THE ZERO YEARS (Zero Years)

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Griechenland 2005
Regie, Drehbuch: Nikos Nikolaidis
Produzent: Last Picture Pro, Nikos Nikolaidis, GFC
Musik: Simon Bloom (Simon Nikolaidis)
Kamera: Sifis Koundouros
Darsteller: Vicky Harris, Jenny Kitseli, Arhontissa Mavrakaki, Eftyhia Yakoumi
120 min

Vier-Frauen-Kammerspiel um Kommunikationslosigkeit, Faschismus und Isolation

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Nikos Nikolaidis (25.10.1939 – 5.9.2007) ist ein Unikat in der griechischen Filmlandschaft und ein echter Auteur. Auf dem Thessaloniki Film Festival wurde er fünfmal als bester Regisseur ausgezeichnet, bekam aber nie eine Trophäe für den besten Film.
Die Idee zu THE ZERO YEARS, seinem letzten Film, war schon in den 70ern entstanden und schloss seine Trilogie „Die Gestalt des kommenden Alptraums“ nach seinem Langfilm-Debüt EURIDICE B.A.2037 (1975) und MORNING PATROL (1987) ab:
Die Ausgangsbasis von THE ZERO YEARS ist dem seines Debüts sehr ähnlich. EURIDICE B.A.2037 beschäftigte sich mit der Isolation einer Frau, die in einem totalitären Regime in einer größeren Gefängniszelle vor sich hinvegetierte und darüber langsam den Verstand verlor. Diesmal sind es vier Frauen, die sterilisiert im staatlich organisierten Puff eines solchen Systems arbeiten. Das Regime ist schon so lange etabliert, dass es egal ist, dass die Überwachungskameras im Haus nicht mehr funktionieren. Ein Lagerkoller unter den Nutten hat sich breitgemacht: Die Puffmutter pendelt dauernd an der Schwelle zum Selbstmord, Mora durchlebt intensivste Scheinschwangerschaften und hält sich einen SM-Sklaven wie ein Baby, die verrückte Christina lässt keine Gelegenheit aus, ihre Titten auszupacken und wird dann immer mit der gruppeninternen Höchststrafe gemaßregelt, dem Zerschlagen von rohen Eiern auf ihrem nackten Oberkörper. Neuzugang Vicky scheint noch die Gesündeste unter ihnen zu sein, doch bald muss auch sie miterleben, dass das scheinbar wirre Gerede von unsichtbaren Kindern, die die Bewohnerinnen vergewaltigen, real ist.

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Trotz eines geringen Science-Fiction-Elements betonte Nikolaidis wie schon bei MORNING PATROL, dass alle Psychosen dieses Films jetzt schon Realität seien: „Es wäre ein Fehler, das als futuristische Geschichte zu interpretieren. Egal wie hart dieser Film erscheinen mag, ist er die Verkörperung von Dingen, die schon längst da und etabliert sind. Ich erzähle keine Geschichte von irgendwelchen verrückten, gefangen gehaltenen Personen. Ich betone einfach nur das Resultat, das körperliche und geistige Gewalt auf sie hat, in der das Verdrehen der Realität kein Mittel zur Flucht ist, sondern lediglich zu einer natürlichen gesunden Reaktion wird. Stille, chemische Unterdrückung, staatlicher Faschismus, Kommunikationslosigkeit, Angst und Apathie: All das ist schon längst im Gange.“
THE ZERO YEARS ist der kompromisslose Abschluss in Nikolaidis Filmografie (schade nur, dass der HD-Look ein bisschen den „Genuss“ schmälert), sein Meisterwerk, die Krone eines eklektischen Filmnarren, der ohne Rücksicht auf filmische Trends seinen Visionen radikal nachgegangen ist, auch wenn es eben über 30 Jahre dauerte, bis eine Idee Wirklichkeit wurde. Es wird geprügelt, masturbiert, geheult, gekotzt, geschrien, die unangenehmsten Momente aus ENTITY (1982) zitiert, und nebenbei, in all dem Wahnsinn, auch mal Uno gespielt, kurzum: das ganze Programm. Die trostlose Außenwelt des MORNING PATROL findet ihre verzweifelte Entsprechung in der Innenwelt der Zu-Hause-Gebliebenen. Auch deren größter Traum ist das Meer, bleibt aber nur Wunschtraum.
THE ZERO YEARS maximiert Nikolaidis sehr ausgeprägtes Faible für starke Frauen: Mir ist keine weiterer Film bekannt, der ausschließlich vier Frauen als Hauptdarstellerinnen in einem Kammerspiel hatte, selbst ROTE SONNE (1970) von Rudolf Thome ließ seine feministisch angehauchten Soziopathinnen nicht eingesperrt zurück, sondern gestand ihrem Rebellengeist ein Wirken in der Außenwelt zu.
Die rohen Eier, die den Frauen als Strafe auf die nackten Brüste geschmiert werden, sind übrigens nicht nicht nur symbolisch zu sehen, sondern auch eine Hommage an die improvisierte Eier-Szene auf dem Hausboot in J. Lee Thompsons EIN KÖDER FÜR DIE BESTIE (1962).
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 1-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
EURIDICE B.A.2037 (Nikos Nikolaidis)
ROTE SONNE (Rudolf Thome)
SEE YOU IN HELL MY DARLING (Nikos Nikolaidis)
mochten

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