SZAMANKA (Chamanka)

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Polen/Frankreich/Schweiz 1996
Regie: Andrzej Zulawski
Vorlage/Drehbuch: Manuela Gretkowska
Produzent: Jacky Ouaknine
Kamera: Andrzej Jaroszewicz
Musik: Andrzej Korzyński
Darsteller: Iwona Petry, Boguslaw Linda
117 min

Hardcore Zulawski: sein schönster Liebesfilm, seine filmische Rache an Polen und die Essenz seiner Leitthemen

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Eine sympathische junge Dame und ein netter älterer Herr lernen sich bei einer Wohnungsbesichtigung kennen. Sie studiert Ingenieurwesen, er ist Professor für Anthropologie. Beide sind zwar noch liiert, doch es funkt schon beim ersten Zusammentreffen. Eine romantische Affäre bahnt sich an, da beide mit ihren jetzigen Beziehungen nicht sehr zufrieden sind. Als der Professor die Überreste eines 2500 Jahre alten Schamanen untersucht, wiederholt sich zwischen den frisch Verliebten das Drama, das zum Tod des Schamanen geführt hat: Die Studentin schlägt ihrem Professor den Schädel ein und löffelt sein Gehirn.
Geschichten, die das Leben schrieb. Wer kennt das nicht in einer inbrünstigen Beziehung? Manch Kleinigkeit kann das Gegenüber schon mal in Rage und das Fass zum Überlaufen bringen. Und wer sich nicht schnell genug duckt, hat bisweilen eine Beule an der Birne oder eine Keule auf dem Schädel. So ist das eben und auch hier. Wie fast immer bei Zulawski gilt es für die Liebenden, kleinere Hindernisse auf dem Weg zu ihrem gemeinsamen Glück zu bewältigen. Die hedonistische junge Frau aus schlichten Verhältnissen, von ihren Freunden nur „Italienerin“ genannt, hat Schwierigkeiten, sich an das eher gebildete Umfeld von Michal, dem Professor, anzupassen. Er wiederum hat leichte Probleme mit dem wonneproppigen Gemüt seiner neuen Flamme. Zu spät zeigt ihm der Schamane den wahren Sinn des Lebens, denn da ist der Faden des Damoklesschwertes schon gerissen: In der Italienerin keimt nämlich auch noch die Eifersucht, da sie Michal zugunsten der Schamanenforschung zu vernachlässigen scheint. Das geht natürlich nicht, fingert der lieber an diesem knöchrigen Ötzi rum als an ihrem vor Wollust zuckenden Körper. Die Gute weiß schließlich keinen anderen Rat, als sich ihren Geliebten einzuverleiben. Was ihr schmeckt, geht somit in Fleisch und Blut über, der Rest wird ausgeschissen. Interessanter Ansatz. Eine Fortsetzung wäre somit durchaus interessant.

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Andrzej Zulawski machte schon immer die besseren, weil romantischeren Liebesfilme. Schade nur, dass sie nie „happy“ enden, was der einzige Grund sein könnte, warum seine Filme nicht für eine publikumswirksame Fernsehausstrahlung zur Prime Time in Betracht gezogen werden. Auch sein 1996 entstandener SZAMANKA bekam leider nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient hätte. Dabei hat er doch alles, was einen „typischen“ Zulawski ausmacht.
Wermutstropfen des perfekten Filmgenusses sind natürlich das Ende, das sogar nach dem vorherigen Hin und Her etwas aufgesetzt wirkt, und Zulawskis Tendenz zum Overacting kurz vor Theaterbühne, dem er auch hier nicht widerstehen konnte.
Es kann auch argumentiert werden, dass das alles bei Zulawski nicht wirklich neu sei und die Ähnlichkeiten zu seinem POSSESSION fünfzehn Jahre zuvor sind unübersehbar: die simple Grundidee (Tintenfischsex vs. Liebeskannibalismus), das etwas deprimierende Setting (West-Berlin vs. Warschau), die Eifersucht, weil Hilflosigkeit über den Dritten im Bunde (hier allerdings mit vertauschten Rollen: In POSSESSION war sein Nebenbuhler der Oktopus, in SZAMANKA ist ihr Nebenbuhler die Leiche). In beiden Filmen ist das Ende für die Zweigleisigen nicht schön: Isabelle Adjani in POSSESSION zerbricht an ihrer Liebe zum Tintenfisch und Michal zerbricht der Schädel. Aber immerhin ist da noch Hoffnung: Er wird in der Italienerin weiterleben.
Der Exil-Pole Zulawski hatte es mit seinem Heimatland nicht leicht, weshalb er nach dem unvollendeten DER SILBERNE PLANET mit seinem zweiten Regieausflug dorthin zurück kein wirklich gutes Haar an Polen ließ. Das Schwelgen in deutlich amourösen Gefilden und einige blasphemische Anspielungen auf die Erzreligiösität des Landes haben auch nach Öffnung gen Westen hin die Verantwortlichen dort nicht wirklich verzückt. International ging dieser Film etwas unter, doch wer wirklich an der Essenz des Andrzej Zulawski interessiert ist, sollte SZAMANKA nachholen: Hier ist alles das noch extremer, noch rudimentärer, was seine übrigen Arbeiten auch schon auszeichnete.
reda

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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 50:50

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
POSSESSION (Andrzej Zulawski)
DER LETZTE TANGO IN PARIS (Bernardo Bertolucci)
IM REICH DER SINNE (Nagisa Oshima)
mochten

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