DIE PIPI-REITER (Shonben raida)

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Japan 1983
Regie: Shinji Somai
Drehbuch: Chieko Schrader, Takuya Nishioka
Vorlage: Leonard Schrader
Produzent: Kei Ijichi (Kitty Films/Toho)
Kamera: Masaki Tamura, Akihiro ito
Musik: Katsu Hoshi
Darsteller: Tatsuya Fuji, Masatoshi Nagase, Michiko Kawai
118 min

Kinetisches Jugenddrama mit Tiefgang

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Shinji Somai (13.1.1948 – 9.9.2001) ist das „Missing Link“ der 80er im japanischen Kino. Er schaffte mit 13 Filmen von 1980-2000 den unmöglichen Spagat einerseits im Feuilleton anerkannt und dennoch Publikumsliebling zu sein. Viele seiner Filme wurden mit Preisen überschüttet und waren zeitgleich ein Kassenerfolg.
Drei Komponenten zeichneten einen typischen Somai aus.
a) Sein Einfühlungsvermögen in die Psyche Pubertierender. Im Mittelpunkt vieler seiner Geschichten standen Heranwachsende, die sich mit der Grausamkeit der Erwachsenenwelt anfreunden mussten.
b) Basis für eine stimmige Geschichte mussten gut ausgearbeitete Charaktere in den Drehbüchern sein. Die meisten Filme Somais beruhten daher auf angesehenen literarischen Vorlagen, anfangs waren das Manga, dann zunehmend bekannte Romane.
c) Sein Erkennungszeichen, vor allem in der ersten Hälfte seiner Regiekarriere, waren seine unglaublichen Plansequenzen, die teilweise bis zu einer Viertelstunde dauern konnten. In langen Einstellungen, manchmal mit minimal bewegter untersichtiger Kamera und oft schwebend vom Kran aus, holte er aus Schauspielern intensivere Interaktionen heraus als andere in den zerhackstückten Schuss-Gegenschuss-Standardsituationen des Fernsehens. Und er strafte den weitverbreiteten Irrglauben Hohn, dass der Zuschauer bei jedem Dialog die Pickel oder die schlechte Schminke der Hauptdarsteller begutachten müsse.

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All das vereint sich in seinem DIE PIPI-REITER. Die Geschichte: Die heile Freibad-Flausenwelt einer Teenie-Clique wird in einer zehnminütigen Anfangssequenz (Was muss ihm da das Herz geblutet haben, als er einen Close-Up einfügen musste!) beendet, als ihr Quotendickie von Yakuza verschleppt wird. Drogen, Mord und Totschlag bestimmen im weiteren Verlauf des Films das Bild der Erwachsenen, das den Jugendlichen teilweise knallhart vor Augen geführt wird. Am Ende siegt der jugendliche Übermut, doch die Narben zur „Reife“ sind geritzt.
Das Drehbuch stammte von Leonard und Chieko Schrader und gehört dabei, forciert durch Somais Stil, zu den Geschichten, die nicht einfach zu verstehen sind. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass er den Final Cut von vier Stunden auf zwei Stunden kürzen musste, damit er – absolut unpassend – in ein Double-Feature mit Mamoru Oshiis Anime-Film URUSEI YATSURA: ONLY YOU gequetscht werden konnte. Und da ihm, damals zumindest noch, seine Plansequenzen heilig waren, flog dafür eben etwas anderes raus. Der Film war trotz solcher Manierismen in Japan ein ziemlicher Erfolg. Vordergründig war er zwar ein klassischer Jugendfilm, aber Somai blickte eben etwas tiefer in das Herz seiner Darsteller als ähnliche gelagerte Filme. Der komplette kinetische Wahnsinn Somais wird in diesem Film fast schon ins Absurde getrieben. Plansequenz an Plansequenz, sogar in den Actionszenen. Die Highlights sind eine Verfolgungsjagd über treibende Baumstämme inklusive Schießereien und diversen Begegnungen mit dem nassen Element sowie der fast zehnminütige Showdown gegen Ende des Films.
Eine derartige Kompromisslosigkeit an Technik und Emotion übertraf er nur noch mit LOVE HOTEL, seinem einzigen Roman Porno, der zwei Jahre später entstand.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
TONDA COUPLE (Shinji Somai)
DAS SCHULMÄDCHEN IM MATROSENKLEID UND DIE MASCHINENPISTOLE (Shinji Somai)
LOVE HOTEL (Shinji Somai)
mochten

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