THE MOST BEAUTIFUL NIGHT IN THE WORLD (Sekai de ichiban utsukushii yoru)

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Japan 2008
Format: 1,93:1
Regie/Drehbuch: Daisuke Tengan
Produzent: Yasushi Minatoya
Kamera: Takumi Furuya
Musik: Yoko Kumagai
Darsteller: Tomorowo Taguchi, Sarara Tsukifune, Ryo Ishibashi, Shiro Sano
160 min

Episches Erwachsenen-Märchen

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-„I’m going to abandon civilization and live without resources.“
-“But I can’t. I have to watch 24!“
Daisuke Tengan dürfte als Drehbuchautor von Miikes AUDITION und IMPRINT ein Begriff sein. Gleiches gilt für die Arthouse-Fraktion: Schließlich schrieb er unter anderem die Drehbücher für UNAGI, DR. AKAGI und WARM WATER UNDER A RED BRIDGE, alle drei inszeniert von seinem Vater Shohei Imamura. Und dass nicht jeder Regie-Sohn eine Nulpe wie Kenta Fukasaku sein muss, beweist Tengan mit THE MOST BEAUTIFUL NIGHT IN THE WORLD. Nach vier Regie-Arbeiten ist dieser epische Spaziergang im magischen Realismus Japans sein Meisterstück.
In einer Rahmenhandlung erzählt die 14-jährige Midori, wie es dazu kam, dass ausgerechnet ihr Provinzkaff die größte Geburtenrate Japans vorweisen kann. Alles fängt damit an, dass der wegen einer vermeintlichen Vergewaltigung strafversetzte Journalist Ippachi (Tomorowo Taguchi) in ihrem Städtchen auftaucht. Nachdem er die Bekanntschaft mit einem päderastischen Schuldirektor, einem reaktionären Priester und einer verwirrten Alten gemacht hat, rücken drei weitere Personen in den Mittelpunkt seines Interesses: die „verrückte“ Shineko, die den Grad der Dummheit ihres Gegenübers an der Ausprägung ihres juckenden Ausschlags bestimmen kann; der Ex-Terrorist Nihei, der auf seinem Hausboot nur vermeintlich der Revolution abgeschworen hat; die Barbesitzerin Teruko, die ihre zwei Männer auf dem Gewissen hat und die Geister heraufbeschwören kann.
Aus purer Langeweile und Neugier versucht Ippachi herauszufinden, was es mit den beiden toten Liebhabern Terukos auf sich hat und fügt dabei die einzelnen Puzzle-Teile der Geschichte zu einem Ganzen zusammen. Mehr will ich eigentlich nicht verraten, außer dem, was in jeder anderen Besprechung zum Film auch steht: Ja, es gibt eine vergleichsweise harmlose Massenrammel-Szene mit 50 Leuten (irgendwo muss der Baby-Boom ja herkommen) und „Full Frontal Female Nudity“ für 30 Sekunden. Vermutlich Letzteres reichte in Japan für eine 18er-Freigabe, sodass THE MOST BEAUTIFUL NIGHT IN THE WORLD dort einem breiteren Publikum verwehrt blieb.

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Daisuke Tengan erzählt seine Parabel über die ewige Suche nach Glück und Genügsamkeit zumeist lakonisch, wobei die provinzielle Kulisse einen guten Teil zu dieser Ruhe beiträgt. Der trockene Humor erinnert an BALLAD OF NARAYAMA seines Vaters, der auch in einem Bergdorf spielt. Papas Einflüsse sind überhaupt allgegenwärtig, nur dass Tengan, der mittlerweile auch 50 Jahre alt ist, sein Autorenkino immer wieder mit nachwuchs-affineren, surrealen Animationssequenzen auflockert. Schließlich erzählt eine Pubertierende die Geschichte.
Gnadenlose 160 Minuten dauert diese Mischung aus Zivilisationskritik und Erwachsenenmärchen, doch wer bereit ist, sich die Zeit dafür zu nehmen, wird aus THE MOST BEAUTIFUL NIGHT IN THE WORLD mit dem Gefühl rausgehen, die ganze Welt umarmen zu müssen. Denn es muss ja nicht immer Massaker sein und irgendwie ist der Film einem FIGHT CLUB auch nicht unähnlich, nur eben ohne Soziopathen.
(Dieser Text erschien leicht abgewandelt erstmalig im Splatting Image Nr.79, September 2009. An meiner Meinung hat sich nichts geändert: Es ist mehr als schade, dass ein derartiger Aufwand und Anspruch in den Untiefen der Filmgeschichte versackt ist. Die japanische 18er-Freigabe ist völlig überzogen, lächerlich und offenbart eine schizophrene Gesinnung sondergleichen.)
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 70:30

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
BALLAD OF NARAYAMA (Shohei Imamura)
CHIHIROS REISE INS ZAUBERLAND (Hayao Miyazaki)
WELCOME TO DONGMAKGOL (Kwan-Hyun Park)
mochten

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