DIE RUSSISCHE SYMPHONIE (Russkaya simfoniya)

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Russland, Frankreich, Deutschland 1994
Regie, Drehbuch: Konstantin Lopuschanski
Produzent: Lenfilm, Orient Express, ZDF
Kamera: Nikolai Pokopzew
Musik: Andrey Sigle
Darsteller: Wiktor Michailow, Alexander Ilin, Valentin Golubenko
109 min

Lopuschanskis apokalyptisches Quartett Teil 3: Minimal lustige Satire über den Zusammenbruch der Sowjetunion

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Die ersten Szenen von DIE RUSSISCHE SYMPHONIE wirken, nicht nur wegen ihrer Roteinfärbung, wie eine direkte Fortsetzung von DER MUSEUMSBESUCHER. Im weiteren Verlauf entpuppt sich der Film aber eher als satirische Bestandsaufnahme während der Apokalypse, primitiv-allegorisch dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Fluten steigen, Häuser brennen, auf der Straße herrscht Anarchie. Funktionäre werden vom Mob gezwungen, nackt durch die Straßen zu laufen. Es wird gesoffen ohne Ende, während zynische Witzchen über den Niedergang gemacht werden. Durch dieses Szenario stolpert der Intellektuelle Iwan Sergejewitsch Masajan (Wiktor Michailow), der immer wieder betont, er stehe in der Tradition von Tolstoi und Dostojewski. Er ist aber eigentlich der klassische Narr aus der russischen Literatur: Er versucht wieder und wieder staatliche Funktionäre zu überzeugen, ihm ein Motorboot zu geben, damit er Kinder retten könne. Schließlich darf er sogar auf dem Podium einer großen Kundgebung sein Anliegen vortragen, kriegt aber nur mühselig seine Zähne auseinander, da ihn in der vorherigen Szene die Fernsehmaskenbildner so bearbeitet haben, dass er außer Grinsen so gut wie nichts mehr kann.
Diese Szene ist leider symptomatisch, denn das größte Problem an DIE RUSSISCHE SYMPHONIE ist der Pseudowitz, der einfach hinten und vorne nicht funktionieren will, zumindest für Nicht-Russen.

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Es scheint so, als ob Lopuschanski seinen Kritikern beweisen wollte, dass er nicht immer todernst sein muss (so gesehen ist DIE RUSSISCHE SYMPHONIE auch der vorsätzlich kommerzfeindlichste Film, über dessen Kritik an der „russischen Intelligenz“ nur Filmkritiker aus den Reihen der Kritisierten lachen können). Zumindest nimmt er sich selbst nicht ernst. Denn neben humoristisch plump-aufgesetzten Begegnungen mit Doubles von Breschnew oder Gorbatschow gibt es auch eine Zugszene, die jeder, der einmal im ICE saß, von einem echten Russen kennt. Wurst wird ausgepackt, auf dem Tisch zerschnibbelt und ohne Rücksicht auf den Geruchssinn der Mitreisenden genüßlich verzehrt. In Lopuschanskis Film ist die Unterlage für dieses Gemetzel ein Zeitungsartikel über den Regisseur selbst, mit seinem Porträt in der oberen Ecke. Nach allerlei solchem Unfug kehrt der Film ganz zum Schluss in den Ernst zurück, den man von Lopuschanski gewohnt ist: Alle Versuche, die Kinder zu retten, sind gescheitert. Und die Tarkowski-Hommage fehlt ja auch noch: Also kriecht ganz zum Schluss der Antiheld wie die farbige Variante von Andrej Rubljow, seinen Gott anflehend, mit Kruzifixen behangen durch den Schnee, bis er im Weiß verschwindet.
DER MUSEUMSBESUCHER ist Lopuschanskis Meisterwerk, der möchtegern-absurde Folgefilm DIE RUSSISCHE SYMPHONIE leider der Tiefpunkt seiner Karriere. Das hat Sergei Solowjow drei Jahre zuvor mit seinem HAUS UNTER DEM STERNENHIMMEL besser gemacht, ganz einfach, weil dem Eklektiker Solowjow nicht Lopuschanskis Verkopfung im Weg stand. Was den Film aber dennoch sehenswert macht, sind wie immer Lopuschanskis Visionen vom Untergang, seine teils wirklich opulenten Verfallsbilder. Das kann er eben wie kein anderer.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 60:40

Schulnote: 3-

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
BRIEFE EINES TOTEN (Konstantin Lopuschanski)
DER MUSEUMSBESUCHER (Konstantin Lopuschanski)
DIE HÄSSLICHEN SCHWÄNE (Konstantin Lopuschanski)
mochten.

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