DER MUSEUMSBESUCHER (Posetitel Muzeya)

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Sowjetunion, Bundesrepublik Deutschland, Schweiz 1989
Regie, Drehbuch: Konstantin Lopuschanski
Produzent: Lenfilm, CSM, ZDF
Kamera: Nikolai Pokopzew
Musik: Alfred Schnittke, Viktor Kisin
Darsteller: Wiktor Michailow, Wadim Lobanow, Irina Rakschina, Alexander Rassinski
128 min

Lopuschanskis apokalyptisches Quartett Teil 2: Religiöse Sinnsuche nach dem Ende der Welt

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Ein junger Mann taucht am Rande von Müllbergen in einer heruntergekommenen Herberge an einem schmutzigen, umgekippten Meer auf. In den Fenstern der Herberge brennen Feuer, um sog. Degenerierte fernzuhalten, denn nach einer ökologischen Katastrophe sind 40% aller Neugeborenen geistig und körperlich behindert. Diese Degenerierten müssen in „Reservaten“ hausen und haben in der Nähe der Herberge einen Tempel errichtet, in dem sie Gott mit ihrem einzigen Gebetsspruch „Hol uns hier raus!“ anflehen, sie von ihrem Elend zu befreien.
Die Herberge ist die letzte Einkehrmöglichkeit auf dem Weg zu einem Museum, das die Fluten verschlungen hat. Wenn für sieben Tage Ebbe ist, kann in einem Dreitagesmarsch das Museum gefunden werden. Was genau das Museum ist, wird nie geklärt, doch viele pilgern dahin. Die meisten sterben dabei, weil sie sich auf dem Rückweg im Schlamm verirren. In STALKER war es das Zimmer, das immer wieder Menschen antrieb durch die lebensgefährliche Zone zu wandern, um den Sinn ihres Daseins zu ergründen, hier ist es das Museum, das der Pilger einfach nur anfassen will. Auch er wartet auf die Ebbe. Als sie endlich kommt, flieht er zunächst vor seinem Vorhaben – ähnlich wie die drei Picknicker in STALKER, die vor dem Raum plötzlich nicht mehr hinein wollen. Als vermeintlicher neuer Messias von den degenerierten Massen gefeiert, macht er sich doch noch auf zum Museum, die letzte halbe Stunde des Films mischt Wahnvorstellungen und Erinnerungen in seine Odyssee. Diesmal sind es keine Kinder, die im nuklearen Winter am Horizont verschwinden, sondern der Pilger, der von Müllhalden verschluckt wird.

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1988 begannen die Dreharbeiten zu IZGNANIE IZ ADA („Vertreibung aus der Hölle“), der u.a. vom ZDF koproduziert wurde.1989 wurde das Resultat als POSETITEL MUZEYA veröffentlicht. In Deutschland lief der Film als DER MUSEUMSBESUCHER in einigen wenigen Kinos. Obwohl der Film Premiere auf dem internationalen Filmfestival Moskau hatte und Lopuschanski mit dem Preis für den besten Regisseur ausgezeichnet wurde, verschwand DER MUSEUMSBESUCHER sehr schnell in der Versenkung. Selbst in der Schwarzmal-Übergangsphase von Sowjetunion zu Russland setzte Lopuschanski hier noch einen auf die Chernukha drauf, entzieht sich aber eigentlich der Kategorisierung, da die Apokalypse sein komplettes Werk zu bestimmen scheint.
Zeitlich könnte der Film nach BRIEFE EINES TOTEN spielen, in einem Land, das von Atombomben nicht getroffen wurde und das jetzt leise vor sich hinsiecht.
DER MUSEUMSBESUCHER ist vielleicht der am schwersten zugängliche Film in Lopuschanskis Gesamtwerk, aber auch der stimmigste. Die Kürze war das einzige Manko an BRIEFE EINES TOTEN. Trotz der Intensität der Darstellung erreichte die kurze Filmzeit nicht die Sogwirkung wie hier. Wiktor Michailow in der Rolle des Pilgers hängt nicht nur einmal winselnd an einer Wand, die gesammelte Last der Menschheit auf seinen Schultern und dabei Gott um Erlösung anflehend. Im Vorgänger war ihm nur eine Nebenrolle vergönnt, hier und auch im folgenden DIE RUSSISCHE SYMPHONIE durfte er seine ganze Bandbreite zeigen. Nie war Verzweiflung und Hoffnung verknüpfter als hier. Das Blau und Gelb aus dem Vorgänger ist verschwunden, dafür sind die Nächte weitestgehend rot eingefärbt. Statt der Kinder aus dem ersten Film sind es hier die Degenerierten, die, auf dem geistigen Stand eines Kindes zurückgeblieben, der erneute Antrieb für den Pilger sind, das Museum aufzusuchen.
Auch in der Filmmusik ist der Einfluss von STALKER unüberhörbar. Alfred Schnittke komponierte die Soundcollagen zum Untergang. Schnittke war ein ehemaliger Kollege von Tarkowskis Stammkomponisten Eduard Artemew, dem russischen Ennio Morricone, der neben zig anderen Filmmusiken u.a. auch die Musik zu SOLARIS und STALKER beisteuerte. Ein zweiter STALKER ist DER MUSEUMSBESUCHER zwar nicht geworden, doch Anhänger von Tarkowskis Meisterwerk werden auch an diesem Film ihre „Freude“ haben.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 90:10

Schulnote: 1

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
BRIEFE EINES TOTEN (Konstantin Lopuschanski)
DIE RUSSISCHE SYMPHONIE (Konstantin Lopuschanski)
DIE HÄSSLICHEN SCHWÄNE (Konstantin Lopuschanski)
mochten.

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