mit FREIHEIT IST DAS PARADIES der erste Spielfilm gedreht, der überhaupt hinter Knastmauern blicken durfte.
SCHWANENSEE – DIE ZONE ist ein niederschmetternder, hoffnungsloser Film und zugleich ein wichtiges Zeitdokument über die gnadenlose Konsequenz der Repression in der Sowjetunion.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
FREIHEIT IST DAS PARADIES (Sergei Bodrow)
100 TAGE GENOSSE SOLDAT (Hussein Erkenow)
DIE WACHE (Alexander Rogoschkin)
mochten

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