BRIEFE EINES TOTEN (Pisma myortvogo cheloveka)

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Sowjetunion 1985/86
Regie: Konstantin Lopuschanski
Drehbuch: Konstantin Lopuschanski, Wjatscheslaw Rybakow, Boris Strugatski
Produzent: Lenfilm
Kamera: Nikolai Pokopzew
Musik: Alexander Zhurbin
Darsteller: Rolan Bykow, Jossif Ryklin, Wiktor Michailow
83 min

Lopuschanskis apokalyptisches Quartett Teil 1: Extrem pessimistischer sowjetischer Anti-Atom-Film

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BRIEFE EINES TOTEN von Konstantin Lopuschanski und Michail Belikows ZERFALL sind meines Wissens nach die einzigen offiziellen sowjetischen Spielfilme zum Thema Tschernobyl. Obwohl ersterer nicht direkt Bezug auf Tschernobyl nimmt, ist er sehr eng mit dem SuperGAU verknüpft.
BRIEFE EINES TOTEN spielt ohne Rückblenden ausnahmslos im nuklearen Winter nach dem Atomkrieg. Ein Professor haust in einem ehemaligen Museum zusammen mit anderen Überlebenden. Der Alltag ist von Siechtum und Selbstmorden gezeichnet. Der Professor schreibt Briefe an seinen Sohn, wissend dass dieser sie niemals lesen können wird. Seine Frau ist schon schwer von der Strahlenkrankheit gezeichnet und stirbt bald. Die Außenwelt ist verwüstet, sie kann nur mit Gasmasken betreten werden. In einem nahegelegenen Krankenhaus sind Kinder untergebracht, die wegen des Schocks des Bombenabwurfs die Sprache verloren haben und deshalb laut Notstandsregierung unrentabel für ein Weiterleben in Bunkern sind. Der Professor kümmert sich um den Nachwuchs, während auch er langsam an der Strahlung zugrunde geht. Nach seinem Tod brechen die Kinder auf in die verstrahlte Außenwelt.
Kinder sind immer der Anker, die Hoffnung, die Zukunft in Lopuschanskis Endzeitvisionen, doch bei Schlussbildern, in denen eine zerlumpte, siebenköpfige Kinderschar mit Gasmasken langsam am Horizont verschwindet, darf die in jeder Kritik zu dem Film angesprochene „Hoffnung“ durchaus angezweifelt werden.

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Die Idee für BRIEFE EINES TOTEN war 1983 geboren, ein Jahr später war das Drehbuch fertig. Eine Szene zum Film steuerte Russlands berühmtester Science-Fiction-Autor Boris Strugatzki bei. Das Skript wanderte durch das „Komitee der sowjetischen Wissenschaftler für Frieden und gegen die atomare Bedrohung“ und der zähe sowjetische Apparat bekam ein abgewandeltes Skript, um Zensurprobleme zu verringern. Heimlich wurden aber noch andere Szenen gedreht. 1985 begannen die Dreharbeiten. Ursprünglich hatte das Skript mehrere Protagonisten und Nebenhandlungen. Doch Lopuschanski war mit den Dimensionen seines ersten Langfilms überfordert, sodass die beiden etablierten Regisseure Semjon Aranowitsch und Alexei German den Final Cut von knapp 90 Minuten erstellten, dem über eine halbe Stunde Restmaterial zum Opfer fiel. Gerade als Lopuschanski die erste Kopie des Films zog, hörte er in den Nachrichten von Tschernobyl. Wegen der immensen Auswirkungen konnte Moskau den Vorfall nicht geheim halten. Schon im Mai lief der Film intern in Moskau, im September war die sowjetische Premiere. Der Film war dort lange ausverkauft und tourte durch die ganzen internationalen Festivals. Böse Zungen behaupten sogar, dass der Film den Hauptpreis der Mannheimer Filmwoche im Oktober 1986 schon in der Tasche hatte, bevor ihn überhaupt jemand gesehen hatte.
Lopuschanskis Debüt ist zugleich sein radikalster Film. Der ganze Film wurde schwarz-weiß gedreht und später entweder in Gelb, Blau oder Braun getaucht. Was dem Film sehr zum Vorteil gereicht (gewollt oder nicht), ist, dass die (bisher) einzige russische DVD-Veröffentlichung so hundsmiserabel abgetastet wurde, dass der Film wirklich wie ein postnukleares Dokument für Außerirdische wirkt. Auch inhaltlich ist BRIEFE EINES TOTEN der unerbittlichste seines apokalyptischen Quartetts. Die Vernichtung ist global, keiner wird überleben. Selbst sein bester Film, der darauf folgende DER MUSEUMSBESUCHER, erreichte trotz seiner formalen Brillanz nicht mehr die unglaubliche Trostlosigkeit des Vorgängers.
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Arthouse-Exploitation-Gewichtung 80:20

Schulnote: 2

Dieser Film beschert Menschen einen unterhaltsamen Abend, die
DER MUSEUMSBESUCHER (Konstantin Lopuschanski)
DIE RUSSISCHE SYMPHONIE (Konstantin Lopuschanski)
DIE HÄSSLICHEN SCHWÄNE (Konstantin Lopuschanski)
mochten.

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