MANDARA (Mandala)

man10
Japan 1971
Regie: Akio Jissoji
Drehbuch: Toshiro Ishido
Produzent: Toyoaki Dan
Kamera: Yuzo Inagaki
Musik: Toru Fuyuki
Darsteller: Shin Kishida, Koji Shimizu, Hiroko Sakurai, Akiko Mori
136 min

Jissojis Buddhismus-Trilogie Teil 2: Sexuelle Gewalt und Hippieträume

man11
man12
1971 drehte Akio Jissoji den zweiten Teil seiner Buddhismus-Trilogie für die atg. Der Vorgänger MUJO war in seinem Anliegen schon gewagt, wurde aber mit MANDARA noch gesteigert: Shinichi und Yukiko, ein sexuell überdrüssiges Pärchen, werden an einem Strand von zwei Unbekannten überfallen, die Shinichi zusammenschlagen und Yukiko vergewaltigen. Traumatisiert, aber neugierig kehrt das Pärchen bald zum Tatort zurück. Dort treffen sie erneut auf die zwei Männer und deren Anstifter. Der offenbart ihnen, dass diese Vergewaltigung Teil eines Initiationsritus einer Sekte ist, die er in den Bergen leitet. Die Sekte lehnt soziale und sexuelle Normen ab, um durch Nahtod-Erfahrungen zu einem primitiveren, aber emotional „echtem“ Leben zurückzukehren. Das Pärchen tritt dem Kult bei, doch als eine Frau nach einem Vergewaltigungs-Ritual Selbstmord begeht, wird sein Ende eingeleitet. Der letzte Überlebende kauft sich vom Sektenvermögen ein antikes Schwert und das „Manyoshu“, die älteste Gedichtesammlung Japans, und fährt in die Zivilisation zurück. Was dort passieren wird, bleibt offen.
MANDARA ist wildes, intellektuell anspruchsvolles Kino, seinem Vorgänger sehr ähnlich, lediglich die Bilder sind jetzt größtenteils in Farbe. Das heißt wie schon in MUJO mutiges Framing, gewagte Fahrten und viele Aufnahmen mit extremen Weitwinkelobjektiven. Das Format schrumpft von 1,66:1 auf 1,85:1 (im dritten Teil POEM wird es schließlich Cinemascope sein). Jissojis extremer Ansatz zeigt sich auch in der Geschichte. Obwohl linear erzählt, setzt der Film einiges an Grundwissen über die japanische Kultur voraus. Nicht wenige wird der Film wegen seines bombastischen Rundumschlags ratlos zurück lassen.
Bombast trifft den Nagel auf den Kopf, denn hier wird eine komplette Philosophie, die irgendwo zwischen Schamanismus, Buddhismus und Chauvinismus angesiedelt ist, auf die Post-68er losgelassen. Das macht es nicht leicht, in Jissojis Planspiel eine Grenze zwischen Sympathie oder Antipathie für den Sektengedanken herauszufiltern. Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen und Freunden Nagias Oshima und Koji Wakamatsu war Akio Jissoji der revolutionäre Mensch zu wenig, er wollte den vollkommenen Menschen, losgelöst von allen „modernen“ Werten. Doch MANDARA steht nicht so wirklich im Einklang mit diesem Übermensch-Gedanken. Großgeist Jissoji wollte anscheinend den vollkommen zufriedenen Mann und nicht Menschen.

man13
man14
In jedem Falle kann MANDARA die Entstehungszeit und der Gegenkulturkontext positiv angerechnet werden. Die Ahs und Ohs der Cineastenszene sind ihm definitiv gewiss, denn theoretisch könnte jedes einzelne Filmstill gerahmt an die Wand gehängt werden. Wird allerdings die Tendenz in Jissojis zukünftiger Sexfilmografie zurate gezogen, entpuppt sich der Filmemacher Akio Jissoji trotz Kunstanspruch und „Leben im Fluss steter Wandlung“ als typisch japanisches männliches Klischeeprodukt seiner Zeit. Mit seinem Überbau-Wust verschleiert Jissoji ganz geschickt den Kern seines intellektuellen Vergewaltigungs-Pinku Eiga. Denn reißt man diesem Kunst-Ungetüm mal das Fleisch vom Leibe und legt das Skelett frei, tun sich einige Philosophielöcher auf. Es ist zum Beispiel auffällig, dass ausschließlich Frauen diesen Vergewaltigungs-Initiationsritus über sich ergehen lassen müssen, denn der damals aufkommende Emanzipationsgedanke lässt sich nicht ganz in Einklang mit Jissojis Bückvieh-Utopie bringen.
Der Sektenführer erläutert ungefähr zur Filmmitte das weibliche Aufnahmeritual der Vergewaltigung, das in seiner Essenz auf die Zwangseinführung der freien Liebe hinausläuft: Das Wohlwollen der Frauen, dem Manne generell zur Verfügung zu stehen, sei heutzutage abhandengekommen. Die erotische Feinfühligkeit der Frauen sei mittlerweile verkümmert und soll durch den Gewaltakt wieder reaktiviert werden. Zu oft würde ein falscher Gebrauch des Wortes Liebe mit blankem Egoismus verwechselt werden, was schädlich für den Gemeinschaftssinn sei. Paradebeispiele für diese Degeneration ist das Pärchen Yutaka und Yasuko, Freunde des ersten Pärchens, die auch in den Kult eingeführt werden. Sie sind zu sehr dem marxistischen Idealismus einer der zig studentisch-revolutionären Splittergruppen dieser Zeit verbunden, also nicht reif für diese pseudo-ideale Gesellschaftsform.
Yatsuko begeht nach dem Aufnahmeritual Selbstmord, sodass Yutaka aus Rache (Gewalt produziert Gegengewalt) die Hohepriesterin oder Fast-Gottheit vergewaltigt und somit den „heiligen“ Boden der Sekte verseucht. Das ist der auffälligste Schönheitsfehler dieser Utopie, insofern sich das Publikum theoretisch darauf einlässt. Denn so losgelöst sind diese Idealisten dann doch nicht: Müsste die Priesterin, dieses fast transzendentale Wesen, ihren Missbrauch im Sinne der Sektenphilosophie nicht genießen oder zumindest gleichgültig reagieren? Schließlich ist sie von allen Gruppenmitgliedern diejenige, die sich von den Zipperlein des modernen Menschen am weitesten entfernt hat. Lernfähigkeit ist nicht die große Stärke der Sekte, denn ihre Folgerung aus diesen „Unfällen“ ist lediglich, sich einen neuen Standort zu suchen.
Dass eine ideale Gesellschaft, deren Fundament auf Gewalt gebaut wird, scheitern muss, hat die Menschheitsgeschichte oft genug gezeigt. MANDARA torkelt in der Summe seiner einzelnen Teile ganz arg in die Arme des Post-68er-Sektenbooms, als orientierungslose drogenverseuchte Jugendliche mit Liebe und Blumen im Hirn für jeden Manns-Gott zu haben waren, egal ob sie in einem Extrem Charles Manson oder im anderen Bhagwan hießen. Jissoji verwebt diese Ideal-Suche dann noch ganz unverblümt mit der generellen Machosteinzeit im japanischen Gehirn. Aber das sind nur meine bescheidenen Gedanken. Jeder, der sich wirklich mit der Wechselwirkung von japanischer Kultur und Buddhismus auskennt, wird hier vermutlich vehement widersprechen. Ich sage nicht, dass der Film schlecht ist, ich sage nur, dass Jissojis Utopie ganz ordentliche Macken hat.
reda

man15
man16
Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
THIS TRANSIENT LIFE (Akio Jissoji)
DISTANCE (Koreeda Hirokazu)
THE PROFOUND DESIRE OF THE GODS (Shohei Imamura)
mochten

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s